Das Hchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist 
das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche 
weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu 
pflegen, ist einem jeden unverwstlich eingeboren, die 
Eigentmlichkeit desselben jedoch bleibt uns und andern ein Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1
%
Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das 
Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig-beweglichen Monas in die 
Umgebungen der Auenwelt, wodurch sie sich erst selbst als innerlich 
Grenzenloses, als uerlich Begrenztes gewahr wird. ber dieses 
Erlebte knnen wir, obgleich Anlage, Aufmerksamkeit und Glck dazu 
gehrt, in uns selbst klar werden; andern bleibt aber auch dies immer 
ein Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 2
%
Als Drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung 
und Tat, als Wort und Schrift gegen die Auenwelt richten; dieses 
gehrt derselben mehr an als uns selbst, sowie sie sich darber auch 
eher verstndigen kann, als wir es selbst vermgen; jedoch fhlt sie, 
dass sie, um recht klar darber zu werden, auch von unserm Erlebten 
soviel als mglich zu erfahren habe. Weshalb man auch auf 
Jugendanfnge, Stufen der Bildung, Lebenseinzelheiten, Anekdoten und 
dergleichen hchst begierig ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 3
%
Dieser Wirkung nach auen folgt unmittelbar eine Rckwirkung, es 
sei nun, dass Liebe uns zu frdern suche oder Hass uns zu hindern 
wisse. Dieser Konflikt bleibt sich im Leben ziemlich gleich, indem ja 
der Mensch sich gleich bleibt und ebenso alles dasjenige, was 
Zuneigung oder Abneigung an seiner Art zu sein empfinden muss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 4
%
Was Freunde mit und fr uns tun, ist auch ein Erlebtes; denn es 
strkt und frdert unsere Persnlichkeit. Was Feinde gegen uns 
unternehmen, erleben wir nicht, wir erfahren's nur, lehnen's ab und 
schtzen und dagegen wie gegen Frost, Sturm, Regen und Schloenwetter 
oder sonst uere bel, die zu erwarten sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 5
%
Man mag nicht mit jedem leben, und so kann man auch nicht fr 
jeden leben; wer das recht einsieht, wird seine Freunde hchlich zu 
schtzen wissen, seine Feinde nicht hassen noch verfolgen, vielmehr 
erlangt der Mensch nicht leicht einen greren Vorteil, als wenn er 
die Vorzge seiner Widersacher gewahr werden kann: Dies gibt ihm ein 
entschiedenes bergewicht ber sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 6
%
Gehen wir in die Geschichte zurck, so finden wir berall 
Persnlichkeiten, mit denen wir uns vertrgen, andere, mit denen wir 
uns gewiss in Widerstreit befnden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 7
%
Das Wichtigste bleibt jedoch das Gleichzeitige, weil es sich in 
uns am reinsten abspiegelt, wir uns in ihm.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 8
%
Cato ward in seinem Alter gerichtlich angeklagt, da er denn in 
seiner Verteidigungsrede hauptschlich hervorhob, man knne sich vor 
niemand verteidigen, als vor denen, mit denen man gelebt habe. Und er 
hat vollkommen recht: Wie will eine Jury aus Prmissen urteilen, die 
ihr ganz abgehen? Wie will sie sich ber Motive beraten, die schon 
lngst hinter ihr liegen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 9
%
Das Erlebte wei jeder zu schtzen, am meisten der Denkende und 
Nachsinnende im Alter; er fhlt mit Zuversicht und Behaglichkeit, 
dass ihm das niemand rauben kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 10
%
So ruhen meine Naturstudien auf der reinen Basis des Erlebten; 
wer kann mir nehmen, dass ich 1749 geboren bin, dass ich (um vieles 
zu berspringen) mich aus Erxlebens "Naturlehre" erster Ausgabe 
treulich unterrichtet, dass ich den Zuwachs der brigen Editionen, 
die sich durch Lichtenbergs Aufmerksamkeit grenzenlos anhuften, 
nicht etwa im Druck zuerst gesehen, sondern jede neue Entdeckung im 
Fortschreiten sogleich vernommen und erfahren; dass ich, Schritt fr 
Schritt folgend, die groen Entdeckungen der zweiten Hlfte des 
achtzehnten Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag wie einen 
Wunderstern nach dem andern vor mir aufgehen sehe? Wer kann mir die 
heimliche Freude nehmen, wenn ich mir bewusst bin, durch 
fortwhrendes aufmerksames Bestreben mancher groen Welt 
berraschenden Entdeckung selbst so nahe gekommen zu sein, dass ihre 
Erscheinung gleichsam aus meinem eignen Innern hervorbrach und ich 
nun die wenigen Schritte klar vor mir liegen sah, welche zu wagen ich 
in dsterer Forschung versumt hatte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 11
%
Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein 
Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil 
die Luftschiffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel tausend 
Gemtern hervordrang, an solchen lngst vorausgesetzten, 
vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen, 
gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen; wie frisch und umstndlich 
jeder einzelne glckliche Versuch die Zeitungen fllte, zu 
Tagesheften und Kupfern Anlass gab; welchen zarten Anteil man an den 
unglcklichen Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmglich 
selbst in der Erinnerung wiederherzustellen, so wenig als wie lebhaft 
man sich fr einen vor dreiig Jahren ausgebrochenen, hchst 
bedeutenden Krieg interessierte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 12
%
Die schnste Metempsychose ist die, wenn wir uns im andern wieder 
auftreten sehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 13
%
Professor Zaupers "Deutsche Poetik aus Goethe" sowie der Nachtrag 
zu derselben, Wien 1822, darf dem Dichter wohl einen angenehmen 
Eindruck machen; es ist ihm, als wenn er an Spiegeln vorbeiginge und 
sich im gnstigen Lichte dargestellt erblickte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 14
%
Und wre es denn anders? Was der junge Freund an uns erlebt, ist 
ja gerade Handlung und Tat, Wort und Schrift, die von uns in 
glcklichen Momenten ausgegangen sind, zu denen wir uns immer gern 
bekennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 15
%
Gar selten tun wir uns selbst genug, desto trstender ist es, 
andern genug getan zu haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 16
%
Wir sehen in unser Leben doch nur als in ein zerstckeltes 
zurck, weil das Versumte, Misslungene uns immer zuerst 
entgegentritt und das Geleistete, Erreichte in der Einbildungskraft 
berwiegt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 17
%
Davon kommt dem teilnehmenden Jngling nichts zur Erscheinung; er 
sieht, geniet, benutzt die Jugend eines Vorfahren und erbaut sich 
selbst daran aus dem Innersten heraus, als wenn er schon einmal 
gewesen wre, was er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 18
%
Auf hnliche, ja, gleiche Weise erfreuen mich die mannigfaltigen 
Anklnge, die aus fremden Lndern zu mir gelangen. Fremde Nationen 
lernen erst spter unsere Jugendarbeiten kennen; ihre Jnglinge, ihre 
Mnner, strebend und ttig, sehen ihr Bild in unserm Spiegel, sie 
erfahren, dass wir das, was sie wollen, auch wollten, ziehen uns in 
ihre Gemeinschaft und tuschen mit dem Schein einer rckkehrenden 
Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 19
%
Die Wissenschaft wird dadurch sehr zurckgehalten, dass man sich 
abgibt mit dem, was nicht wissenswert, und mit dem, was nicht wissbar 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 20
%
Die hhere Empirie verhlt sich nur Natur wie der 
Menschenverstand zum praktischen Leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 21
%
Vor den Urphnomenen, wenn sie unseren Sinnen enthllt 
erscheinen, fhlen wir eine Art von Scheu, bis zur Angst. Die 
sinnlichen Menschen retten sich ins Erstaunen; geschwind aber kommt 
der ttige Kuppler Verstand und will auf seine Weise das Edelste mit 
dem Gemeinsten vermitteln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 22
%
Die wahre Vermittlerin ist die Kunst. ber Kunst sprechen heit 
die Vermittlerin vermitteln wollen, und doch ist uns daher viel 
Kstliches erfolgt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 23
%
Es ist mit den Ableitungsgrnden wie mit den Einteilungsgrnden, 
sie mssen durchgehen, oder es ist gar nichts dran.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 24
%
Auch in Wissenschaften kann man eigentlich nichts wissen, es will 
immer getan sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 25
%
Alles wahre Aperu kommt aus einer Folge und bringt Folge. Es ist 
ein Mittelglied einer groen, produktiv aufsteigenden Kette.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 26
%
Die Wissenschaft hilft uns vor allem, dass sie das Staunen, wozu 
wir von Natur berufen sind, einigermaen erleichtere; sodann aber, 
dass sie dem immer gesteigerten Leben neue Fertigkeiten erwecke zu 
Abwendung des Schdlichen und Einleitung des Nutzbaren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 27
%
Man klagt ber wissenschaftliche Akademien, dass sie nicht frisch 
genug ins Leben eingreifen; das liegt aber nicht an ihnen, sondern an 
der Art, die Wissenschaften zu behandeln, berhaupt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 28
%
Alles Gescheite ist schon gedacht worden; man muss nur versuchen, 
es noch einmal zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 29
%
Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, 
wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weit 
gleich, was an dir ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 30
%
Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 31
%
"Die vernnftige Welt ist als ein groes unsterbliches Individuum 
zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch 
sich sogar ber das Zufllige zum Herrn macht."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 32
%
Mir wird, je lnger ich lebe, immer verdrielicher, wenn ich den 
Menschen sehe, der eigentlich auf seiner hchsten Stelle da ist, um 
der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewaltttigen 
Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem 
vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was 
er will, und sich alsdann, weil die Anlage im ganzen verdorben ist, 
im einzelnen kmmerlich herumpfuscht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 33
%
Tchtiger, ttiger Mann, verdiene dir und erwarte:
von den Groen - Gnade,
von den Mchtigen - Gunst,
von den Ttigen und Guten - Frderung,
von der Menge - Neigung,
von dem einzelnen - Liebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 34
%
Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; wei 
ich, womit du dich beschftigst, so wei ich, was aus dir werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 35
%
Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken: Denn er findet auf 
seinem Wege immer ein Wahres oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs 
Leben hilft. Nur darf er sich nicht gehen lassen: Er muss sich 
kontrollieren; der bloe nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 36
%
Unbedingte Ttigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt 
bankrott.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 37
%
In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich 
die Absichten vorzglich der Aufmerksamkeit wert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 38
%
Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel 
als Zweck behandeln, da denn vor lauter Ttigkeit gar nichts 
geschieht oder vielleicht gar das Widerwrtige.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 39
%
Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so 
rein und schn sein, dass die Welt nur daran zu verderben htte; wir 
blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzurcken, das 
Zerstrte wiederherzustellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 40
%
Ganze, Halb- und Viertelsirrtmer sind gar schwer und mhsam 
zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen, 
wohin es gehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 41
%
Es ist nicht immer ntig, dass das Wahre sich verkrpere: Schon 
genug, wenn es geistig umherschwebt und bereinstimmung bewirkt, wenn 
es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lfte wogt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 42
%
Allgemeine Begriffe und groer Dnkel sind immer auf dem Weg, 
entsetzliches Unglck anzurichten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 43
%
"Blasen ist nicht flten; ihr msst die Finger bewegen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 44
%
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae 
nennen; man kann eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollstndige 
Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit 
ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 45
%
Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb 
der Grenzen seiner Fhigkeit und Fertigkeiten bewegt; aber selbst 
schne Vorzge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn 
jenes unerlsslich geforderte Ebenma abgeht. Dieses Unheil wird sich 
in der neuern Zeit noch fter hervortun; denn wer wird wohl den 
Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in 
schnellster Bewegung, genugtun knnen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 46
%
Nur klugttige Menschen, die ihre Krfte kennen und sie mit Ma 
und Gescheitigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 47
%
Ein groer Fehler, dass man sich mehr dnkt, als man ist, und 
sich weniger schtzt, als man wert ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 48
%
Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jngling, an dem ich nichts 
verndert noch gebessert wnschte; nur macht mir bange, dass ich 
manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fort zu schwimmen; 
und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen mchte, dass dem 
Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die 
Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkr der Wellen, sondern dem 
Willen seiner Einsicht Folge leiste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 49
%
Wie soll nun aber ein junger Mann fr sich selbst dahin gelangen, 
dasjenige fr tadelnswert und schdlich anzusehen, was jedermann 
treibt, billigt und frdert? Warum soll er sich nicht und sein 
Naturell auch dahin gehen lassen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 50
%
Fr das grte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lsst, 
muss sich halten, dass man im nchsten Augenblick den vorhergehenden 
verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den 
Mund lebt, ohne irgendetwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon 
Bltter fr smtliche Tagezeiten! Ein guter Kopf knnte wohl noch 
eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein jeder 
tut, treibt, dichtet, ja, was er vorhat, ins ffentliche geschleppt. 
Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der 
brigen, und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von 
Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles 
veloziferisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 51
%
So wenig nun die Dampfmaschinen zu dmpfen sind, so wenig ist 
dies auch im Sittlichen mglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das 
Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um 
Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die 
gegenwrtig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der 
Natur mit migem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder 
unverhltnismige Forderungen an die Welt zu machen, noch auch von 
ihr sich bestimmen zu lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 52
%
Aber in einem jeden Kreis bedroht ihn der Tagesgeist, und nichts 
ist ntiger, als frh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen, 
wohin sein Wille zu steuern hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 53
%
Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wchst 
mit den Jahren, und wen ich lnger um mich sehe, den suche ich 
immerfort aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde 
zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja, dass 
eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser bergang vom 
Unverfnglichsten zum Schdlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr 
empfunden werden msse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 54
%
Hierauf haben wir unsern Takt zu ben, sonst laufen wir Gefahr, 
auf dem Weg, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz 
unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Lauf des 
Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teuren Lehrgeld, das man 
leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 55
%
Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man berall das Gute zu 
finden und zu schtzen wei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 56
%
Ein historisches Menschengefhl heit ein dergestalt gebildetes, 
dass es bei Schtzung gleichzeitiger Verdienste und 
Verdienstlichkeiten auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 57
%
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der 
Enthusiasmus, den sie erregt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 58
%
Eigentmlichkeit ruft Eigentmlichkeit hervor.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 59
%
Man muss bedenken, dass unter den Menschen gar viele sind, die 
doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und 
da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 60
%
Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum 
einen bsen Stand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 61
%
Wenn ich die Meinung eines andern anhren soll, so muss sie 
positiv ausgesprochen werden, Problematisches hab' ich in mir selbst 
genug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 62
%
Der Aberglaube gehrt zum Wesen des Menschen und flchtet sich, 
wenn man ihn ganz und gar zu verdrngen denkt, in die wunderlichsten 
Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaen sicher 
zu sein glaubt, wieder hervortritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 63
%
Wir wrden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau 
erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von 
fnfundvierzig Graden erst fasslich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 64
%
Mikroskope und Fernrhre verwirren eigentlich den reinen 
Menschensinn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 65
%
Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht 
irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen, da, wo ich 
mich rgere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 66
%
Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft ber uns 
selbst zu geben, ist verderblich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 67
%
Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens 
anderer freut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 68
%
Frmmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die 
reinste Gemtsruhe zur hchsten Kultur zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 69
%
Deswegen lsst sich bemerken, dass diejenigen, welche Frmmigkeit 
als Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 70
%
Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 71
%
Erfllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man 
sich nie ganz genug getan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 72
%
Die Mngel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, 
muss man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu ntig ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 73
%
Das hchste Glck ist das, welches unsere Mngel verbessert und 
unsere Fehler ausgleicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 74
%
Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so 
musst du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; 
wenn du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht 
erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 75
%
Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den 
Frsten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen. 
Wir gewrtigen uns von ihm Schutz gegen uere und innere 
widerwrtige Verhltnisse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 76
%
Der Bach ist dem Mller befreundet, dem er nutzt, und er strzt 
gern ber die Rder; was hilft es ihm, gleichgltig durchs Tal 
hinzuschleichen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 77
%
Wer sich mit reiner Erfahrung begngt und darnach handelt, der 
hat Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 78
%
Die Theorie an und fr sich ist nichts ntze, als insofern sie 
uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 79
%
Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand 
genhert, und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und 
Beobachten zur Abstraktion.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 80
%
Wer zu viel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist 
den Verirrungen ausgesetzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 81
%
Nach Analogien denken, ist nicht zu schelten: Die Analogie hat 
den Vorteil, dass sie nicht abschliet und eigentlich nichts Letztes 
will; dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten 
Zweck im Auge trgt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und 
Wahres mit sich fortreit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 82
%
Gewhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist 
ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes; reines Anschauen des 
uern und Innern ist sehr selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 83
%
Es uert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren 
Handeln; dieses symbolisch, vorzglich durch Mathematik, in Zahlen 
und Formeln, durch Rede, uranfnglich, tropisch, als Poesie des 
Genies, als Sprichwrtlichkeit des Menschenverstandes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 84
%
Das Abwesende wirkt auf uns durch berlieferung. Die gewhnliche 
ist historisch zu nennen; eine hhere, der Einbildungskraft 
verwandte, ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes, 
irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie 
leicht sentimental, so dass wir uns nur, was gemtlich ist, aneignen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 85
%
Die Wirksamkeiten, auf die wir achten mssen, wenn wir wahrhaft 
gefrdert sein wollen, sind:
            vorbereitende,
            begleitende,
            mitwirkende,
            nachhelfende,
            frdernde,
            verstrkende,
            hindernde,
            nachwirkende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 86
%
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugngliche von dem 
Unzugnglichen zu unterscheiden; ohne dies lsst sich im Leben wie im 
Wissen wenig leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 87
%
"Le sens commun est le gnie de l'humanit."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 88
%
Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, 
muss vorerst in seinen uerungen betrachtet werden. Forschen wir, 
wozu ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes:
Die Menschheit ist bedingt durch Bedrfnisse. Sind diese nicht 
befriedigt, so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so 
erscheint sie gleichgltig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also 
zwischen beiden Zustnden, und seinen Verstand, den so genannten 
Menschenverstand, wird er anwenden, seine Bedrfnisse zu befriedigen; 
ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Rume der 
Gleichgltigkeit auszufllen. Beschrnkt sich dieses in die nchsten 
und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber 
die Bedrfnisse, treten sie aus dem Kreis des Gemeinen heraus, so ist 
der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr, 
die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 89
%
Es geschieht nichts Unvernnftiges, das nicht Verstand oder 
Zufall wieder in die Richte brchten; nichts Vernnftiges, das 
Unverstand und Zufall nicht missleiten knnten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 90
%
Jede groe Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt 
tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzu 
bald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede Institution 
verteidigen und rhmen, wenn man an ihre Anfnge erinnert und 
darzutun wei, dass alles, was von ihr im Anfang gegolten, auch jetzt 
noch gelte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 91
%
Lessing, der mancherlei Beschrnkung unwillig fhlte, lsst eine 
seiner Personen sagen: Niemand muss mssen. Ein geistreicher, froh 
gesinnter Mann sagte: Wer will, der muss. Ein dritter, freilich ein 
Gebildeter, fgte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte 
man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Mssens abgeschlossen 
zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen, 
von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch 
nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 92
%
Es gibt zwei friedliche Gewalten: Das Recht und die 
Schicklichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 93
%
Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. 
Das Recht ist abwgend und entscheidend, die Polizei berschauend und 
gebietend. Das Recht bezieht sich auf den einzelnen, die Polizei auf 
die Gesamtheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 94
%
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine groe Fuge, in der die 
Stimmen der Vlker nach und nach zum Vorschein kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 95
%
Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht 
offenbaren; es gibt Steine des Anstoes, ber die ein jeder Wanderer 
stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 96
%
Es wre nicht der Mhe wert, siebzig Jahre alt zu werden, wenn 
alle Weisheit der Welt Torheit wre vor Gott.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 97
%
Das Wahre ist gotthnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir 
mssen es aus seinen Manifestationen erraten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 98
%
Der echte Schler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte 
entwickeln und nhert sich dem Meister.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 99
%
"Aber die Menschen vermgen nicht leicht, aus dem Bekannten das 
Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand 
ebensolche Knste wie die Natur treibt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 100
%
"Denn die Gtter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch 
wissen wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 101
%
"Alles ist gleich, alles ungleich, alles ntzlich und schdlich, 
sprechend und stumm, vernnftig und unvernnftig. Und was man von 
einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich fters."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 102
%
"Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne 
zu wissen, ber was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle 
Gtter geordnet."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 103
%
"Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es 
mag recht oder unrecht sein; was aber die Gtter setzen, das ist 
immer am Platz, recht oder unrecht."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 104
%
"Ich aber will zeigen, dass die bekannten Knste der Menschen 
natrlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim 
vorgehen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 105
%
"Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennt aus dem 
Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwrtigen das Zuknftige, aus 
dem Toten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 106
%
"So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des 
Menschen; und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und 
jeder ahmt sie nach seiner Weise nach."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 107
%
"Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe 
entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn 
der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so 
wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwrtigen das Zuknftige 
erkennen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 108
%
"Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu 
vergleichen, und doch ist auch das blo Lebende verstndig. So wei 
der Magen recht gut, wann er hungert und durstet."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 109
%
"So verhlt sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und 
beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschrnkten aber 
erscheinen sie bald so, bald so."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 110
%
"In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer 
anblst und dem Stabe seine berflssige Nahrung nimmt; ist er aber 
rein geworden, dann schlgt man ihn und zwingt ihn, und durch die 
Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfhrt 
auch dem Menschen von seinem Lehrer."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 111
%
"Was einem angehrt, wird man nicht los, und wenn man es 
wegwrfe."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 112
%
Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein 
Zeugnis, dass der Mensch, er gebrde sich, wie er wolle, und so auch 
ganze Nationen immer wieder zum Angebornen zurckkehren. Und wie 
wollte das anders sein, da ja dieses seine Natur und Lebensweise 
bestimmt?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 113
%
Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfngen 
etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus 
losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwicklung aus 
sich selbst eingestanden; sie lassen in ihr eine produktive Kraft 
gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines gewahr 
gewordenen uern zu erklren. In solchen Richtungen mgen sie 
beharren!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 114
%
Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber 
eklektische Philosophen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 115
%
Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, 
aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was 
seiner Natur gem ist; und in diesem Sinne gilt alles, was Bildung 
und Fortschreitung heit, theoretisch oder praktisch genommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 116
%
Zwei eklektische Philosophen knnten demnach die grten 
Widersacher werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von 
seiner Seite sich aus allen berlieferten Philosophien dajenige 
aneignete, was ihm gem wre. Sehe man doch nur um sich her, so wird 
man immer finden, dass jeder Mensch auf diese Weise verfhrt und 
deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung 
bekehren kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 117
%
Sogar ist es selten, dass jemand im hchsten Alter sich selbst 
historisch wird, und dass ihm die Mitlebenden historisch werden, so 
dass er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 118
%
Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem 
Geschichtsschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch 
wird; denn der jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn 
er damals selbst dabei gewesen wre, nicht aber, was vormals war und 
damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder 
weniger auf die Beschrnktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, 
seines Klosters, wie seines Zeitalters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 119
%
Verschiedene Sprche der Alten, die man sich fters zu 
wiederholen pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen 
in spteren Zeiten geben mchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 120
%
Das Wort: Es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der 
Geometrie Fremder, in die Schule des Philosophen treten, heit nicht 
etwa: Man solle ein Mathematiker sein, um ein Weltweiser zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 121
%
Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie 
uns im Euklid vorliegt, und wie wir sie einen jeden Anfnger beginnen 
lassen. Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung, ja 
Einleitung in die Philosophie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 122
%
Wenn der Knabe zu begreifen anfngt, dass einem sichtbaren 
Punkte ein unsichtbarer vorhergehen msse, dass der nchste Weg 
zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem 
Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fhlt er einen gewissen Stolz, 
ein Behagen. Und nicht mit Unrecht: Denn ihm ist die Quelle alles 
Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et actu, 
ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues; dem 
Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 123
%
Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, 
so mssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist 
keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, 
Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heit 
ganz einfach: Gib einigermaen acht auf dich selbst, nimm Notiz von 
dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der 
Welt zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen 
Qulereien: Jeder tchtige Mensch wei und erfhrt, was es heien 
soll; es ist ein guter Rat, der einem jeden praktisch zum grten 
Vorteil gedeiht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 124
%
Man denke sich das Groe der Alten, vorzglich der Sokratischen 
Schule, dass sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor 
Augen stellt, nicht zu leerer Spekulation, sondern zu Leben und Tat 
auffordert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 125
%
Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, 
das Studium der griechischen und lateinischen Sprache frdert, so 
knnen wir uns Glck wnschen, dass diese zu einer hhern Kultur so 
ntigen Studien niemals rckgngig werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 126
%
Der Schulmann, indem er lateinisch zu schreiben und zu sprechen 
versucht, kommt sich hher und vornehmer vor, als er sich in seinem 
Alltagsleben dnken darf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 127
%
Denn wenn wir uns dem Altertum gegenberstellen und es ernstlich 
in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die 
Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen wrden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 128
%
Der fr dichterische und bildnerische Schpfungen empfngliche 
Geist fhlt sich dem Altertum gegenber in den anmutigst-ideellen 
Naturzustand versetzt; und noch auf den heutigen Tag haben die 
homerischen Gesnge die Kraft, uns wenigstens fr Augenblicke von der 
furchtbaren Last zu befreien, welche die berlieferung von mehrern 
tausend Jahren auf uns gewlzt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 129
%
Es gibt nur zwei wahre Religionen: Die eine, die das Heilige, 
das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der 
schnsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, 
ist Gtzendienst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 130
%
Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die 
Reformation zu befreien suchte; die Aufklrung ber griechisches und 
rmisches Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem 
freieren, anstndigeren und geschmackvolleren Leben hervor. Sie wurde 
aber nicht wenig dadurch begnstigt, dass das Herz in einen gewissen 
einfachen Naturzustand zurckzukehren und die Einbildungskraft sich 
zu konzentrieren trachtete.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 131
%
Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und 
von einer gttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, 
Gemt auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden 
gerichtet, welcher spter als Halbgott verklrt, als wirklicher Gott 
anerkannt und verehrt wurde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 132
%
Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schpfer das Weltall 
ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine 
Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seien Verklrung war das 
Pfand fr eine ewige Dauer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 133
%
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischt, so erfrischt 
das Gebet die Hoffnungen des Herzens.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 134
%
Ich bin berzeugt, dass die Bibel immer schner wird, je mehr 
man sie versteht, d.h. je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes 
Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, 
nach gewissen Umstnden, nach Zeit und Ortsverhltnissen einen 
eignen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 135
%
Genau besehen, haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und 
gegen andere zu protestieren, wenn auch nicht in religisem Sinne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 136
%
Wir haben das unabweichliche, tglich zu erneuernde, 
grundernstliche Bestreben: Das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, 
Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten, Vernnftigen mglichst 
unmittelbar zusammentreffend zu erfassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 137
%
Jeder prfe sich, und er wird finden, dass dies viel schwerer 
sei, als man denken mchte; denn leider sind dem Menschen die Worte 
gewhnlich Surrogate: Er denkt und wei es meistenteils besser, als 
er sich ausspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 138
%
Verharren wir aber in dem Bestreben: Das Falsche, Ungehrige, 
Unzulngliche, was sich in uns und andern entwickeln oder 
einschleichen knnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das 
mglichste zu beseitigen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 139
%
Mit den Jahren steigern sich die Prfungen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 140
%
Wo ich aufhren muss, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt 
mehr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 141
%
Zensur und Pressfreiheit werden immerfort miteinander kmpfen. 
Zensur fordert und bt der Mchtige, Pressfreiheit verlangt der 
Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch seiner Ttigkeit 
durch vorlautes, widersprechendes Wesen gehindert, sondern gehorcht 
sein; diese wollen ihre Grnde aussprechen, den Ungehorsam zu 
legitimieren. Dieses wird man berall geltend finden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 142
%
Doch muss man auch hier bemerken, dass der Schwchere, der 
leidende Teil, gleichfalls auf seine Weise die Pressfreiheit zu 
unterdrcken sucht, und zwar in dem Falle, wenn er konspiriert und 
nicht verraten sein will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 143
%
Man wird nie betrogen, man betrgt sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 144
%
Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich 
zu Kind verhlt, so das Verhltnis Volkheit zum Volke ausdrckt. Der 
Erzieher muss die Kindheit hren, nicht das Kind; der Gesetzgeber und 
Regent die Volkheit, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, 
ist vernnftig, bestndig, rein und wahr; dieses wei niemals fr 
lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann das 
Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein 
Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verstndige 
vernimmt, den der Vernnftige zu befriedigen wei und der Gute gern 
befriedigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 145
%
Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht: 
Wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum 
bekmmern wir uns nicht: Wir hten uns nur, dass es nicht in 
Versuchung komme, es zu tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 146
%
Wenn man den Tod abschaffen knnte, dagegen htten wir nichts; 
die Todesstrafen abzuschaffen, wird schwer halten. Geschieht es, so 
rufen wir sie gelegentlich wieder zurck.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 147
%
Wenn sich die Soziett des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu 
verfgen, so tritt die Selbsthilfe unmittelbar wieder hervor, die 
Blutrache klopft an die Tre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 148
%
Alle Gesetze sind von Alten und Mnnern gemacht. Junge und 
Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 149
%
Der Verstndige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der 
Vernnftige, sondern die Vernunft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 150
%
Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 151
%
Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist 
nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 152
%
Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische 
Wissenschaft. Beide gehren, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an 
und knnen nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich 
Lebenden in steter Rcksicht auf das, was uns vom Vergangenen brig 
und bekannt ist, gefrdert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 153
%
Der unschtzbare Vorteil, welchen die Auslnder gewinnen, indem 
sie unsere Literatur erst jetzt grndlich studieren, ist der, dass 
sie ber die Entwicklungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe 
whrend dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weg 
gehoben werden und, wenn das Glck gut ist, ganz eigentlich daran 
sich auf das wnschenswerteste ausbilden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 154
%
Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstrend sind, 
ist Wieland neckend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 155
%
Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem 
Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife 
und ihn nach Wrden behandle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 156
%
"Was sind Tragdien anders als versifizierte Passionen solcher 
Leute, die sich aus den uern Dingen ich wei nicht was machen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 157
%
Yorick Sterne war der schnste Geist, der je gewirkt hat; wer 
ihn liest, fhlt sich sogleich frei und schn; sein Humor ist 
unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 158
%
"Migkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 159
%
"Das Gesicht ist der edelste Sinn; die andern vier belehren uns 
nur durch die Organe des Takts: Wir hren, wir fhlen, riechen und 
betasten alles durch Berhrung; das Gesicht aber steht unendlich 
hher, verfeint sich ber die Materie und nhert sich den Fhigkeiten 
des Geistes."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 160
%
"Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so wrden 
Eifersucht und Hass wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; 
und setzten wir andere an unsere Stelle, so wrde Stolz und 
Einbildung gar sehr abnehmen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 161
%
"Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea: Die 
eine war anmutiger, die andere fruchtbarer."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 162
%
"Nichts im Leben, auer Gesundheit und Tugend, ist 
schtzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu 
erreichen und so wohlfeil zu erhandeln: Die ganze Arbeit ist 
Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie 
auszugeben."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 163
%
"Knnte man Zeit wie bares Geld beiseite legen, ohne sie zu 
benutzen, so wre dies eine Art von Entschuldigung fr den Miggang 
der halben Welt - aber keine vllige; denn es wre ein Haushalt, wo 
man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemhen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 164
%
"Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 165
%
"Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt 
mir keine so vollkommen lcherlich vor als der Streit ber die 
Echtheit alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die 
Schrift, die wir bewundern oder tadeln? Es ist immer nur der Autor, 
den wir vor uns haben; was kmmern uns die Namen, wenn wir ein 
Geisteswerk auslegen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 166
%
"Wer will behaupten, dass wir Virgil oder Homer vor uns haben, 
indem wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die 
Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter ntig? Und ich 
denke frwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so 
genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schnes 
Frauenzimmer, das mich einmal mit mglichst sem Lcheln befragte, 
wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 167
%
"Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine 
halbe Stunde fr gering halten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 168
%
"Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn 
die sind von der Art, dass Heuchelei sie nicht nachahmen kann. Auch 
haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe 
auszudrcken."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 169
%
"Unter allem Diebesgesindel sind die Narren die schlimmsten: Sie 
rauben euch beides, Zeit und Stimmung."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 170
%
Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu 
schtzen, regiert unser Betragen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 171
%
"Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und 
deren genauer Unterschied selten verstanden wird, man gebraucht oft 
eins fr das andere."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 172
%
"Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt. 
Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst und Humor, 
Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: Es gibt uns 
wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem 
Eigentmlichen einer jeden."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 173
%
"Ich denke, Wissenschaft knnte man die Kenntnis des Allgemeinen 
nennen, das abgezogene Wissen, Kunst dagegen wre Wissenschaft zur 
Tat verwendet; Wissenschaft wre Vernunft und Kunst ihr Mechanismus, 
deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen knnte. Und so 
wre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 174
%
"Vielleicht wird man mir einwenden: Man hlt die Poesie fr 
Kunst, und doch ist sie nicht mechanisch. Aber ich leugne, dass sie 
eine Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Knste und 
Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie nicht; denn diese 
ist Eingebung: Sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst 
regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern 
Genius."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 175
%
Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke 
wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert 
erfhre, was wir ihm schuldig sind, und einshe, was wir ihm schuldig 
werden knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 176
%
In dem Erfolg der Literaturen wird das frhere Wirksame 
verdunkelt, und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt berhand; 
deswegen man wohl tut, von Zeit zu Zeit wieder zurckzublicken. Was 
an uns Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir 
unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 177
%
Mge das Studium der griechischen und rmischen Literatur 
immerfort die Basis der hhern Bildung bleiben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 178
%
Chinesische, indische, gyptische Altertmer sind immer nur 
Kuriositten: Es ist sehr wohl getan, sich und die Welt damit bekannt 
zu machen; zu sittlicher und sthetischer Bildung aber werden sie uns 
wenig fruchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 179
%
Der Deutsche luft keine grere Gefahr, als sich mit und an 
seinen Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation 
geeigneter, sich aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum 
grten Vorteil gereichte, dass die Auenwelt von ihr so spt Notiz 
nahm.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 180
%
Sehen wir unsre Literatur ber ein halbes Jahrhundert zurck, so 
finden wir, dass nichts um der Fremden willen geschehen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 181
%
Das Friedrich der Groe aber gar nichts von ihnen wissen wollte, 
das verdross die Deutschen doch, und sie taten das Mgliche, als 
etwas vor ihm zu erscheinen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 182
%
Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, 
der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser 
Warnung nachzudenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 183
%
Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige 
erklren wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich 
beruhigen msste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 184
%
Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterliee man das 
Forschen allzu frh.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 185
%
Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der 
wird bel dran sein. Das Wissen frdert nicht mehr bei dem schnellen 
Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man 
sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 186
%
Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin 
auf, wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemhen; das 
Besondere mssen wir uns zueignen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 187
%
Die grten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 188
%
Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, 
darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht 
unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, dass er 
Lebensgenosse Warburtons gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 189
%
Eine freie Seele, wie die seine, kommt in Gefahr, frech zu 
werden, wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht 
herstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 190
%
Bei leichter Berhrbarkeit entwickelte sich alles von innen bei 
ihm heraus; durch bestndigen Konflikt unterschied er das Wahre vom 
Falschen, heilt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere 
rcksichtslos.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 191
%
Er fhlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er 
didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen 
er den entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen 
Terminologie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 192
%
Bei den vielfachsten Studien und Lektre entdeckte er berall 
das Unzulngliche und Lcherliche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 193
%
Shandeism nennt er die Unmglichkeit, ber einen ernsten 
Gegenstand zwei Minuten zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 194
%
Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und 
Gleichgltigkeit, von Leid und Freude soll in dem irlndischen 
Charakter liegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 195
%
Sagazitt und Penetration sind bei ihm grenzenlos.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 196
%
Seine Heiterkeit, Gengsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo 
diese Eigenschaften am meisten geprft werden, finden nicht leicht 
ihresgleichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 197
%
So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergtzt, 
ebenso sehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, dass wir von 
allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzckt, nichts in 
uns aufnehmen drfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 198
%
Das Element der Lsternheit, in dem er sich so zierlich und 
sinnig benimmt, wrde vielen andern zum Verderben gereichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 199
%
Das Verhltnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert. 
"Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er 
irgendwo.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 200
%
Er scherzt gar anmutig ber die Widersprche, die seinen Zustand 
zweideutig machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 201
%
"Ich kann das Predigen nicht vertragen; ich glaube, ich habe in 
meiner Jugend mich daran bergessen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 202
%
Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und 
Erwecker.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 203
%
"Unser Anteil an ffentlichen Angelegenheiten ist meist nur 
Philisterei."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 204
%
"Nichts ist hher zu schtzen als der Wert des Tages."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 205
%
"Pereant, qui ante nos nostra dixerunt!"
So wunderlich knnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein 
Autochthon zu sein. Wer sich's zur Ehre hlt, von vernnftigen 
Vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel 
Menschensinn zugestehen als sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 206
%
Die originalsten Autoren der neuesten Zeit sind es nicht 
deswegen, weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein, weil 
sie fhig sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher 
niemals wren gesagt gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 207
%
Daher ist das schnste Zeichen der Originalitt, wenn man einen 
empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln wei, dass 
niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden htte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 208
%
Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur 
hervor, wie die Blten aus den grnen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht 
man Rosen berall blhen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 209
%
Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an: Wo diese sind, 
treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die 
Gedanken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 210
%
"Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man 
knnte sagen, hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen 
wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja, der Spiegel kehrt 
unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein 
Bild sein fr alle Betrachtungen ber uns selbst."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 211
%
"Im Frhling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer; 
und doch geschieht es, dass, wenn wir zufllig an einem vorbeigehen, 
wir das Gefhl, das es mitteilt, so angenehm finden, dass wir ihm 
wohl nachhngen mgen. Dies mchte mit jeder Versuchung analog sein."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 212
%
"Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten 
lsst."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 213
%
Wer lange in bedeutenden Verhltnissen lebt, dem begegnet 
freilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das 
Analoge und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 214
%
Wenn der Mensch alles leisten soll, was man von ihm fordert, so 
muss er sich fr mehr halten, als er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 215
%
Solange das nicht ins Absurde geht, ertrgt man's auch gern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 216
%
Die Arbeit macht den Gesellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 217
%
Gewisse Bcher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man 
daraus lerne, sondern damit man wisse, dass der Verfasser etwas 
gewusst hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 218
%
Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 219
%
Es ist weit eher mglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu 
versetzen, das im entschiedensten Irrtum befangen ist, als eines, das 
Halbwahrheiten sich vorspiegelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 220
%
Die Lust der Deutschen am Unsichern in den Knsten kommt aus der 
Pfuscherei her: Denn wer pfuscht, darf das Recht nicht gelten lassen, 
sonst wre er gar nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 221
%
Es ist traurig, anzusehen, wie ein auerordentlicher Mensch sich 
gar oft mit sich selbst, seinen Umstnden, seiner Zeit herumwrgt, 
ohne auf einen grnen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel Brger.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 222
%
Die grte Achtung, die ein Autor fr sein Publikum haben kann, 
ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst 
auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung fr recht und 
ntzlich hlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 223
%
Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 224
%
Wenn ich irre, kann es jeder bemerken, wenn ich lge, nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 225
%
Der Deutsche hat Freiheit der Gesinnung, und daher merkt er 
nicht, wenn es ihm an Geschmacks- und Geistesfreiheit fehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 226
%
Ist denn die Welt nicht schon voller Rtsel genug, dass man die 
einfachsten Erscheinungen auch noch zu Rtseln machen soll?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 227
%
"Das kleinste Haar wirft seinen Schatten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 228
%
Was ich in meinem Leben durch falsche Tendenzen versucht habe zu 
tun, hab' ich denn doch zuletzt gelernt begreifen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 229
%
Die Freigebigkeit erwirbt einem jeden Gunst, vorzglich wenn sie 
von Demut begleitet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 230
%
Vor dem Gewitter erhebt sich zum letzten Male der Staub 
gewaltsam, der nun bald fr lange getilgt sein soll.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 231
%
Die Menschen kennen einander nicht leicht, selbst mit dem besten 
Willen und Vorsatz; nun tritt noch der bse Wille hinzu, der alles 
entstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 232
%
Man wrde einander besser kennen, wenn sich nicht immer einer 
dem andern gleichstellen wollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 233
%
Ausgezeichnete Personen sind daher bler dran als andere: Da man 
sich mit ihnen nicht vergleicht, passt man ihnen auf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 234
%
In der Welt kommt's nicht drauf an, dass man die Menschen kenne, 
sondern dass man im Augenblick klger sei als der vor uns Stehende. 
Alle Jahrmrkte und Marktschreier geben Zeugnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 235
%
Nicht berall, wo Wasser ist, sind Frsche; aber wo man Frsche 
hrt, ist Wasser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 236
%
Wer fremde Sprachen nicht kennt, wei nichts von seiner eigenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 237
%
Der Irrtum ist recht gut, solange wir jung sind; man muss ihn 
nur nicht mit ins Alter schleppen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 238
%
Alle Travers, die veralten, sind unntzes, ranziges Zeug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 239
%
Durch die despotische Unvernunft des Kardinals Richelieu war 
Corneille an sich selbst irregeworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 240
%
Die Natur gert auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse: Sie 
kann nicht durch und mag nicht wieder zurck, daher die 
Hartnckigkeit der Nationalbildung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 241
%
Metamorphose im hhern Sinn durch Nehmen und Geben, Gewinnen und 
Verlieren hat schon Dante trefflich geschildert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 242
%
Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es ffentlich 
aussprche, Missfallen erregen msste.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 243
%
Wenn der Mensch ber sein Physisches oder Moralisches nachdenkt, 
findet er sich gewhnlich krank.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 244
%
Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter 
betubt werde, ohne zu schlafen: Daher der Genuss im Tabakrauchen, 
Branntweintrinken, Opiaten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 245
%
Dem ttigen Menschen kommt es darauf an, dass er das Rechte tue; 
ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kmmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 246
%
Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er 
treffe jedes Mal den Nagel auf den Kopf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 247
%
Die franzsischen Worte sind nicht aus geschriebenen 
lateinischen Worten entstanden, sondern aus gesprochenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 248
%
Das Zufllig-Wirkliche, an dem wir weder ein Gesetz der Natur 
noch der Freiheit fr den Augenblick entdecken, nennen wir das 
Gemeine.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 249
%
Bemalung und Punktierung der Krper ist eine Rckkehr zur 
Tierheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 250
%
Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse 
zu schaffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 251
%
Was man nicht versteht, besitzt man nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 252
%
Nicht jeder, dem man Prgnantes berliefert, wird produktiv; es 
fllt ihm wohl etwas ganz Bekanntes dabei ein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 253
%
Gunst als Symbol der Souvernitt, von schwachen Menschen 
ausgebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 254
%
Es gibt nichts Gemeines, was, fratzenhaft ausgedrckt, nicht 
humoristisch ausshe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 255
%
Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszufhren, 
wovon er berzeugt ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 256
%
Das Gedchtnis mag immer schwinden, wenn das Urteil im 
Augenblick nicht fehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 257
%
Die so genannten Naturdichter sind frisch und neu aufgeforderte, 
aus eine rberbildeten, stockenden, manierierten Kunstepoche 
zurckgewiesene Talente. Dem Platten knnen sie nicht ausweichen, man 
kann sie daher als rckschreitend ansehen; sie sind aber 
regenerierend und veranlassen neue Vorschritte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 258
%
Keine Nation gewinnt ein Urteil, als wenn sie ber sich selbst 
urteilen kann. Zu diesem groen Vorteil gelangt sie aber sehr spt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 259
%
Anstatt meinen Worten zu widersprechen, sollten sie nach meinem 
Sinne halten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 260
%
Alle Gegner einer geistreichen Sache schlagen nur in die Kohlen: 
Diese springen umher und znden da, wo sie sonst nicht gewirkt htten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 261
%
Die Menschen verdriet's, dass das Wahre so einfach ist; sie 
sollten bedenken, dass sie noch Mhe genug haben, es praktisch zu 
ihrem Nutzen anzuwenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 262
%
Ich verwnsche die, die aus dem Irrtum eine eigene Welt machen 
und doch unablssig fordern, dass der Mensch ntzlich sein msse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 263
%
Eine Schule ist als ein einziger Mensch anzusehen, der hundert 
Jahre mit sich selbst spricht und sich in seinem eignen Wesen, und 
wenn es auch noch so albern wre, ganz auerordentlich gefllt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 264
%
Eine falsche Lehre lsst sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja 
auf der berzeugung, dass das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil 
kann, darf und muss man wiederholt aussprechen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 265
%
Der Mensch wre nicht der Vornehmste auf der Erde, wenn er nicht 
zu vornehm fr sie wre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 266
%
Das lngst Gefundene wird wieder verscharrt; wie bemhte sich 
Tycho, die Kometen zu regelmigen Krpern zu machen, wofr sie 
Seneca lngst anerkannt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 267
%
Wie lange hat man ber die Antipoden hin und her gestritten!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 268
%
Gewissen Geistern muss man ihre Idiotismen lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 269
%
Es werden jetzt Produktionen mglich, die Null sind, ohne 
schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, 
weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 270
%
Der Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 271
%
Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht 
mehr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 272
%
Unsere Meister nennen wir billig die, von denen wir immer 
lernen. Nicht ein jeder, von dem wir lernen, verdient diesen Titel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 273
%
Alles Lyrische muss im Ganzen sehr vernnftig, im Einzelnen ein 
bisschen unvernnftig sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 274
%
Es hat mit euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man 
unterschiedentliche Namen gibt, und es ist doch endlich alles 
gesalzen Wasser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 275
%
Man sagt: Eitles Eigenlob stinket; das mag sein. Was aber 
fremder und ungerechter Tadel fr einen Geruch habe, dafr hat das 
Publikum keine Nase.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 276
%
Der Roman ist eine subjektive Epope, in welcher der Verfasser 
sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu 
behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe, das andere 
wird sich schon finden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 277
%
Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, 
in der sie sich befinden, und denen keine genugtut. Daraus entsteht 
der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuss verzehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 278
%
Das eigentlich wahrhaft Gute, was wir tun, geschieht 
grtenteils clam, vi et precario.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 279
%
"Ein lustiger Gefhrte ist ein Rollwagen auf der Wanderschaft."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 280
%
Der Schmutz ist glnzend, wenn die Sonne scheinen mag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 281
%
Der Mller denkt, es wachse kein Weizen, als damit seine Mhle 
gehe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 282
%
Es ist schwer, gegen den Augenblick gerecht sein: Der 
gleichgltige macht uns Langeweile, am guten hat man zu tragen und am 
bsen zu schleppen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 283
%
Der ist der glcklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit 
dem Anfang in Verbindung setzen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 284
%
So eigensinnig widersprechend ist der Mensch: Zu seinem Vorteil 
will er keine Ntigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 285
%
Die Vorsicht ist einfach, die Hinterdreinsicht vielfach.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 286
%
Ein Zustand, der alle Tage neuen Verdruss zuzieht, ist nicht der 
rechte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 287
%
Bei Unvorsichtigkeiten ist nichts gewhnlicher, als Aussichten 
auf die Mglichkeit eines Auswegs zu suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 288
%
Die Hindus der Wste geloben, keine Fische zu essen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 289
%
Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man 
voran im Brette bewegt: Sie knnen geschlagen werden, aber sie haben 
ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 290
%
Es ist so gewiss als wunderbar, dass Wahrheit und Irrtum aus 
einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden 
darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 291
%
Ein unzulngliches Wahre wirkt eine Zeitlang fort, statt 
vlliger Aufklrung aber tritt auf einmal ein blendendes Falsche 
herein; das gengt der Welt, und so sind Jahrhunderte betrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 292
%
In den Wissenschaften ist es hchst verdienstlich, das 
unzulngliche Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen und 
weiter zu fhren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 293
%
Die Wahrheit gehrt dem Menschen, der Irrtum der Zeit an. 
Deswegen sagt man von einem auerordentlichen Manne: Le malheur des 
temps a caus son erreur, mais la force de son me l'en a fait sortir 
avec gloire.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 294
%
Jedermann hat seine Eigenheiten und kann sie nicht los werden; 
und doch geht mancher an seinen Eigenheiten, oft an den 
unschuldigsten, zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 295
%
Wer sich nicht zuviel dnkt, ist viel mehr, als er glaubt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 296
%
In Kunst und Wissenschaft sowie im Tun und Handeln kommt alles 
darauf an, dass die Objekte rein aufgefasst und ihrer Natur gem 
behandelt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 297
%
Wenn verstndige, sinnige Personen im Alter die Wissenschaft 
gering schtzen, so kommt es nur daher, dass sie von ihr und von sich 
zuviel gefordert haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 298
%
Ich bedaure die Menschen, welche von der Vergnglichkeit der 
Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer 
Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das 
Vergngliche unvergnglich zu machen; das kann ja nur dadurch 
geschehen, dass man beides zu schtzen wei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 299
%
Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, 
aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lsst's 
ja auch nicht daran fehlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 300
%
In der jetzigen Zeit soll niemand schweigen oder nachgeben; man 
muss reden und sich rhren, nicht um zu berwinden, sondern sich auf 
seinem Posten zu erhalten, ob bei der Majoritt oder Minoritt, ist 
ganz gleichgltig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 301
%
Was die Franzosen tournure nennen, ist eine zur Anmut gemilderte 
Anmaung. Man sieht daraus, dass die Deutschen keine tournure haben 
knnen; ihre Anmaung ist hart und herb, ihre Anmut mild und demtig; 
das eine schliet das andere aus und sind nicht zu verbinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 302
%
Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht 
mehr an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 303
%
Es begegnete und geschieht mir noch, dass ein Werk bildender 
Kunst mir beim ersten Anblick missfllt, weil ich ihm nicht gewachsen 
bin; ahn' ich aber ein Verdinest daran, so such' ich ihm beizukommen, 
und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen: An den 
Dingen werd' ich neue Eigenschaften und an mir neue Fhigkeiten 
gewahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 304
%
Der Glaube ist ein huslich, heimlich Kapital, wie es 
ffentliche Spar- und Hilfskassen gibt, woraus man in Tagen der Not 
einzelnen ihr Bedrfnis reicht, hier nimmt der Glubige sich seine 
Zinsen im Stillen selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 305
%
Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die 
Ausbreitung des Wahren, Klaren, Ntzlichen hindert, sondern dass man 
das Falsche in Kurs bringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 306
%
Der Irrtum ist viel leichter zu erkennen, als die Wahrheit zu 
finden; jener liegt auf der Oberflche, damit lsst sich wohl fertig 
werden; diese ruht in der Tiefe, danach zu forschen, ist nicht 
jedermanns Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 307
%
Wir alle leben vom Vergangnen und gehen am Vergangenen zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 308
%
Wie wir was Groes lernen sollen, flchten wir uns gleich in 
unsere angeborne Armseligkeit und haben doch immer etwas gelernt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 309
%
Den Deutschen ist nichts daran gelegen, zusammen zu bleiben, 
aber doch fr sich zu bleiben. Jeder, sei er auch welcher er wolle, 
hat so ein eignes Frsich, das er sich nicht gern mchte nehmen 
lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 310
%
Die empirisch-sittliche Welt besteht grtenteils nur aus bsem 
Willen und Neid.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 311
%
Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet's dem 
Dichter nicht, aberglubisch zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 312
%
Das Leben, so gemein es aussieht, so leicht es sich mit dem 
Gewhnlichen, Alltglichen zu befriedigen scheint, hegt und pflegt 
doch immer gewisse hhere Forderungen im stillen fort und sieht sich 
nach Mitteln um, sie zu befriedigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 313
%
Mit dem Vertrauen ist es eine wunderliche Sache. Hrt man nur 
einen: Der kann sich irren oder sich betrgen; hrt man viele: Die 
sind in demselbigen Falle, und gewhnlich findet man da die Wahrheit 
gar nicht heraus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 314
%
Unreine Lebensverhltnisse soll man niemand wnschen; sie sind 
aber fr den, der zufllig hineingert, Prfsteine des Charakters und 
des Entschiedensten, was der Mensch vermag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 315
%
Ein beschrnkter, ehrlicher Mensch sieht oft die Schelmerei der 
feinsten Mchler (faiseurs) durch und durch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 316
%
Wer keine Liebe fhlt, muss schmeicheln lernen, sonst kommt er 
nicht aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 317
%
Gegen die Kritik kann man sich weder schtzen noch wehren; man 
muss ihr zum Trutz handeln, und das lsst sie sich nach und nach 
gefallen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 318
%
Die Menge kann tchtige Menschen nicht entbehren, und die 
Tchtigen sind ihnen jederzeit zur Last.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 319
%
Wer meine Fehler bertrgt, ist mein Herr, und wenn's mein 
Diener wre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 320
%
Memoiren von oben herunter oder von unten hinauf: Sie mssen 
sich immer begegnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 321
%
Wenn man von den Leuten Pflichten fordert und ihnen keine Rechte 
zugestehen will, muss man sie gut bezahlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 322
%
Das so genannte Romantische einer Gegend ist ein stilles Gefhl 
des Erhabenen unter der Form der Vergangenheit oder, was gleich 
lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, Abgeschiedenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 323
%
Der herrliche Kirchengesang: Veni Creator Spiritus ist ganz 
eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und 
kraftreiche Menschen gewaltig anspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 324
%
Aufrichtig zu sein, kann ich versprechen, unparteiisch zu sein 
aber nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 325
%
Der Undank ist immer eine Art Schwche. Ich habe nie gesehen, 
dass tchtige Menschen wren undankbar gewesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 326
%
Wir alle sind so borniert, dass wir immer glauben, recht zu 
haben; und so lsst sich ein auerordentlicher Geist denken, der 
nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrtum hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 327
%
Reine mittlere Wirkung zur Vollendung des Guten und Rechten ist 
sehr selten; gewhnlich sehen wir Pedanterie, welche zu retardieren, 
Frechheit, die zu bereilen strebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 328
%
"Wer sich mit Wissenschaften abgibt, leidet erst durch 
Retardationen und dann durch Prokkupationen. Die erste Zeit wollen 
die Menschen dem keinen Wert zugestehen, was wir ihnen berliefern, 
und dann gebrden sie sich, als wenn ihnen alles schon bekannt wre, 
was wir ihnen berliefern knnten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 329
%
Wort und Bild sind Korrelate, die sich immerfort suchen, wie wir 
an Tropen und Gleichnissen genugsam gewahr werden. So von jeher, was 
dem Ohr nach innen gesagt oder gesungen war, sollte dem Auge 
gleichfalls entgegenkommen. Und so sehen wir in kindlicher Zeit in 
Gesetzbuch und Heilsordnung, in Bibel und Fibel sich Wort und Bild 
immerfort balancieren. Wenn man aussprach, was sich nicht bilden, 
bildete, was sich nicht aussprechen lie, so war das ganz recht; aber 
man vergriff sich gar oft und sprach, statt zu bilden, und daraus 
entstanden die doppelt bsen symbolisch-mystischen Ungeheuer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 330
%
Eine Sammlung von Anekdoten und Maximen ist fr den Weltmann der 
grte Schatz, wenn er die ersten an schicklichen Orten ins Gesprch 
einzustreuen, der letzten im treffenden Falle sich zu erinnern wei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 331
%
Wo der Anteil sich verliert, verliert sich auch das Gedchtnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 332
%
Die Welt ist eine Glocke, die einen Riss hat: Sie klappert, aber 
klingt nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 333
%
Die Zudringlichkeit junger Dilettanten muss man mit Wohlwollen 
ertragen; sie werden im Alter die wahrsten Verehrer der Kunst und des 
Meisters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 334
%
Wenn die Menschen recht schlecht werden, haben sie keinen Anteil 
mehr als die Schadenfreude.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 335
%
Gescheite Leute sind immer das beste Konversationslexikon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 336
%
Es gibt Menschen, die gar nicht irren, weil sie sich nichts 
Vernnftiges vorsetzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 337
%
Kenne ich mein Verhltnis zu mir selbst und zur Auenwelt, so 
hei' ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, 
und es ist doch immer dieselbige.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 338
%
Das Besondere unterliegt ewig dem Allgemeinen; das Allgemeine 
hat ewig sich dem Besondern zu fgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 339
%
Vom eigentlichen Produktiven ist niemand Herr, und sie mssen es 
alle nur so gewhren lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 340
%
Die Zeit ist selbst ein Element.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 341
%
Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 342
%
Ein Unterschied, der dem Verstand nichts gibt, ist kein 
Unterschied.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 343
%
Die Verwechselung eines Konsonanten mit dem andern mchte wohl 
aus Unfhigkeit des Organs, die Verwandlung der Vokale in Diphthongen 
aus einem eingebildeten Pathos entstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 344
%
Man kann nicht fr jedermann leben, besonders fr die nicht, mit 
denen man nicht leben mchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 345
%
Der Appell an die Nachwelt entspringt aus dem reinen lebendigen 
Gefhl, dass es ein Unvergngliches gebe und, wenn auch nicht gleich 
anerkannt, doch zuletzt aus der Minoritt sich der Majoritt werde zu 
erfreuen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 346
%
"Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so htte man gar keine 
Zeit, sie zu bertreten."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 347
%
Geheimnisse sind noch keine Wunder.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 348
%
"I convertiti stanno freschi appresso di me."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 349
%
Leichtsinnige, leidenschaftliche Begnstigung problematischer 
Talente war ein Fehler meiner frhern Jahre, den ich niemals ganz 
ablegen konnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 350
%
Ich mchte gern ehrlich mit dir sein, ohne dass wir uns 
entzweiten: Das geht aber nicht. Du benimmst dich falsch und setzest 
dich zwischen zwei Sthle; Anhnger gewinnst du nicht und verlierst 
deine Freunde. Was soll daraus werden!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 351
%
Es ist ganz einerlei, vornehm oder gering sein: Das Menschliche 
muss man immer ausbaden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 352
%
Die liberalen Schriftsteller spielen jetzt ein gutes Spiel, sie 
haben das ganze Publikum zu Suppleanten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 353
%
Wenn ich von liberalen Ideen reden hre, so verwundere ich mich 
immer, wie die Menschen sich gern mit leeren Wortschllen hinhalten: 
Eine Idee darf nicht liberal sein! Krftig sei sie, tchtig, in sich 
selbst abgeschlossen, damit sie den gttlichen Auftrag, produktiv zu 
sein, erflle. Noch weniger darf der Begriff liberal sein, denn der 
hat einen ganz andern Auftrag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 354
%
Wo man die Liberalitt aber suchen muss, das ist in den 
Gesinnungen, und diese sind das lebendige Gemt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 355
%
Gesinnungen aber sind selten liberal, weil die Gesinnung 
unmittelbar aus der Person, ihren nchsten Beziehungen und 
Bedrfnissen hervorgeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 356
%
Weiter schreiben wir nicht; an diesem Mastab halte man, was man 
tagtglich hrt!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 357
%
Es sind immer nur unsere Augen, unsere Vorstellungsarten; die 
Natur wei ganz allein, was sie will, was sie gewollt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 358
%
   "Gib mir! Wo ich stehe!"
            Archimedes.
         "Nimm dir, wo du stehest!"
            Nose.
         "Behaupte, wo du stehst!"
            G.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 359
%
Allgemeines Kausalverhltnis, das der Beobachter aufsucht und 
hnliche Erscheinungen einer allgemeinen Ursache zuschreibt; an die 
nchste wird selten gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 360
%
"Einem Klugen widerfhrt keine geringe Torheit."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 361
%
Bei jedem Kunstwerk, gro und klein, bis ins kleinste kommt 
alles auf die Konzeption an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 362
%
Es gibt eine Poesie ohne Tropen, die ein einziger Tropus ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 363
%
Ein alter gutmtiger Examinator sagte einem Schler ins Ohr:
            Etiam nihil didicisti,
und lsst ihn fr gut hingehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 364
%
Das Frtreffliche ist unergrndlich, man mag damit anfangen, was 
man will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 365
%
"Aemilium Paullum - virum in tantum laudandum, in quantum 
intelligi virtus potest."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 366
%
Ich habe mich so lange ums Allgemeine bemht, bis ich einsehen 
lernte, was vorzgliche Menschen im Besondern leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 367
%
Indem ich mich zeither mit der Lebensgeschichte wenig und viel 
bedeutender Menschen anhaltender beschftigte, kam ich auf den 
Gedanken, es mchten sich wohl die einen in dem Weltgewebe als 
Zettel, die andern als Einschlag betrachten lassen; jene gben 
eigentlich die Breite des Gewebes an, diese dessen Halt, Festigkeit, 
vielleicht auch mit Zutat irgendeines Gebildes. Die Schere der Parze 
hingegen bestimmt die Lnge, dem sich denn das brige alles zusammen 
unterwerfen muss. Weiter wollen wir das Gleichnis nicht verfolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 368
%
Auch Bcher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogen werden 
kann.
     Wer nie sein Brot mit Trnen a,
     Wer nicht die kummervollen Nchte
     Auf seinem Bette weinend sa,
     Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mchte.
Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine hchst 
vollkommene angebetete Knigin in der grausamsten Verbannung, zu 
grenzenlosem Elend verwiesen. Sie befreudete sich mit dem Buche, das 
diese Worte und noch manche schmerzliche Erfahrung berliefert, und 
zog daraus einen peinlichen Trost; wer drfte diese schon in die 
Ewigkeit sich erstreckende Wirkung wohl jemals verkmmern?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 369
%
Mit dem grten Entzcken sieht man im Apollosaal der Villa 
Aldobrandini zu Frascati, auf welche glckliche Weise Domenichin die 
Ovidischen Metamorphosen mit der schicklichsten rtlichkeit umgibt; 
dabei nun erinnert man sich gern, dass die glcklichsten Ereignisse 
doppelt selig empfunden werden, wenn sie uns in herrlicher Gegen 
gegnnt waren, ja dass gleichgltige Momente durch wrdige Lokalitt 
zu hoher Bedeutung gesteigert wurden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 370
%
Mannruschlein nannte man im siebzehnten Jahrhundert gar 
ausdrucksvoll die Geliebte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 371
%
Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf 
Hiddensee.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 372
%
Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen 
wir alle nur blinzend so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns 
zu verbrennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 373
%
"Die Klugen haben miteinander viel gemein." schylus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 374
%
Das eigentlich Unverstndige sonst verstndiger Menschen ist, 
dass sie nicht zurechtzulegen wissen, was ein anderer sagt, aber 
nicht gerade trifft, wie er's htte sagen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 375
%
Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch ber die Sprache 
sprechen zu knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 376
%
Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe kein Fehler 
begehen, den ich nicht auch begangen htte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 377
%
Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als 
der Betrachtende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 378
%
Ob denn die Glcklichen glauben, dass der Unglckliche wie ein 
Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der rmische 
Pbel zu fordern pflegte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 379
%
Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder. 
Lasst sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 380
%
Es gibt Personen, denen ich wohl will und wnsche, ihnen besser 
wollen zu knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 381
%
"Der eine Bruder brach Tpfe, der andere Krge." Verderbliche 
Wirtschaft!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 382
%
Wie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht, als 
wenn sie noch ginge, so blickt man auch wohl einer Schnen ins 
Gesicht, als wenn sie noch liebte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 383
%
Der Hass ist ein aktives Missvergngen, der Neid ein passives; 
deshalb darf man sich nicht wundern, wenn der Neid so schnell in Hass 
bergeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 384
%
Der Rhythmus hat etwas Zauberisches, sogar macht er uns glauben, 
das Erhabene gehre uns an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 385
%
Dilettantismus, ernstlich behandelt, und Wissenschaft, 
mechanisch betrieben, werden Pedanterei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 386
%
Die Kunst kann niemand frdern als der Meister. Gnner frdern 
den Knstler, das ist recht und gut; aber dadurch wird nicht immer 
die Kunst gefrdert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 387
%
"Deutlichkeit ist eine gehrige Verteilung von Licht und 
Schatten." Hamann. Hrt!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 388
%
Shakespeare ist reich an wundersamen Tropen, die aus 
personifizierten Begriffen entstehen und uns gar nicht kleiden 
wrden, bei ihm aber vllig am Platze sind, weil zu seiner Zeit alle 
Kunst von der Allegorie beherrscht wurde.
Auch findet derselbe Gleichnisse, wo wir sie nicht hernehmen 
wrden, z.B. vom Buche. Die Druckerkunst war schon ber hundert Jahre 
erfunden; demohngeachtet erschien ein Buch noch als ein Heiliges, wie 
wir aus dem damaligen Einbande sehen, und so war es dem edlen Dichter 
lieb und ehrenwert; wir aber broschieren jetzt alles und haben nicht 
leicht vor dem Einbande noch seinem Inhalte Respekt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 389
%
"Herr von Schweinichen" ist ein merkwrdiges Gesichts- und 
Sittenbuch; fr die Mhe, die es kostet, es zu lesen, finden wir uns 
reichlich belohnt; es wird fr gewisse Zustnde eine Symbolik der 
vollkommensten Art. Es ist kein Lesebuch, aber man muss es gelesen 
haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 390
%
Der trigste von allen Irrtmern ist, wenn junge gute Kpfe 
glauben, ihre Originalitt zu verlieren, indem sie das Wahre 
anerkennen, was von andern schon anerkannt worden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 391
%
Die Gelehrten sind meist gehssig, wenn sie widerlegen; einen 
Irrenden sehen sie gleich als ihren Todfeind an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 392
%
Die Schnheit kann nie ber sich selbst deutlich werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 393
%
Sobald man der subjektiven oder so genannten sentimentalen 
Poesie mit der objektiven, darstellenden, gleiche Rechte verlieh, wie 
es denn auch wohl nicht anders sein konnte, weil man sonst die 
moderne Poesie ganz htte ablehnen mssen, so war vorauszusehen, 
dass, wenn auch wahrhafte poetische Genies geboren werden sollten, 
sie doch immer mehr das Gemtliche des innern Lebens als das 
Allgemeine des groen Weltlebens darstellen wrden. Dieses ist nun in 
dem Grade eingetroffen, dass es eine Poesie ohne Tropen gibt, der man 
doch keineswegs allen Beifall versagen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 394
%
Madame Roland, auf dem Blutgerste, verlangte Schreibzeug, um 
die ganz besondern Gedanken aufzuschreiben, die ihr auf dem letzten 
Wege vorgeschwebt. Schade, dass man ihr's versagte; denn am Ende des 
Lebens gehen dem gefassten Geiste Gedanken auf, bisher undenkbare; 
sie sind wie selige Dmonen, die sich auf den Gipfeln der 
Vergangenheit glnzend niederlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 395
%
Man sagt sich oft im Leben, dass man die Vielgeschftigkeit, 
Polypragmosyne, vermeiden, besonders je lter man wird, sich desto 
weniger in ein neues Geschft einlassen solle. Aber man hat gut 
reden, gut sich und andern raten. lter werden heit selbst ein neues 
Geschft antreten; alle Verhltnisse verndern sich, und man muss 
entweder zu handeln ganz aufhren oder mit willen und Bewusstsein das 
neue Rollenfach bernehmen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 396
%
Groe Talente sind selten, und selten ist es, dass sie sich 
selbst erkennen; nun aber hat krftiges, unbewusstes Handeln und 
Sinnen so hchst erfreuliche als unerfreuliche Folgen, und in solchem 
Konflikt schwindet ein bedeutendes Leben vorber. Hievon ergeben sich 
in Medwins "Unterhaltungen" so merkwrdige als traurige Beispiele.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 397
%
Vom Absoluten in theoretischem Sinne wag' ich nicht zu reden; 
behaupten aber darf ich, dass, wer es in der Erscheinung anerkannt 
und immer im Auge behalten hat, sehr groen Gewinn davon erfahren 
wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 398
%
In der Idee leben heit das Unmgliche behandeln, als wenn es 
mglich wre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: Treffen 
beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worber die Welt vom 
Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 399
%
Napoleon, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch im 
Bewusstsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und 
spricht ihm jede Wirklichkeit ab, indessen er eifrig es zu 
verwirklichen trachtet. Einen solchen innern perpetuierlichen 
Widerspruch kann aber sein klarer, unbestechlicher Verstand nicht 
ertragen, und es ist hchst wichtig, wenn er, gleichsam gentigt, 
sich darber gar eigen und anmutig ausdrckt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 400
%
Er betrachtet die Idee als ein geistiges Wesen, das zwar keine 
Realitt hat, aber, wenn es verfliegt, ein Residuum (Caput mortuum) 
zurcklsst, dem wir die Wirklichkeit nicht ganz absprechen knnen. 
Wenn dieses uns auch starr und materiell genug scheinen mag, so 
spricht er sich ganz anders aus, wenn er von den unaufhaltsamen 
Folgen seines Lebens und Treibens mit Glauben und Zutrauen die Seinen 
unterhlt. Da gesteht er wohl gern, dass Leben Lebendiges 
hervorbringe, dass eine grndliche Befruchtung auf alle Zeiten hinaus 
wirke. Er gefllt sich, zu bekennen, dass er dem Weltgange eine 
frische Anregung, eine neue Richtung gegeben habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 401
%
Hchst bemerkenswert bleibt es immer, dass Menschen, deren 
Persnlichkeit fast ganz Idee ist, sich so uerst vor dem 
Phantastischen scheuen. So war Hamann, dem es unertrglich schien, 
wenn von Dingen einer andern Welt gesprochen schien, wenn von Dingen 
einer andern Welt gesprochen wurde. Er drckte sich gelegentlich 
darber in einem gewissen Paragraphen aus, den er aber, weil er ihm 
unzulnglich schien, vierzehn Mal variierte und sich doch immer 
wahrscheinlich nicht genug tat. Zwei von diesen Versuchen sind uns 
brig geblieben; einen dritten haben wir selbst gewagt, welchen hier 
abdrucken zu lassen wir durch oben Stehendes veranlasst sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 402
%
Der Mensch ist als wirklich in die Mitte einer wirklichen Welt 
gesetzt und mit solchen Organen begabt, dass er das Wirkliche und 
nebenbei das Mgliche erkennen und hervorbringen kann. Alle gesunden 
Menschen haben die berzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um 
sie her. Indessen gibt es auch einen hohlen Fleck im Gehirn, d.h. 
eine Stelle, wo sich kein Gegenstand abspiegelt, wie denn auch im 
Auge selbst ein Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf 
diese Stelle besonders aufmerksam, vertieft er sich darin, so 
verfllt er in eine Geisteskrankheit, ahnet hier Dinge aus einer 
andern Welt, die aber eigentlich Undinge sind und weder Gestalt noch 
Begrenzung haben, sondern als leere Nachtrumlichkeit ngstigen und 
den, der sich nicht losreit, mehr als gespensterhaft verfolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 403
%
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, 
was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben; vom 
Geschriebenen ist das wenigste brig geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 404
%
Und doch bei aller Unvollstndigkeit des Literarwesens finden 
wir tausendfltige Wiederholung, woraus hervorgeht, wie beschrnkt 
des Menschen Geist und Schicksal sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 405
%
Den einzelnen Verkehrtheiten des Tags sollte man immer nur groe 
weltgeschichtliche Massen entgegensetzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 406
%
Da wir doch zu dieser allgemeinen Weltberatung als Assessoren, 
obgleich sine voto, berufen sind und wir uns von den 
Zeitungsschreibern tagtglich referieren lassen, so ist es ein Glck, 
auch aus der Vorzeit tchtig Referierende zu finden. Fr mich sind 
von Raumer und Wachler in den neusten Tagen dergleichen geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 407
%
Die Frage: Wer hher steht, der Historiker oder der Dichter? 
Darf gar nicht aufgeworfen werden; sie konkurrieren nicht 
miteinander, so wenig als der Wettlufer und der Faustkmpfer. Jedem 
gebhrt seine eigene Krone.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 408
%
Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: Erst gegen sich 
selbst, dann gegen den Leser. Bei sich selbst muss er genau prfen, 
was wohl geschehen sein knnte, und um des Lesers willen muss er 
festsetzen, was geschehen sei. Wie er mit sich selbst handelt, mag er 
mit seinen Kollegen ausmachen; das Publikum muss aber nicht ins 
Geheimnis hineinsehen, wie wenig in der Geschichte als entschieden 
ausgemacht kann angesprochen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 409
%
Es geht uns mit Bchern wie mit neuen Bekanntschaften. Die erste 
Zeit sind wir hoch vergngt, wenn wir im allgemeinen bereinstimmung 
finden, wenn wir uns an irgendeiner Hauptseite unserer Existenz 
freundlich berhrt fhlen; bei nherer Bekanntschaft treten alsdann 
erst die Differenzen hervor, und da ist denn die Hauptsache eines 
vernnftigen Betragens, dass man nicht, wie etwa in der Jugend 
geschieht, sogleich zurckschaudere, sondern dass man gerade das 
bereinstimmende recht fest halte und sich ber die Differenzen 
vollkommen aufklre, ohne sich deshalb vereinigen zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 410
%
Eine solche freundlich-belehrende Unterhaltung ist mir durch 
Stiedenroths "Psychologie" geworden. Alle Wirkung des uern aufs 
Innere trgt er unvergleichlich vor, und wir sehen die Welt nochmals 
nach und nach in uns entstehen. Aber mit der Gegenwirkung des Innern 
nach auen gelingt es ihm nicht ebenso. Der Entelechie, die nichts 
aufnimmt, ohne sich's durch eigene Zutat anzueignen, lsst er nicht 
Gerechtigkeit widerfahren, und mit dem Genie will es auf diesem Weg 
gar nicht fort; und wenn er das Ideal aus der Erfahrung abzuleiten 
denkt und sagt, das Kind idealisiert nicht, so mag man antworten, das 
Kind zeugt nicht; denn zum Gewahrwerden des Ideellen gehrt auch eine 
Pubertt. Doch genug, er bleibt uns ein werter Gesell und Gefhrte 
und soll nicht von unserer Seite kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 411
%
Wer viel mit Kindern lebt, wird finden, dass keine uere 
Einwirkung auf sie ohne Gegenwirkung bleibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 412
%
Die Gegenwirkung eines vorzglich kindlichen Wesens ist sogar 
leidenschaftlich, das Eingreifen tchtig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 413
%
Deshalb leben Kinder in Schnellurteilen, um nicht zu sagen in 
Vorurteilen; denn bis das schnell, aber einseitig Gefasste sich 
auslscht, um einem Allgemeinern Platz zu machen, erfordert es Zeit. 
Hierauf zu achten, ist eine der grten Pflichten des Erziehers.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 414
%
Ein zweijhriger Knabe hatte die Geburtstagsfeier begriffen, an 
der seinigen die bescherten Gaben mit Dank und Freude sich 
zugeeignet, nicht weniger dem Bruder die seinigen bei gleichem Feste 
gegnnt.
Hiedurch veranlasst, fragte er am Weihnachtsabend, wo so viele 
Geschenke vorlagen, wann denn sein Weihnachten komme? Dies allgemeine 
Fest zu begreifen, war noch ein ganzes Jahr ntig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 415
%
Die groe Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen, ist, 
dass man immer das Innere und uere parallel oder vielmehr 
verflochten betrachten muss. Es ist immerfort Systole und Distole, 
Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens; kann man es auch nicht 
aussprechen, so beobachte man es genau und merke darauf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 416
%
Mein Verhltnis zu Schiller grndete sich auf die entschiedene 
Richtung beider auf einen Zweck, unsere gemeinsame Ttigkeit auf die 
Verschiedenheit der Mittel, wodurch wir jenen zu erreichen streben.
Bei einer zarten Differenz, die einst zwischen uns zur Sprache 
kam, und woran ich durch eine Stelle seines Briefs wieder erinnert 
werde, macht' ich folgende Betrachtungen:
Es ist ein groer Unterscheid, ob der Dichter zum Allgemeinen das 
Besondere sucht oder im Besonderen das Allgemeine schaut. Aus jener 
Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als 
Exempel des Allgemeinen gilt; die letztere aber ist eigentlich die 
Natur der Poesie, sie spricht ein Besonderes aus, ohne ans Allgemeine 
zu denken oder darauf hinzuweisen. Wer nun dieses Besondere lebendig 
fasst, erhlt zugleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden, 
oder erst spt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 417
%
Eigentlich wei man nur, wenn man wenig wei; mit dem Wissen 
wchst der Zweifel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 418
%
Die Irrtmer des Menschen machen ihn eigentlich liebenswrdig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 419
%
Bonus vir semper tiro.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 420
%
Es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuche, und 
wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 421
%
Wer sich von jeher erlaubt htte, die Welt so schlecht 
anzusehen, wie uns die Widersacher darstellen, der msste ein 
miserables Subjekt geworden sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 422
%
Missgunst und Hass beschrnken den Beobachter auf die 
Oberflche, selbst wenn Scharfsinn sich zu ihnen gesellt; 
verschwistert sich dieser hingegen mit Wohlwollen und Liebe, so 
durchdringt er die Welt und den Menschen, ja er kann hoffen, zum 
Allerhchsten zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 423
%
Panoramic ability schreibt mir ein englischer Kritiker zu, wofr 
ich allerschnstens zu danken habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 424
%
Einem jeden wohlgesinnten Deutschen ist eine gewisse Portion 
poetischer Gabe zu wnschen als das wahre Mittel, seinen Zustand, von 
welcher Art er auch sei, mit Wert und Anmut einigermaen zu umkleiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 425
%
Den Stoff sieht jedermann vor sich; den Gehalt findet nur der, 
der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 426
%
Die Menschen halten sich mit ihren Neigungen ans Lebendige. Die 
Jugend bildet sich wieder an der Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 427
%
Wir mgen die Welt kennen lernen, wie wir wollen, sie wird immer 
eine Tag- und eine Nachtseite behalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 428
%
Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat; deswegen muss 
man das Wahre unermdlich in Worten wiederholen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 429
%
Wie in Rom auer den Rmern noch ein Volk von Statuen war, so 
ist auer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mchtiger 
beinahe, in der die meisten leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 430
%
Die Menschen sind wie das Rote Meer: Der Stab hat sie kaum 
auseinander gehalten, gleich hinterdrein flieen sie wieder zusammen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 431
%
Pflicht des Historikers, das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom 
Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zu unterscheiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 432
%
Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 433
%
Die Gedanken kommen wieder, die berzeugungen pflanzen sich 
fort; die Zustnde gehen unwiederbringlich vorber.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 434
%
"Unter allen Vlkerschaften haben die Griechen den Traum des 
Lebens am schnsten getrumt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 435
%
bersetzer sind als geschftige Kuppler anzusehen, die uns eine 
halb verschleierte Schne als hchst liebenswrdig anpreisen: Sie 
erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 436
%
Das Altertum setzen wir gern ber uns, aber die Nachwelt nicht. 
Nur ein Vater neidet seinem Sohn nicht das Talent.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 437
%
Sich subordinieren ist berhaupt keine Kunst; aber in 
absteigender Linie, in der Deszendenz, etwas ber sich erkennen, was 
unter einem steht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 438
%
Unser ganzes Kunststck besteht darin, dass wir unsere Existenz 
aufgeben, um zu existieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 439
%
Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmden; wohl dem, der 
nicht mde wird!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 440
%
"Hoffnung ist die zweite Seele der Unglcklichen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 441
%
"L'amour es tun vrai recommenceur."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 442
%
Es gibt im Menschen auch ein Dienenwollendes; daher die 
chevalerie der Franzosen eine servage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 443
%
"Im Theater wird durch die Belustigung des Gesichts und Gehrs 
die Reflexion sehr eingeschrnkt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 444
%
Erfahrung kann sich ins Unendliche erweitern, Theorie nicht in 
eben dem Sinne reinigen und vollkommener werden. Jener steht das 
Universum nach allen Richtungen offen; diese bleibt innerhalb der 
Grenze der menschlichen Fhigkeiten eingeschlossen. Deshalb mssen 
alle Vorstellungsarten wiederkehren, und der wunderliche Fall tritt 
ein, dass bei erweiterter Erfahrung eine bornierte Theorie wieder 
Gunst erwerben kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 445
%
Es ist immer dieselbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die 
immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer dieselben 
Menschen, die im Wahren oder Falschen leben, im letzten bequemer als 
im ersten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 446
%
Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und 
zwar aus einem sehr einfachen Grunde: Die Wahrheit erfordert, dass 
wir uns fr beschrnkt erkennen sollen; der Irrtum schmeichelt uns, 
wir seien auf ein oder die andere Weise unbegrenzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 447
%
Es ist nun schon bald zwanzig Jahre, dass die Deutschen smtlich 
transzendieren. Wenn sie es einmal gewahr werden, mssen sie sich 
wunderlich vorkommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 448
%
Dass Menschen dasjenige noch zu knnen glauben, was sie gekonnt 
haben, ist natrlich genug; dass andere zu vermgen glauben, was sie 
nie vermochten, ist wohl seltsam, aber nicht selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 449
%
Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche fr die 
Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter war's, das 
den Sokrates durch Gift hinrichtete; das Zeitalter, das Hussen 
verbrannte: Die Zeitalter sind sich immer gleich geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 450
%
Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeinere 
reprsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig 
augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 451
%
Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrt 
endlich dieses und sich selbst auf. So der Kredit (Papiergeld) das 
Silber und sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 452
%
Die Meisterschaft gilt oft fr Egoismus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 453
%
Sobald die guten Werke und das Verdienstliche derselben 
aufhren, sogleich tritt die Sentimentalitt dafr ein, bei den 
Protestanten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 454
%
Es ist eben, als ob man es selbst vermchte, wenn man sich guten 
Rats erholen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 455
%
Die Wahlsprche deuten auf das, was man nicht hat, wonach man 
strebt. Man stellt sich solches wie billig immer vor Augen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 456
%
"Wer einen Stein nicht allein erheben mag, der soll ihn auch 
selbander liegen lassen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 457
%
Der Despotismus frdert die Autokratie eines jeden, indem er von 
oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zumutet und so 
den hchsten Grad von Ttigkeit hervorbringt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 458
%
Alles Spinozistische in der poetischen Produktion wird in der 
Reflexion Macchiavellismus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 459
%
Man muss seine Irrtmer teuer bezahlen, wenn man sie loswerden 
will, und dann hat man noch von Glck zu sagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 460
%
Wenn ein deutscher Literator seine Nation vormals beherrschen 
wollte, so musste er ihr nur glauben machen, es sei einer da, der sie 
beherrschen wolle. Da waren sie gleich so verschchtert, dass sie 
sich, von wem es auch wre, gern beherrschen lieen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 461
%
"Nihil rerum mortalium tam instabile ac fluxum est quam potentia 
non sua vi nixa."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 462
%
"Es gibt auch Afterknstler, Dilettanten und Spekulanten: Jene 
treiben die Kunst um des Vergngens, diese um des Nutzens willen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 463
%
Geselligkeit lag in meiner Natur; deswegen ich bei vielfachem 
Unternehmen mir Mitarbeiter gewann und mich ihnen zum Mitarbeiter 
bildete und so das Glck erreichte, mich in ihnen und sie in mir 
fortleben zu sehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 464
%
Mein ganzes inneres Wirken erwies sich als eine lebendige 
Heuristik, welche, eine unbekannte geahnete Regel anerkennend, solche 
in der Auenwelt zu finden und in die Auenwelt einzufhren trachtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 465
%
Es gibt eine enthusiastische Reflexion, die von dem grten Wert 
ist, wenn man sich von ihr nur nicht hinreien lsst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 466
%
Nur in der Schule selbst ist die eigentliche Vorschule.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 467
%
Der Irrtum verhlt sich gegen das Wahre wie der Schlaf gegen das 
Wachen. Ich habe gemerkt, dass man aus dem Irren sich wie erquickt 
wieder zu dem Wahren hinwende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 468
%
Ein jeder leidet, der nicht fr sich selbst handelt. Man handelt 
fr andere, um mit ihnen zu genieen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 469
%
Das Fassliche gehrt der Sinnlichkeit und dem Verstande. Hieran 
schliet sich das Gehrige, welches verwandt ist mit dem 
Schicklichen. Das Gehrige jedoch ist ein Verhltnis zu einer 
besondern Zeit und entschiedenen Umstnden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 470
%
Eigentlich lernen wir nur von Bchern, die wir nicht beurteilen 
knnen. Der Autor eines Buchs, das wir beurteilen knnten, msste von 
uns lernen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 471
%
Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, solange die 
Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im 
ganzen und verstehe es im einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: Im 
ganzen ist es ehrwrdig und im einzelnen anwendbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 472
%
Alle Mystik ist ein Transzendieren und ein Ablsen von 
irgendeinem Gegenstande; den man hinter sich zu lassen glaubt. Je 
grer und bedeutender dasjenige war, dem man absagt, desto reicher 
sind die Produktionen des Mystikers.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 473
%
Die orientalische mystische Poesie hat deswegen den groen 
Vorzug, dass der Reichtum der Welt, den der Adepte wegweist, ihm noch 
jederzeit zu Gebote steht. Er befindet sich also noch immer mitten in 
der Flle, die er verlsst, und schwelgt in dem, was er gern los sein 
mchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 474
%
Christliche Mystiker sollte es gar nicht geben, da die Religion 
selbst Mysterien darbietet. Auch gehen sie immer gleich ins Abstruse, 
in den Abgrund des Subjekts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 475
%
Ein geistreicher Mann sagte, die neuere Mystik sei die Dialektik 
des Herzens und deswegen mitunter so erstaunenswert und 
verfhrerisch, weil sie Dinge zur Sprache bringe, zu denen der Mensch 
auf dem gewhnlichen Verstands-, Vernunfts- und Religionswege nicht 
gelangen wrde. Wer sich Mut und Kraft glaube, sie zu studieren, ohne 
sich betuben zu lassen, der mge sich in diese Hhle des Trophonios 
versenken, jedoch auf seine eigene Gefahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 476
%
Die Deutschen sollten in einem Zeitraume von dreiig Jahren das 
Wort Gemt nicht aussprechen, dann wrde nach und nach Gemt sich 
wieder erzeugen; jetzt heit es nur: Nachsicht mit Schwchen, eignen 
und fremden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 477
%
Die Vorurteile der Menschen beruhen auf dem jedesmaligen 
Charakter der Menschen; daher sind sie, mit dem Zustand innig 
vereinigt, ganz unberwindlich. Weder Evidenz, noch Verstand, noch 
Vernunft haben den mindesten Einfluss darauf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 478
%
Charaktere machen oft die Schwche zum Gesetz. Weltkenner haben 
gesagt: "Die Klugheit ist unberwindlich, hinter welcher sich die 
Furcht versteckt." Schwache Menschen haben oft revolutionre 
Gesinnungen; sie meinen, es wre ihnen wohl, wenn sie nicht regiert 
wrden, und fhlen nicht, dass sie weder sich noch andere regieren 
knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 479
%
In eben dem Falle sind die neuern deutschen Knstler: Den Zweig 
der Kunst, den sie nicht besitzen, erklren sie fr schdlich und 
daher wegzuhauen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 480
%
Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschen rein 
geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sich durch ein 
entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen des Notwendigen und 
Ntzlichen. Praktische Mnner und Frauen bedienen sich dessen mit 
Sicherheit. Wo er mangelt, halten beide Geschlechter, was sie 
begehren, fr notwendig, und fr ntzlich, was ihnen gefllt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 481
%
Alle Menschen, wie sie zur Freiheit gelangen, machen ihre Fehler 
gelten: Die Starken das bertreiben, die Schwachen das 
Vernachlssigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 482
%
Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung, 
Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht 
zuletzt Pedanterie; um diese los zu werden, zerstrt man jene, und es 
geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, dass man wieder Ordnung 
machen msse. Klassizismus und Romantizismus, Innungszwang und 
Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist 
immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der 
grte Verstand des Regierenden wre daher, diesen Kampf so zu 
migen, dass er ohne Untergang der eine Seite sich ins Gleiche 
stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint 
es auch nicht zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 483
%
Welche Erziehungsart ist fr die beste zu halten? Re: Die 
der Hydrioten. Als Insulaner und Seefahrer nehmen sie ihre Knaben 
gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Dienste herankrabbeln. Wie 
sie etwas leisten, haben sie teil am Gewinn; und so kmmern sie sich 
schon um Handel, Tausch und Beute, und es bilden sich die tchtigsten 
Ksten- und Seefahrer, die klgsten Handelsleute und verwegensten 
Piraten. Aus einer solchen Masse knnen denn freilich Helden 
hervortreten, die den verderblichen Brander mit eigener Hand an das 
Admiralschiff der feindlichen Flotte festklammern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 484
%
Alles Vortreffliche beschrnkt uns fr einen Augenblick, indem 
wir uns demselben nicht gewachsen fhlen; nur insofern wir es nachher 
in unsere Kultur aufnehmen, es unsern Geists- und Gemtskrften 
aneignen, wird es uns lieb und wert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 485
%
Kein Wunder, dass wir uns alle mehr oder weniger im 
Mittelmigen gefallen, weil es uns in Ruhe lsst; es gibt das 
behagliche Gefhl, als wenn man mit seinesgleichen umginge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 486
%
Das Gemeine muss man nicht rgen, denn das bleibt sich ewig 
gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 487
%
Wir knnen einem Widerspruch in uns selbst nicht entgehen; wir 
mssen ihn auszugleichen suchen. Wenn uns andere widersprechen, das 
geht uns nichts an, das ist ihre Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 488
%
Es ist so viel gleichzeitig Tchtiges und Treffliches auf der 
Welt; aber es berhrt sich nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 489
%
Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns 
selbst zu regieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 490
%
Dozieren kannst du, Tchtiger, freilich nicht; es ist, wie das 
Predigen, durch unsern Zustand geboten, wahrhaft ntzlich, wenn 
Konversation und Katechisation sich anschlieen, wie es auch 
ursprnglich gehalten wurde. Lehren aber kannst du und wirst du, das 
ist: Wenn Tat dem Urteil, Urteil der Tat zum Leben hilft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 491
%
Gegen die drei Einheiten ist nichts zu sagen, wenn das Sujet 
sehr einfach ist; gelegentlich aber werden drei Mal drei Einheiten, 
glcklich verschlungen, eine sehr angenehme Wirkung tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 492
%
Wenn die Mnner sich mit den Weibern schleppen, so werden sie so 
gleichsam abgesponnen wie ein Wocken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 493
%
Es kann wohl sein, dass der Mensch durch ffentliches und 
husliches Geschick zuzeiten grsslich gedroschen wird; allein das 
rcksichtlose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft, 
zerknittert nur das Stroh; die Krner aber spren nichts davon und 
springen lustig auf der Tenne hin und wieder, unbekmmert, ob sie zur 
Mhle, ob sie zum Saatfeld wandern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 494
%
"Arden von Deversham", Shakespeares Jugendarbeit. Es ist der 
ganze rein-treue Ernst des Auffassens und Wiedergebens, ohne Spur von 
Rcksicht auf den Effekt, vollkommen dramatisch, ganz untheatralisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 495
%
Shakespeares trefflichsten Theaterstcken mangelt es hie und da 
an Fazilitt; sie sind etwas mehr, als sie sein sollten, und eben 
deshalb deuten sie auf den groen Dichter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 496
%
Die grte Wahrscheinlichkeit der Erfllung lsst noch einen 
Zweifel zu; daher ist das Gehoffte, wenn es in die Wirklichkeit 
eintritt, jederzeit berraschend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 497
%
"Vis superba formae." Ein schnes Wort von Johannes Secundus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 498
%
Die Sentimentalitt der Englnder ist humoristisch und zart, der 
Franzosen populr und weinerlich, der Deutschen naiv und realistisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 499
%
Das Absurde, mit Geschmack dargestellt, erregt Widerwillen und 
Bewunderung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 500
%
Von der besten Gesellschaft sagte man: Ihr Gesprch ist 
unterrichtend, ihr Schweigen bildend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 501
%
Von einem bedeutenden frauenzimmerlichen Gedichte sagte jemand, 
es habe mehr Energie als Enthusiasmus, mehr Charakter als Gehalt, 
mehr Rhetorik als Poesie und im ganzen etwas Mnnliches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 502
%
Es ist nichts schrecklicher als eine ttige Unwissenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 503
%
Schnheit und Geist muss man entfernen, wenn man nicht ihr 
Knecht werden will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 504
%
Der Mystizismus ist die Scholastik des Herzens, die Dialektik 
des Gefhls.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 505
%
Man schont die Alten, wie man die Kinder schont.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 506
%
Der Alte verliert eins der grten Menschenrechte: Er wird nicht 
mehr von seinesgleichen beurteilt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 507
%
Es ist mir in den Wissenschaften gegangen wie einem, der frh 
aufsteht in der Dmmerung der Morgenrte, sodann aber die Sonne 
ungeduldig erwartet und doch, wie sie hervortritt, geblendet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 508
%
Man streitet viel und wird viel streiten ber Nutzen und Schaden 
der Bibelverbreitung. Mir ist klar: Schaden wird sie, wie bisher, 
dogmatisch und phantastisch gebraucht; nutzen, wie bisher, didaktisch 
und gefhlvoll aufgenommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 509
%
Groe, von Ewigkeit her oder in der Zeit entwickelte 
ursprngliche Krfte wirken unaufhaltsam; ob nutzend oder schadend, 
das ist zufllig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 510
%
Die Idee ist ewig und einzig, dass wir auch den Plural brauchen, 
ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden 
knnen, sind nur Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, 
und insofern ist die Idee selbst ein Begriff.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 511
%
Im sthetischen tut man nicht wohl, zu sagen: Die Idee des 
Schnen; dadurch vereinzelt man das Schne, das doch einzeln nicht 
gedacht werden kann. Vom Schnen kann man einen Begriff haben, und 
dieser Begriff kann berliefert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 512
%
Die Manifestation der Idee als des Schnen ist ebenso flchtig 
als die Manifestation des Erhabenen, des Geistreichen, des Lustigen, 
des Lcherlichen. Dies ist die Ursache, warum so schwer darber zu 
reden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 513
%
Echt sthetisch-didaktisch knnte man sein, wenn man mit seinen 
Schlern an allem Empfindungswerten vorberginge oder es ihnen 
zubrchte im Moment, wo es kulminiert und sie hchst empfnglich 
sind. Da aber diese Forderung nicht zu erfllen ist, so msste der 
hchste Stolz des Kathederlehrers sein, die Begriffe so vieler 
Manifestationen in seinen Schlern dergestalt zum Leben zu bringen, 
dass sie fr alles Gute, Schne, Groe, Wahre empfnglich wrden, um 
es mit Freuden aufzufassen, wo es ihnen zur rechten Stunde begegnete. 
Ohne dass sie es merkten und wssten, wre somit die Grundidee, 
woraus alles hervorgeht, in ihnen lebendig geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 514
%
Wie man gebildete Menschen sieht, so findet man, dass sie nur 
fr eine Manifestation des Urwesens oder doch nur fr wenige 
empfnglich sind, und das ist schon genug. Das Talent entwickelt im 
Praktischen alles und braucht von den theoretischen Einzelheiten 
nicht Notiz zu nehmen: Der Musikus kann ohne seinen Schaden den 
Bildhauer ignorieren und umgekehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 515
%
Man soll sich alles praktisch denken und deshalb auch dahin 
trachten, dass verwandte Manifestationen der groen Idee, insofern 
sie durch Menschen zur Erscheinung kommen sollen, auf eine gehrige 
Weise ineinander wirken. Malerei, Plastik und Mimik stehen in einem 
unzertrennlichen Bezug; doch muss der Knstler, zu dem einen berufen, 
sich hten, von dem andern beschdigt zu werden: Der Bildhauer kann 
sich vom Maler, der Maler vom Mimiker verfhren lassen, und alle drei 
knnen einander so verwirren, dass keiner derselben auf den Fen 
stehen bleibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 516
%
Die mimische Tanzkunst wrde eigentlich alle bildenden Knste 
zugrunde richten, und mit Recht. Glcklicherweise ist der Sinnenreiz, 
den sie bewirkt, so flchtig, und sie muss, um zu reizen, ins 
bertriebene gehen. Dieses schreckt die brigen Knstler 
glcklicherweise sogleich ab; doch knnen sie, wenn sie klug und 
vorsichtig sind, viel dabei lernen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 517
%
Das erste und letzte, was vom Genie gefordert wird, ist 
Wahrheitsliebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 518
%
Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt 
die schnste Eigenschaft der grten Talente.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 519
%
Groe Talente sind das schnste Vershnungsmittel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 520
%
Das Genie bt eine Art Ubiquitt aus, ins Allgemeine vor, ins 
Besondere nach der Erfahrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 521
%
Eine ttige Skepsis: Welche unablssig bemht ist, sich selbst 
zu berwinden und durch geregelte Erfahrung zu einer Art von 
bedingter Zuverlssigkeit zu gelangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 522
%
Das Allgemeine eines solchen Geistes ist die Tendenz: Zu 
erforschen, ob irgendeinem Objekt irgendein Prdikat wirklich 
zukomme; und geschieht diese Untersuchung in der Absicht, das als 
geprft Gefundene in der Praxis mit Sicherheit anwenden zu knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 523
%
Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans 
Allernchste haltend, ist das Vorzglichste auf Erden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 524
%
"Vollkommenheit ist die Norm des Himmels; Vollkommenes wollen, 
die Norm des Menschen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 525
%
Der Mensch ist genugsam ausgestattet zu allen wahren irdischen 
Bedrfnissen, wenn er seinen Sinnen traut und sie dergestalt 
ausbildet, dass sie des Vertrauens wert bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 526
%
Die Sinne trgen nicht, das Urteil trgt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 527
%
Man leugnet dem Gesicht nicht ab, dass es die Entfernung der 
Gegenstnde, die sich neben- und bereinander befinden, zu schtzen 
wisse; das Hintereinander will man nicht gleichmig zugestehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 528
%
Und doch ist dem Menschen, der nicht stationr, sondern 
beweglich gedacht wird, hierin die sicherste Lehre durch Parallaxe 
verliehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 529
%
Die Lehre von dem Gebrauch der korrespondierenden Winkel ist, 
genau besehen, darin eingeschlossen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 530
%
Das Tier wird durch seine Organe belehrt, der Mensch belehrt die 
seinigen und beherrscht sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 531
%
Anaxagoras lehrt, dass alle Tiere die ttige Vernunft haben, 
aber nicht die leidende, die gleichsam der Dolmetscher des Verstandes 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 532
%
Jdisches Wesen. Energie der Grund von allem. Unmittelbare 
Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht 
entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches, 
augenblickliches.
Judensprache hat etwas Pathetisches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 533
%
Alle unmittelbare Aufforderung zum Ideellen ist bedenklich, 
besonders an die Weiblein. Wie es auch sei, umgibt sich der einzelne 
bedeutende Mann mit einem mehr oder weniger 
religios-moralisch-sthetischen Serail.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 534
%
Jede groe Idee, die als ein Evangelium in die Welt tritt, wird 
dem stockenden pedantischen Volke ein rgernis und einem Viel-, aber 
Leichtgebildeten eine Torheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 535
%
Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung, 
und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie 
und Phantasterei zu unterscheiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 536
%
Dies ist es, was man Ideologie im guten und bsen Sinne genannt 
hat, und warum der Ideolog den lebhaft wirkenden praktischen 
Tagesmenschen so sehr zuwider war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 537
%
Man kann die Ntzlichkeit einer Idee anerkennen und doch nicht 
recht verstehen, sie vollkommen zu nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 538
%
"Ich glaube einen Gott!" Dies ist ein schnes, lbliches Wort; 
aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist 
eigentlich die Seligkeit auf Erden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 539
%
Kepler sagte: "Mein hchster Wunsch ist, den Gott, den ich im 
uern berall finde, auch innerlich, innerhalb meiner gleichermaen 
gewahr zu werden." Der edle Mann fhlte sich nicht bewusst, dass eben 
in dem Augenblick das Gttliche in ihm mit dem Gttlichen des 
Universums in genauester Verbindung stand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 540
%
Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische 
Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als 
Beweis gilt, soll uns als Gefhl gelten, und wir rufen daher von der 
Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme 
Bemhungen wieder heran. Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht 
die Nhe einer bergewaltigen Macht, in Bltenduft und lauem 
Luftsuseln nicht ein liebevoll sich annherndes Wesen empfinden 
drfen?
Frage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 541
%
Was ist praedestinatio?
 
Antwort.
Gott ist mchtiger und weiser als wir; darum macht er es mit uns nach 
seinem Gefallen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 542
%
Apokrypha. Wichtig wre es, das hierber historisch schon 
Bekannte nochmals zusammenzufassen und zu zeigen, dass gerade jene 
apokryphischen Schriften, mit denen die Gemeinden schon die ersten 
Jahrhunderte unserer ra berschwemmt wurden, und woran unser Kanon 
noch jetzt leidet, die eigentliche Ursache sind, warum das 
Christentum in keinem Momente der politischen und Kirchengeschichte 
in seiner ganzen Schnheit und Reinheit hervortreten konnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 543
%
Das unheilbare bel dieser religisen Streitigkeiten besteht 
darin, dass der eine Teil auf Mrchen und leere Worte das hchste 
Interesse der Menschheit zurckfhren will, der andere aber es da zu 
begrnden denkt, wo sich niemand beruhigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 544
%
Toleranz sollte eigentlich nur eine vorbergehende Gesinnung 
sein: Sie muss zur Anerkennung fhren. Dulden heit beleidigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 545
%
Glaube, Liebe, Hoffnung fhlten einst in ruhiger, geselliger 
Stunde einen plastischen Trieb in ihrer Natur: Sie befleiigten sich 
zusammen und schufen ein liebliches Gebilde, eine Pandora im hhern 
Sinne, die Geduld.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 546
%
"Ich bin ber die Wurzeln des Baumes gestolpert, den ich 
gepflanzt hatte." Das muss ein alter Forstmann gewesen sein, der dies 
gesagt hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 547
%
"Ein schbiges Kamel trgt immer noch die Lasten vieler Esel."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 548
%
Wei denn der Sperling, wie's dem Storch zumute sei?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 549
%
Wo Lampen brennen, gibt's lflecken, wo Kerzen brennen, gibt's 
Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein und ohne Makel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 550
%
Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknpfen nicht 
zu Rande.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 551
%
Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, ein oft versengter Greis 
scheut sich zu wrmen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 552
%
Die gegenwrtige Welt ist nicht wert, dass wir etwas fr sie 
tun: Denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden. Fr die 
vergangne und knftige mssen wir arbeiten; fr jene, dass wir ihr 
Verdienst anerkennen, fr diese, dass wir ihren Wert zu erhhen 
suchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 553
%
Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine 
Zeit einwirken kann und wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 554
%
Denke nur niemand, dass man auf ihn als den Heiland gewartet 
habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 555
%
Charakter im Groen und Kleinen ist, dass der Mensch demjenigen 
eine stete Folge gibt, dessen er sich fhig fhlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 556
%
Wer ttig sein will und muss, hat nur das Gehrige des 
Augenblicks zu bedenken, und so kommt er ohne Weitlufigkeit durch. 
Das ist der Vorteil der Frauen, wenn sie ihn verstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 557
%
Der Augenblick ist eine Art von Publikum; man muss ihn betrgen, 
dass er glaube, man tue was; dann lsst er uns gewhren und im 
geheimen fortfhren, worber seine Enkel erstaunen mssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 558
%
Mensche, die ihre Kenntnisse an die Stelle der Einsicht setzen. 
(Junge Leute.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 559
%
In einigen Staaten ist infolge der erlebten heftigen Bewegungen 
fast in allen Richtungen eine gewisse bertreibung im 
Unterrichtswesen eingetreten, dessen Schdlichkeit in der Folge 
allgemeiner eingesehen, aber jetzt schon von tchtigen, redlichen 
Vorstehern solcher Anstalten vollkommen anerkannt ist. Treffliche 
Mnner leben in einer Art von Verzweiflung, dass sie dasjenige, was 
sie amts- und vorschriftsmig lehren und berliefern mssen, fr 
unntz und schdlich halten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 560
%
Es ist nichts trauriger anzusehen, als das unvermittelte Streben 
ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es erscheint im 
Jahr 1830 vielleicht ungehriger als je.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 561
%
Vor der Revolution war alles Bestreben, nachher verwandelte sich 
alles in Forderung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 562
%
Ob eine Nation reif werden knne, ist eine wunderliche Frage. 
Ich beantworte sie mit Ja, wenn alle Mnner als dreiigjhrig geboren 
werden knnten. Da aber die Jugend vorlaut, das Alter aber kleinlaut 
ewig sein wird, so ist der eigentlich reife Mann immer zwischen 
beiden geklemmt und wird sich auf eine wunderliche Weise behelfen und 
durchhelfen mssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 563
%
Was vonseiten der Monarchen in den Zeitungen gedruckt wird, 
nimmt sich nicht gut aus; denn die Macht soll handeln und nicht 
reden. Was die Liberalen vorbringen, lsst sich immer lesen; denn der 
bermchtigte, weil er nicht handeln kann, mag sich wenigstens redend 
uern. "Lasst sie singen, wenn sie nur bezahlen!", sagte Mazarin, 
als man ihm die Spottlieber auf eine neue Steuer vorlegte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 564
%
Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man 
liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie viel Zeit man mit 
diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, 
besonders ist sie es jetzt, und whrend jedes zweifelhaften Zustandes 
kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder 
weniger und nhrt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, 
bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine 
Gottheit angestaunt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 565
%
Eitelkeit ist eine persnliche Ruhmsucht: Man will nicht wegen 
seiner Eigenschaften, seiner Verdienste, Taten geschtzt, geehrt, 
gesucht werden, sondern um seines individuellen Daseins willen. Am 
besten kleidet die Eitelkeit deshalb eine frivole Schne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 566
%
Welcher Gewinn wre es frs Leben, wenn man dies frher gewahr 
wrde, zeitig erfhre, dass man mit seiner Schnen nie besser steht, 
als wenn man seinen Rivalen lobt. Alsdann geht ihr das Herz auf, jede 
Sorge, euch zu verletzen, die Furcht, euch zu verlieren, ist 
verschwunden: Sie macht euch zum Vertrauten, und ihr berzeugt euch 
mit Freuden, dass ihr es seid, dem die Frucht des Baumes gehrt, wenn 
ihr guten Humor genug habt, anderen die abfallenden Bltter zu 
berlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 567
%
Fr die vorzglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren 
Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 568
%
Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 569
%
Ovid blieb klassisch auch im Exil: Er sucht sein Unglck nicht 
in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 570
%
Das Romantische ist schon in seinen Abgrund verlaufen: Das 
Grsslichste der neueren Produktionen ist kaum noch gesunkener zu 
denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 571
%
Englnder und Franzosen haben uns darin berboten. Krper, die 
bei Leibesleben verfaulen und sich in detaillierter Betrachtung ihres 
Verwesens erbauen; Tote, die zum Verderben anderer am Leben bleiben 
und ihren Tod am Lebendigen ernhren - dahin sind unsere Produzenten 
gelangt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 572
%
Im Altertum spuken dergleichen Erscheinungen nur vor wie seltene 
Krankheitsflle; bei den Neuern sind sie endemisch und epidemisch 
geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 573
%
Die Literatur verdirbt sich nur in dem Mae, als die Menschen 
verdorbener werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 574
%
Was ist das fr eine Zeit, wo man die Begrabenen beneiden muss!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 575
%
Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich immer 
gleich, wie es auch erscheine. Das Irren aber, das den Tadel 
hervorruft, ist hchst mannigfaltig, in sich selbst verschieden und 
nicht allein gegen das Gute und Wahre, sondern auch gegen sich selbst 
kmpfend, mit sich selbst im Widerspruch. Daher mssen in jeder 
Literatur die Ausdrcke des Tadels die Worte des Lobes berwiegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 576
%
Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach und positiv 
war, erscheint die Billigung fter als die Missbilligung; bei den 
Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sich Poesie und 
Redekunst verdirbt, desto mehr wird der Tadel wachsen und das Lob 
sich zusammenziehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 577
%
Es gibt empirische Enthusiasten, die, obgleich mit Recht, an 
neuen guten Produkten aber mit einer Ekstase sich erweisen, als wenn 
sonst in der Welt nichts Vorzgliches zu sehen gewesen wre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 578
%
"Sakuntala." Hier erscheint der Dichter in seiner hchsten 
Funktion; als Reprsentant des natrlichsten Zustandes, der feinsten 
Lebensweise, des reinsten sittlichen Bestrebens, der wrdigsten 
Majestt und der ernstesten Gottesverehrung wagt er sich in gemeine 
und lcherliche Gegenstze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 579
%
"Heinrich der Vierte", von Shakespeare. Wenn alles verloren 
wre, was je dieser Art geschrieben zu uns gekommen, so knnte man 
Poesie und Rhetorik daraus vollkommen wiederherstellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 580
%
"Eulenspiegel." Alle Hauptspe des Buchs beruhen darauf, dass 
alle Menschen figrlich sprechen und Eulenspiegel es eigentlich nimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 581
%
Mythologie = Luxe de Croyance.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 582
%
ber die wichtigsten Angelegenheiten des Gefhls wie der 
Vernunft, der Erfahrung wie des Nachdenkens soll man nur mndlich 
verhandeln. Das ausgesprochene Wort ist sogleich tot, wenn es nicht 
durch ein folgendes, dem Hrer gemes, am Leben erhalten wird. Man 
merke nur auf ein geselliges Gesprch! Gelangt das Wort nicht schon 
tot zu dem Hrer, so ermordet er es alsogleich durch Widerspruch, 
Bestimmen, Bedingen, Ablenken, Abspringen und wie die tausendfltigen 
Unarten des Unterhaltens auch heien mgen. Mit dem Geschriebenen ist 
es noch schlimmer. Niemand mag lesen als das, woran er schon 
einigermaen gewhnt ist; das Bekannte, das Gewohnte verlangt er 
unter vernderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, dass 
es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegnnt ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 583
%
Vernnftiges und Unvernnftiges haben gleichen Widerspruch zu 
erleiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 584
%
Was man mndlich ausspricht, muss der Gegenwart, dem Augenblick 
gewidmet sein; was man schreibt, widme man der Ferne, der Folge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 585
%
Die Dialektik ist die Ausbildung des Widerspruchsgeistes, 
welcher dem Menschen gegeben, damit er den Unterschied der Dinge 
erkennen lerne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 586
%
Mit wahrhaft Gleichgesinnten kann man sich auf die Lnge nicht 
entzweien, man findet sich immer wieder einmal zusammen; mit 
eigentlich Widergesinnten versucht man umsonst Einigkeit zu halten, 
es bricht immer wieder einmal auseinander.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 587
%
Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung 
wiederholen und auf die unsrige nicht achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 588
%
Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter 
bedenken, dass nicht jede Sprache jedem verstndlich sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 589
%
Es hrt doch jeder nur, was er versteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 590
%
Ich erwarte wohl, dass mir mancher Leser widerspricht; aber er 
muss doch stehen lassen, was er schwarz auf wei vor sich hat. Ein 
anderer stimmt vielleicht mir bei, ebendasselbe Exemplar in der Hand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 591
%
Die wahre Liberalitt ist Anerkennung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 592
%
Die schwer zu lsende Aufgabe strebender Menschen ist, die 
Verdienste lterer Mitlebenden anzuerkennen und sich von ihren 
Mngeln nicht hindern zu lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 593
%
Es gibt Menschen, die auf die Mngel ihrer Freunde sinnen; dabei 
ist nichts zu gewinnen. Ich habe immer auf die Verdienste meiner 
Widersacher acht gehabt und davon Vorteil gezogen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 594
%
Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, 
das verstnden sie auch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 595
%
Das Publikum will wie Frauenzimmer behandelt sein: Man soll 
ihnen durchaus nichts sagen, als was sie hren mchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 596
%
Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das 
Kind erscheint als Realist; denn es findet sich so berzeugt von dem 
Dasein der Birnen und pfel als von dem seinigen. Der Jngling, von 
innern Leidenschaften bestrmt, muss auf sich selbst merken, sich 
vorfhlen: Er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Skeptiker 
zu werden, hat der Mann alle Ursache; er tut wohl, zu zweifeln, ob 
das Mittel, das er zum Zwecke gewhlt hat, auch das rechte sei. Vor 
dem Handeln, im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich 
zu erhalten, damit er nicht nachher sich ber eine falsche Wahl zu 
betrben habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus 
bekennen: Er sieht, dass so vieles vom Zufall abzuhngen scheint; das 
Unvernnftige gelingt, das Vernnftige schlgt fehl, Glck und 
Unglck stellen sich unerwartet ins gleiche; so ist es, so war es, 
und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da war und 
der da sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 597
%
Wenn man lter wird, muss man mit Bewusstsein auf einer gewissen 
Stufe stehen bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 598
%
Es ziemt sich dem Bejahrten, weder in der Denkweise noch in der 
Art, sich zu kleiden, der Mode nachzugehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 599
%
Aber man muss wissen, wo man steht und wohin die andern wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 600
%
Was man Mode heit, ist augenblickliche berlieferung. Alle 
berlieferung fhrt eine gewisse Notwendigkeit mit sich, sich ihr 
gleichzustellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 601
%
Man hat sich lange mit der Kritik der Vernunft beschftigt; ich 
wnschte eine Kritik des Menschenverstandes. Es wre eine wahre 
Wohltat frs Menschengeschlecht, wenn man dem Gemeinverstand bis zur 
berzeugung nachweisen knnte, wie weit er reichen kann, und das ist 
gerade so viel, als er zum Erdenleben vollkommen bedarf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 602
%
"Genau besehen, ist alle Philosophie nur der Menschenverstand im 
amphigurischer Sprache."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 603
%
Der Menschenverstand, der eigentlichst aufs Praktische 
angewiesen ist, irrt nur alsdann, wenn er sich an die Auflsung 
hherer Probleme wagt; dagegen wei aber auch eine hhere Theorie 
sich selten in den Kreis zu finden, wo jener wirkt und west.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 604
%
Denn eben wenn man Probleme, die nur dynamisch erklrt werden 
knnen, beiseite schiebt, dann kommen mechanische Erklrungsarten 
wieder zur Tagesordnung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 605
%
In Rcksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand 
Vernunft, weil der Vernunft Hchstes ist, vis--vis des Verstandes 
nmlich, den Verstand unerbittlich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 606
%
Alle Empiriker streben nach der Idee und knnen sie in der 
Mannigfaltigkeit nicht entdecken; alle Theoretiker suchen sie im 
Mannigfaltigen und knnen sie darinne nicht auffinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 607
%
Beide jedoch finden sich im Leben, in der Tat, in der Kunst 
zusammen, und das ist so oft gesagt; wenige aber verstehen es zu 
nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 608
%
Der denkende Mensch irrt besonders, wenn er sich nach Ursach' 
und Wirkung erkundigt: Sie beide zusammen machen das unteilbare 
Phnomen. Wer das zu erkennen wei, ist auf dem rechten Wege zum tun, 
zur Tat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 609
%
Das genetische Verfahren leitet uns schon auf bessere Wege, ob 
man gleich damit auch nicht ausreicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 610
%
Alle praktische Menschen suchen sich die Welt handrecht zu 
machen; alle Denker wollen sie kopfrecht haben. Wie weit es jedem 
gelingt, mgen sie zusehen.
Die Realen
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 611
%
Was nicht geleistet wird, wird nicht verlangt.
Die Idealen
Was verlangt wird, ist nicht gleich zu leisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 612
%
Dass man gerade nur denkt, wenn man das, worber man denkt, 
nicht ausdenken kann!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 613
%
Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur, wie mit allem 
Profunden, es sei vergangen, gegenwrtig oder zuknftig: Je tiefer 
man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor. 
Wer sich nicht frchtet, sondern khn darauf losgeht, fhlt sich, 
indem er weiter gedeiht, hher gebildet und behaglicher.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 614
%
Jede Erscheinung ist zugnglich wie ein planum inclinatum, das 
bequem zu ersteigen ist, wenn der hintere Teil des Keiles schroff und 
unerreichbar dasteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 615
%
Wer sich in ein Wissen einlassen soll, muss betrogen werden oder 
sich selbst betrgen, wenn uere Ntigungen ihn nicht 
unwiderstehlich bestimmen. Wer wrde ein Arzt werden, wenn er alle 
Unbilden auf einmal vor sich she, die seiner warten?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 616
%
Wie viele Jahre muss man nicht tun, um nur einigermaen zu 
wissen, was und wie es zu tun sei!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 617
%
Falsche Tendenzen sind eine Art realer Sehnsucht, immer noch 
vorteilhafter als die falsche Tendenz, die sich als ideelle Sehnsucht 
ausdrckt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 618
%
Lsternheit: Spiel mit dem zu Genieenden. Spiel mit dem 
Genossenen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 619
%
Pflicht: Wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 620
%
Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, 
sittlich Monotheisten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 621
%
Gott, wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, so 
ist er ein Supplement unsrer Armseligkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 622
%
Die Kreatur ist sehr schwach; denn sucht sie etwas, findet sie's 
nicht. Stark aber ist Gott; denn sucht er die Kreatur, so hat er sie 
gleich in seiner Hand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 623
%
Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmgliche, 
Unwahrscheinliche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 624
%
Das Christentum steht mit dem Judentum in einem weit strkern 
Gegensatz als mit dem Heidentum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 625
%
Die christliche Religion ist eine intentionierte politische 
Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 626
%
Es gibt Theologen, die wollten, dass es nur einen einzigen 
Menschen in der Welt gegeben htte, den Gott erlst htte; denn da 
htte er keine Ketzer geben knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 627
%
"Die Kirche schwcht alles, was sie anrhrt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 628
%
Die Ohrenbeichte im besten Sinne ist eine fortgesetzte 
Katechisation der Erwachsnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 629
%
In Neuyork, sagt man, finden sich neunzig christliche Kirchen 
abweichender Konfession, und nun wird diese Stadt besonders seit 
Erffnung des Erie-Kanals berschwnglich reich. Wahrscheinlich ist 
man der berzeugung, dass religiose Gedanken und Gefhle, von welcher 
besondern Art sie auch seien, dem beruhigenden Sonntag angehren, 
angestrengte Ttigkeit, von frommen Gesinnungen begleitet, den 
Werkeltagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 630
%
Wenn ein gutes Wort eine gute Statt findet, so findet ein 
frommes Wort gewiss noch eine bessere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 631
%
Alles kommt bei der Mission darauf an, dass der rohe sinnliche 
Mensch gewahr wird, dass es eine Sitte gebe; dass der 
leidenschaftliche ungebndigte merkt, dass er Fehler begangen hat, 
die er sich selbst nicht verzeihen kann. Die erste fhrt zur Annahme 
zarter Maximen, das letzte auf Glauben einer Vershnung. Alles 
Mittlere von zufllig scheinenden beln wird einer weisen 
unerforschlichen Fhrung anheim gegeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 632
%
Der rechtliche Mensch denkt immer, er sei vornehmer und 
mchtiger, als er ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 633
%
Alle Gesetze sind Versuche, sich den Absichten der moralischen 
Weltordnung im Welt- und Lebenslaufe zu nhern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 634
%
Es ist besser, es geschehe dir unrecht, als die Welt sei ohne 
Gesetz. Deshalb fge sich jeder dem Gesetze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 635
%
Es ist besser, dass Ungerechtigkeiten geschehn, als dass sie auf 
eine ungerechte Weise gehoben werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 636
%
Nero htte in den vier Jahren, die das Interregnum dauerte - so 
nenne ich die Regierungen des Galba, Otho, Vitellius -, nicht so viel 
Unheil stiften knnen, als nach seiner Ermordung ber die Welt 
gekommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 637
%
Wre es Gott darum zu tun gewesen, dass die Menschen in der 
Wahrheit leben und handeln sollten, so htte er seine Einrichtung 
anders machen mssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 638
%
Man knnte zum Scherze sagen, der Mensch sei ganz aus Fehlern 
zusammengesetzt, wovon einige der Gesellschaft ntzlich, andre 
schdlich, einige brauchbar, einige unbrauchbar gefunden werden. Von 
jenen spricht man Gutes: Nennt sie Tugenden; von diesen Bses: Nennt 
die Fehler.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 639
%
Nicht allein das Angeborene, sondern auch das Erworbene ist der 
Mensch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 640
%
Unsre Eigenschaften mssen wir kultivieren, nicht unsre 
Eigenheiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 641
%
Man sieht gleich, wo die zwei notwendigsten Eigenschaften 
fehlen: Geist und Gewalt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 642
%
Unsre Meinungen sind nur Supplemente unsrer Existenz. Wie einer 
denkt, daran kann man sehn, was ihm fehlt. Die leersten Menschen 
halten sehr viel auf sich, treffliche sind misstrauisch, der 
Lasterhafte ist frech, und der Gute ist ngstlich. So setzt sich 
alles ins Gleichgewicht; jeder will ganz sein oder es vor sich 
scheinen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 643
%
Historisch betrachtet, erscheint unser Gutes in migem Lichte 
und unsere Mngel entschuldigen sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 644
%
Der liebt nicht, der die Fehler des Geliebten nicht fr Tugenden 
hlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 645
%
Man kann niemand lieben, als dessen Gegenwart man sicher ist, 
wenn man sein bedarf.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 646
%
Man kennt nur diejenigen, von denen man leidet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 647
%
Man beobachtet niemand als die Personen, von denen man leidet. 
Um unerkannt in der Welt umherzugehen, msste man nur niemand wehe 
tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 648
%
Mit jemand leben oder in jemand leben, ist ein groer 
Unterschied. Es gibt Menschen, in denen man leben kann, ohne mit 
ihnen zu leben, und umgekehrt. Beides zu verbinden, ist nur der 
reinsten Liebe und Freundschaft mglich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 649
%
Es ist besser, man betrgt sich an seinen Freunden, als dass man 
seine Freunde betrge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 650
%
Wenn ein paar Menschen recht miteinander zufrieden sind, kann 
man meistens versichert sein, dass sie sich irren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 651
%
Der Wolf im Schafpelze ist weniger gefhrlich als das Schaf in 
irgendeinem Pelze, wo man es fr mehr als einen Schps nimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 652
%
Sage nicht, dass du geben willst, sondern gib! Die Hoffnung 
befriedigst du nie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 653
%
Man wrde viel Almosen geben, wenn man Augen htte zu sehen, was 
eine empfangende Hand fr ein schnes Bild macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 654
%
Zum Tun gehrt Talent, zum Wohltun Vermgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 655
%
Eine gefallene Schreibfeder muss man gleich aufheben, sonst wird 
sie zertreten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 656
%
Es ist keine Kunst, eine Gttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure 
zu machen; aber zur umgekehrten Operation, Wrde zu geben dem 
Verschmhten, wnschenswert zu machen das Verworfene, dazu gehrt 
entweder Kunst oder Charakter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 657
%
Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln knnte durch Leisten 
oder Dulden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 658
%
Dem Verzweifelnden verzeiht man alles, dem Verarmten gibt man 
jeden Erwerb zu.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 659
%
Dummheit, seinen Feind vor dem Tode, und Niedertrchtigkeit, 
nach dem Siege zu verkleinern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 660
%
Das radikale bel: Dass jeder gern sein mchte, was er sein 
knnte, und die brigen nichts, ja nicht wren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 661
%
Ein Mensch zeigt nicht eher seinen Charakter, als wenn er von 
einem groen Menschen oder irgend von etwas Auerordentlichem 
spricht. Es ist der rechte Probierstein aufs Kupfer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 662
%
Nur solchen Menschen, die nichts hervorzubringen wissen, denen 
ist nichts da.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 663
%
Warum man doch ewige Missreden hrt? Sie glauben sich alle etwas 
zu vergeben, wenn sie das kleinste verdienst anerkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 664
%
Vom Verdienste fordert man Bescheidenheit; aber diejenigen, die 
unbescheiden das Verdienst schmlern, werden mit Behagen angehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 665
%
Dem Menschen ist verhasst, was er nicht glaubt, selbst getan zu 
haben; deswegen der Parteigeist so eifrig ist. Jeder Alberne glaubt, 
ins Beste einzugreifen, und alle Welt, die nichts ist, wird zu was.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 666
%
Egoistische Kleinstdterei, die sich Zentrum deucht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 667
%
Es ist niemand fhig zu denken, dass jemand etwas konstruieren 
und protegieren mchte, als um Partei zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 668
%
Im Laufe des frischen Lebens erduldet man viel, es sei nun vom 
Veralteten oder berneuen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 669
%
Wie haben sich die Deutschen nicht gebrdet, um dasjenige 
abzuwehren, was ich allenfalls getan und geleistet habe, und tun 
sie's nicht noch? Htten sie alles gelten lassen und wren weiter 
gegangen, htten sie mit meinem Erwerb gewuchert, so wren sie 
weiter, wie sie sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 670
%
Dass die Naturforscher nicht durchaus mit mir einig werden, ist 
bei der Stellung so verschiedener Denkweisen ganz natrlich; die 
meinige werde ich gleichfalls knftig zu behaupten suchen. Aber auch 
im sthetischen und moralischen Felde wird es Mode, gegen mich zu 
streiten und zu wirken. Ich wei recht gut, woher und wohin, warum 
und wozu, erklre mich aber weiter nicht darber. Die Freunde, mit 
denen ich gelebt, fr die ich gelebt, werden sich und mein Andenken 
aufrechtzuerhalten wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 671
%
Das Urteil knnen sie verwehren, aber die Wirkung nicht hindern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 672
%
Ich bin mit allen Menschen einig, die mich zunchst angehen, und 
von den brigen lass' ich mir nichts mehr gefallen, und da ist die 
Sache aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 673
%
Ich hre das ganze Jahr jedermann anders reden, als ich's meine, 
warum sollt' ich denn auch nicht einmal sagen, wie ich gesinnt bin?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 674
%
Eine nachgesprochne Wahrheit verliert schon ihre Grazie, aber 
ein nachgesprochner Irrtum ist ganz ekelhaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 675
%
Das Absurde, Falsche lsst sich jedermann gefallen: Denn es 
schleicht sich ein; das Wahre, Derbe nicht: Denn es schliet aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 676
%
Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt: 
Beidem wird widersprochen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 677
%
Eine richtige Antwort ist wie ein lieblicher Kuss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 678
%
Wer kann sagen, er erfahre was, wenn er nicht ein Erfahrender 
ist?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 679
%
Man frage nicht, ob man durchaus bereinstimmt, sondern ob man 
in einem Sinne verfhrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 680
%
Nichts Peinlicheres habe gefunden, als mit jemand in 
widerwrtigem Verhltnis zu stehen, mit dem ich brigens aus einem 
Sinne gern gehandelt htte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 681
%
Beim Zerstren gelten alle falschen Argumente, beim Aufbauen 
keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 682
%
Es ist nichts furchtbarer anzuschauen als grenzenlose Ttigkeit 
ohne Fundament. Glcklich diejenigen, die im Praktischen gegrndet 
sind und sich zu grnden wissen! Hiezu bedarf's aber einer ganz 
eigenen Doppelgabe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 683
%
Es ist nichts inkonsequenter als die hchste Konsequenz, weil 
sie unnatrliche Phnomene hervorbringt, die zuletzt umschlagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 684
%
Man geht nie weiter, als wenn man nicht mehr wei, wohin man 
geht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 685
%
Wer sein Leben mit einem Geschft zubringt, dessen Undankbarkeit 
er zuletzt einsieht, der hasst es und kann es doch nicht los werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 686
%
Derjenige, der's allen andern zuvortun will, betrgt sich meist 
selbst; er tut nur alles, was er kann, und bildet sich dann gefllig 
vor, das sei so viel und mehr als das, was alle knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 687
%
Versuche, die eigne Autoritt zu fundieren: Sie ist berall 
begrndet, wo Meisterschaft ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 688
%
Der Tag an und fr sich ist gar zu miserabel; wenn man nicht ein 
Lustrum anpackt, so gibt's keine Garbe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 689
%
Der Tag gehrt dem Irrtum und dem Fehler, die Zeitreihe dem 
Erfolg und dem Gelingen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 690
%
Wer vorsieht, ist Herr des Tags.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 691
%
Ich verwnsche das Tgliche, weil es immer absurd ist. Nur was 
wir durch mgliche Anstrengung ihm bergewinnen, lsst sich wohl 
einmal summieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 692
%
Indes wir, dem Ungeheuren unterworfen, kaum auf- und umschauen, 
was zu tun sei und wohin wir unser Bestes von Krften, Ttigkeiten 
hinwenden sollen, und des hchsten Enthusiasmus bedrftig sind, der 
nur nachhalten kann, wenn er nicht empirisch ist, nagen zwar keine 
Lind-, aber Lumpwrme an unsern Tglichkeiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 693
%
Das ganze Leben besteht aus
      Wollen und Nichtvollbringen,
      Vollbringen und Nichtwollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 694
%
Wollen und Vollbringen ist nicht der Mhe wert oder 
verdrielich, davon zu sprechen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 695
%
Das Leben vieler Menschen besteht aus Klatschigkeiten, 
Tgigkeiten, Intrige zu momentaner Wirkung
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 696
%
Wenn die Affen es dahin bringen knnten, Langeweile zu haben, so 
knnen sie Menschen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 697
%
Dem Klugen kommt das Leben leicht vor, wenn dem Toren schwer, 
und oft dem Klugen schwer, dem Toren leicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 698
%
Es ist besser, eine Torheit pure geschehen zu lassen, als ihr 
mit einiger Vernunft nachhelfen zu wollen. Die Vernunft verliert ihre 
Kraft, indem sie sich mit der Torheit vermischt, und die Torheit ihr 
Naturell, das ihr oft forthilft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 699
%
Mit Gedanken, die nicht aus der ttigen Natur entsprungen sind 
und nicht wieder aufs ttige Leben wohlttig hinwirken und so in 
einem mit dem jedesmaligen Lebenszustand bereinstimmenden 
mannigfaltigen Wechsel unaufhrlich entstehen und sich auflsen, ist 
der Welt wenig geholfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 700
%
Im Idealen kommt alles auf die lans, im Realen auf die 
Beharrlichkeit an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 701
%
Das wunderlichste im Leben ist das Vertrauen, dass andre uns 
fhren werden. Haben wir's nicht, so tappen und tolpen wir unsern 
eigenen Weg hin; haben wir's, so sind wir auch, eh' wir's uns 
versehen, auf das schlechteste gefhrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 702
%
Die ungeheuerste Kultur, die der Mensch sich geben kann, ist die 
berzeugung, dass die andern nicht nach ihm fragen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 703
%
Wer htte mit mir Geduld haben sollen, wenn ich's nicht gehabt 
htte?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 704
%
Die Menschen glauben, dass man sich mit ihnen abgeben msse, da 
man sich mit ihnen abgeben msse, da man sich mit sich selbst nicht 
abgibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 705
%
Wie viel vermag nicht die bung! Die Zuschauer schreien, und der 
Geschlagne schweigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 706
%
Wenn mir eine Sache missfllt, so lass' ich sie liegen oder 
mache sie besser.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 707
%
Wer in sich recht ernstlich hinabsteigt, wird sich immer nur als 
Hlfte finden; er fasse nachher ein Mdchen oder eine Welt, um sich 
zum Ganzen zu konstituieren, das ist einerlei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 708
%
Der Tiger, der dem Hirsch begreiflich machen will, wie kstlich 
es ist, Blut zu schlrfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 709
%
Gesunde Menschen sind die, in deren Leibes- und 
Geistesorganisation jeder Teil eine vita propria hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 710
%
Wenn weise Mnner nicht irrten, mssten die Narren verzweifeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 711
%
Manche sind auf das, was sie wissen, stolz, gegen das, was sie 
nicht wissen, hoffrtig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 712
%
Die Geschichte wie das Universum, das sie reprsentieren soll, 
hat einen realen und idealen Teil.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 713
%
Zum idealen Teile gehrt der Kredit, zum realen Besitztum, 
physische Macht pp.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 714
%
Der Kredit ist eine durch reale Leistungen erzeugte Idee der 
Zuverlssigkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 715
%
Jeder Besitz ist eine plumpe Sache, und es ist gut, dass darber 
abgesprochen werde, ne incerta sint rerum dominia.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 716
%
Jeder Mensch fhlt sich privilegiert. Diesem Gefhl widerspricth:
1. die Naturnotwendigkeit,
2. die Gesellschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 717
%
ad 1. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen, 
nichts abgewinnen. Nur kann er durch Dit sich fgen und ihr nicht 
vorgreifen.
Ad 2. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen; aber 
er kann ihr abgewinnen, dass sie ihn ihre Vorteile mitgenieen lsst, 
wenn er seinem Privilegiengefhl entsagt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 718
%
Der hchste Zweck der Gesellschaft ist Konsequenz der Vorteile, 
jedem gesichert. Jeder einzelne Vernnftige opfert schon der 
Konsequenz vieles auf, geschweige die Gesellschaft. ber diese 
Konsequenz geht fast der momentane Vorteil der Glieder zugrunde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 719
%
In der Gesellschaft sind alle gleich. Es kann keine Gesellschaft 
anders als auf den Begriff der Gleichheit gegrndet sein, keineswegs 
aber auf den Begriff der Freiheit. Die Gleichheit will ich in der 
Gesellschaft finden; die Freiheit, nmlich die sittliche, dass ich 
mich subordinieren mag, bringe ich mit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 720
%
Die Gesellschaft, in die ich trete, muss also zu mir sagen: "Du 
sollst allen uns andern gleich sein." Sie kann aber nur hinzufgen: 
"Wir wnschen, dass du auch frei sein mgest", das heit: Wir 
wnschen, dass du dich mit berzeugung, aus freiem, vernnftigem 
Willen deiner Privilegien begibst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 721
%
Gesetzgeber oder Revolutionrs, die Gleichsinn und Freiheit 
zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatans.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 722
%
Eingebildete Gleichheit: Das erste Mittel, die Ungleichheit zu 
zeigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 723
%
Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und 
Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertufer, Sansculotten.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 724
%
Sobald die Tyrannei aufgehoben ist, geht der Konflikt zwischen 
Aristokratie und Demokratie unmittelbar an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 725
%
Die Menschen sind als Organe ihres Jahrhunderts anzusehen, die 
sich meist unbewusst bewegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 726
%
Fehler der so genannten Aufklrung: Dass sie Menschen 
Vielseitigkeit gibt, deren einseitige Lage man nicht ndern kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 727
%
Einen gersteten, auf die Defensive berechneten Zustand kann 
kein Staat aushalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 728
%
Das groe Recht, nicht etwa nur in seinen Privatangelegenheiten 
- denn das wei ein jeder -, sondern auch in ffentlichen verstndig, 
ja vernnftig zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 729
%
Majestt ist das Vermgen, ohne Rcksicht auf Belohnung oder 
Bestrafung recht oder unrecht zu handeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 730
%
Herrschen und genieen geht nicht zusammen. Genieen heit, sich 
und andern in Frhlichkeit angehren; herrschen heit, sich und 
anderen im ernstlichsten Sinne wohlttig sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 731
%
Herrschen lernt sich leicht, regieren schwer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 732
%
Wer klare Begriffe hat, kann befehlen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 733
%
In den Zeitungen ist alles Offizielle geschraubt, das brige 
platt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 734
%
Nach Pressfreiheit schreit niemand, als wer sie missbrauchen 
will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 735
%
Die Deutschen der neueren Zeit haben nichts anders fr Denk- und 
Pressfreiheit gehalten, als dass sie sich einander ffentlich 
missachten drfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 736
%
Die Deutschen der alten Zeit freute nichts, als dass keiner dem 
andern gehorchen durfte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 737
%
Gerechtigkeit: Eigenschaft und Phantom der Deutschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 738
%
Der echte Deutsche bezeichnet sich durch mannigfaltige Bildung 
und Einheit des Charakters.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 739
%
Die Englnder werden uns beschmen durch reinen Menschenverstand 
und guten Willen, die Franzosen durch geistreiche Umsicht und 
praktische Ausfhrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 740
%
Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein 
Fremder unbequem, er aber in der Fremde berall zu Hause sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 741
%
Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, 
sondern dass sie es verschlingt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 742
%
Ich verfluche allen negativen Purismus, dass man ein Wort nicht 
brauchen soll, in welchem eine andre Sprache Vieles oder Zarteres 
gefasst hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 743
%
Meine Sache ist der affirmative Purismus, der produktiv ist und 
nur davon ausgeht: Wo mssen wir umschreiben, und der Nachbar hat ein 
entscheidendes Wort?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 744
%
Der pedantische Purismus ist ein absurdes Ablehnen weiterer 
Ausbreitung des Sinnes und Geistes (z.B. das englische Wort grief).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 745
%
Kein Wort steht still, sondern es rckt immer durch den Gebrauch 
von seinem anfnglichen Platz eher hinab als hinauf, eher in 
schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der 
Wandelbarkeit des Worts lsst sich die Wandelbarkeit der Begriffe 
erkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 746
%
Philologen: Apollo Sauroktonos, immer mit dem spitzen 
Griffelchen in der Hand aufpassend, eine Eidechse zu spieen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 747
%
Es ist kein groer Unterschied, ob ich eine korrekte Stelle 
falsch verstehe oder ob ich einer korrupten irgendeinen Sinn 
unterlege. Das letzte ist fr den einzelnen vorteilhafter als das 
erste. Es wird eine Privatemendation, wodurch er fr seinen Geist 
gewinnt, was jene fr den Buchstaben gewonnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 748
%
Es ist mit den Jahren wie mit den Sibyllinischen Bchern: Je 
mehr man ihrer verbrennt, desto teurer werden sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 749
%
Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 750
%
In der Jugend bald die Vorzge des Alters gewahr zu werden, im 
Alter die Vorzge der Jugend zu erhalten, beides ist nur ein Glck.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 751
%
Es betrgt sich kein Mensch, der in seiner Jugend noch soviel 
erwartet. Aber wie er damals die Ahndung in seinem Herzen empfand, so 
muss er auch die Erfllung in seinem Herzen suchen, nicht auer sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 752
%
Dass der Mensch zuletzt Epitomator von sich selbst wird! Und 
dahin zu gelangen, ist schon Glck genug.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 753
%
Eltern und Kindern bleibt nichts brig, als entweder vor- oder 
hintereinander zu sterben, und man wei am Ende nicht, was man 
vorziehen sollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 754
%
Wenn ich an meinen Tod denke, darf ich, kann ich nicht denken, 
welche Organisation zerstrt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 755
%
In jeder groen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn; man muss 
sich hten, ihn nachdenklich auszubrten und zu pflegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 756
%
Hchst merkwrdig ist, dass von dem menschlichen Wesen das 
Entgegengesetzte brig bleibt: Gehus' und Gerst, worin und womit 
sich der Geist hienieden gengte, sodann aber die idealen Wirkungen, 
die in Wort und Tat von ihm ausgingen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 757
%
Ein ausgesprochenes Wort fordert sich selbst wieder.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 758
%
Mystik: Eine unreife Poesie, eine unreife Philosophie;
Poesie: eine reife Natur;
Philosophie: eine reife Vernunft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 759
%
Bildliche Darstellung: Reich der Poesie; hypothetische 
Erklrung: Reich der Philosophie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 760
%
Das Wahre (Allgemeine), das wir erkennen und festhalten;
das Leidenschaftliche (Besondere), das uns hindert und festhlt;
das dritte, Rednerische, schwankend zwischen Wahrheit und 
Leidenschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 761
%
Die Lauen ist ein Bewusstloses und beruht auf der Sinnlichkeit. 
Es ist der Widerspruch der Sinnlichkeit mit sich selbst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 762
%
Der Humor entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit 
den Dingen ist, sondern entweder sie zu beherrschen strebt und nicht 
damit zustande kommen kann: Welches der rgerliche oder ble Humor 
ist; oder sich ihnen gewissermaen unterwirft und mit sich spielen 
lsst, salvo honore, welches der heitre Humor oder der gute ist. Sie 
lsst sich gut symbolisieren durch einen Vater, der sich herablsst, 
mit seinen Kindern zu spielen, und mehr Spa einnimmt als ausgibt. In 
diesem Falle spielt die Vernunft den Goffo, im ersten Falle den 
Moroso.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 763
%
Das Glck des Genies: Wenn es zuzeiten des Ernstes geboren wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 764
%
Das Genie mit Grosinn sucht seinem Jahrhundert vorzueilen; das 
Talent aus Eigensinn mchte es oft zurckhalten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 765
%
Der Scharfsinn verlsst geistreiche Mnner am wenigsten, wenn 
sie unrecht haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 766
%
Das frchterlichste ist, wenn platte, unfhige Menschen zu 
Phantasten sich gesellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 767
%
Man kann sich nicht verleugnen, dass die deutsche Welt, mit 
vielen, guten, trefflichen Geistern geschmckt, immer uneiniger, 
unzusammenhngender in Kunst und Wissenschaft, sich auf historischem, 
theoretischem und praktischem Wege immer mehr verirrt und verwirrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 768
%
She man Kunst und Wissenschaft nicht als ein Ewiges, in sich 
selbst Lebendig-Fertiges verehrend an, das im Zeitverlaufe nur 
Vorzge und Mngel durcheinander mischt, so wrde man selbst irre 
werden und sich betrben, dass Reichtum in eine solche Verlegenheit 
setzen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 769
%
Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen, du was 
originell ist, trgt immer die Gebrechen des Individuums an sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 770
%
Wer's nicht besser machen kann, macht's wenigstens anders; 
Zuhrer und Leser, in herkmmlicher Gleichgltigkeit, lassen 
dergleichen am liebsten gelten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 771
%
Man spricht soviel von Geschmack: Der Geschmack besteht in 
Euphemismen. Diese sind Schonungen des Ohrs mit Aufregung des Sinnes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 772
%
Das Publikum beklagt sich lieber unaufhrlich, bel bedient 
worden zu sein, als dass es sich bemhte, besser bedient zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 773
%
Ein groes Unheil entspringt aus den falschen Begriffen der 
Menge, weil der Wert vorhandener Werke gleich verkannt wird, wenn sie 
nicht im kurrenten Vorurteil mit einbegriffen sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 774
%
Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standpunkt, eine Epoche zu 
betrachten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 775
%
Keine Nation hat ein Urteil als ber das, was bei ihr getan und 
geschrieben ist. Man knnte dies auch von jeder Zeit sagen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 776
%
Wahre, in alle Zeiten und Nationen eingreifende Urteile sind 
sehr selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 777
%
Keine Nation hat eine Kritik als in dem Mae, wie sie 
vorzgliche, tchtige und vortreffliche Werke besitzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 778
%
Die Kritik erscheint wie Ate: Sie verfolgt die Autoren, aber 
hinkend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 779
%
Jemand sagte: "Was bemht ihr euch um den Homer? Ihr versteht 
ihn doch nicht." Darauf antwortet' ich: Versteh' ich doch auch Sonne, 
Mond und Sterne nicht; aber sie gehen ber meinem Haupt hin, und ich 
erkenne mich in ihnen, indem ich sie sehe und ihren regelmigen, 
wunderbaren Gang betrachte, und denke dabei, ob auch wohl etwas aus 
mir werden knnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 780
%
Dass die bildende Kunst in der Ilias auf einer so hohen Stufe 
erscheint, mchte wohl ein Argument fr die Modernitt des Gedichtes 
abgeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 781
%
Die Modernen sollen nur Lateinisch schreiben, wenn sie aus 
nichts etwas zu machen haben. Umgekehrt machen sie ihr weniges Etwas 
immer zu nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 782
%
Die lateinische Sprache hat eine Art von Imperativus der 
Autorschaft.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 783
%
Zu den glcklichen Umstnden, welche Shakespeares gebornes 
groes Talent frei und rein entwickelten, gehrt auch, dass er 
Protestant war; er htte sonst wie Kalidasa und Calderon Absurditten 
verherrlichen mssen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 784
%
Um die alten abgeschmacktesten locos communes der Menschheit 
durchzupeitschen, hat Klopstock Himmel und Hlle, Sonne, Mond und 
Sterne, Zeit und Ewigkeit, Gott und Teufel aufgeboten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 785
%
Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der 
Natrlichkeit. Jedermann hat sich ber ihn lustig gemacht und das mit 
Recht; und doch htte man sich ber ihn nicht lustig machen knnen, 
wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst htte, das wir an ihm zu 
ehren haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 786
%
Mrchen: Das uns unmgliche Begebenheiten unter mglichen oder 
unmglichen Bedingungen als mglich darstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 787
%
Roman: Der uns mgliche Begebenheiten unter unmglichen oder 
beinahe unmglichen Bedingungen als wirklich darstellt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 788
%
Der Romanenheld assimiliert sich alles; der Theaterheld muss 
nichts hnliches in allem dem finden, was ihn umgibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 789
%
Beim bersetzen muss man bis ans Unbersetzliche herangehen; 
alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache 
gewahr.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 790
%
Es ist ein groer Unterscheid, ob ich lese zu Genuss und 
Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 791
%
Es gibt Bcher, durch welche man alles erfhrt und doch zuletzt 
von der Sache nichts begreift.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 792
%
Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 793
%
Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas 
Neues erfunden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 794
%
Verleger haben die Autoren und sich selbst fr vogelfrei 
erklrt; wie wollen sie untereinander, wer will mit ihnen rechten?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 795
%
Der mittelmigste Roman ist immer noch besser als die 
mittelmigen Leser, ja der schlechteste partizipiert etwas von der 
Vortrefflichkeit des ganzen Genres.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 796
%
Der Mensch kann nur mit seinesgleichen leben und auch mit denen 
nicht; denn er kann auf die Lnge nicht leiden, dass ihm jemand 
gleich sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 797
%
Die jungen Leute sind neue Aperus der Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 798
%
Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 799
%
Man muss eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie 
liegt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 800
%
Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glcklich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 801
%
Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel 
heranziehn und entfernt es nur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 802
%
Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss 
notwendig eine Krise entstehen: Denn es wird die Differenz offenbar 
zwischen denen, die as Einzelne trennen und getrennt darstellen, und 
solchen, die das Allgemeine im Auge haben und gern das Besondere an- 
und einfgen mchten. Wie nun aber die wissenschaftliche, ideelle, 
umgreifendere Behandlung sich mehr und mehr Freunde, Gnner und 
Mitarbeiter wirbt, so bleibt auf der hheren Stufe jene Trennung zwar 
nicht so entschieden, aber doch genugsam merklich.
Diejenigen, welche ich die Universalisten nenne mchte, sind 
berzeugt und stellen sich vor: Dass alles berall, obgleich mit 
unendlichen Abweichungen und Mannigfaltigkeiten, vorhanden und 
vielleicht auch zu finden sei; die andern, die ich Singularisten 
benennen will, gestehen den Hauptpunkt im allgemeinen zu, ja sie 
beobachten, bestimmen und lehren hiernach; aber immer wollen sie 
Ausnahmen finden, da, wo der ganze Typus nicht ausgesprochen ist, und 
darin haben sie recht. Ihr Fehler aber ist nur, dass sie die 
Grundgestalt verkennen, wo sie sich verhllt, und leugnen, wenn sie 
sich verbirgt. Da nun beide Vorstellungsweisen ursprnglich sind und 
sich einander ewig gegenberstehen werden, ohne sich zu vereinigen 
oder aufzuheben, so hte man ja sich vor aller Kontrovers und stelle 
seine berzeugung klar und nackt hin.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 803
%
So wiederhole ich die meinige: Dass man auf diesen hheren 
Stufen nicht wissen kann, sondern tun muss; so wie an einem Spiele 
wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hat uns das 
Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken knnen noch 
wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und 
Vermgen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Zge zu 
tun, von denen wir uns Gewinn versprechen; dies versucht nun ein 
jeder auf seine Weise und lsst sich nicht gern einreden. Mag das 
also geschehen, und beobachten wir nur vor allem genau: Wie nah oder 
fern ein jeder von uns stehe, und vertragen uns sodann vorzglich mit 
denjenigen, die sich zu der Seite bekennen, zu der wir uns halten.
Ferner bedenke man, dass man immer mit einem unauflslichen 
Problem zu tun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu 
beachten, was irgend auf eine Art zur Sprache kommt, am meisten 
dasjenige, was uns widerstrebt: Denn dadurch wird man am ersten das 
Problematische gewahr, welches zwar in den Gegenstnden selbst, mehr 
aber noch in den Menschen liegt. Ich bin nicht gewiss, ob ich in 
diesem so wohl bearbeiteten Felde persnlich weiter wirke, doch 
behalte ich mir vor, auf diese oder jene Wendung des Studiums, auf 
diese oder jene Schritte der einzelnen aufmerksam zu sein und 
aufmerksam zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 804
%
Allein kann der Mensch nicht wohl bestehen, daher schlgt er 
sich gern zu einer Partei, weil er da, wenn auch nicht Ruhe, doch 
Beruhigung und Sicherheit findet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 805
%
Es gibt wohl zu diesem oder jenem Geschft von Natur 
unzulngliche Menschen; bereilung und Dnkel jedoch sind gefhrliche 
Dmonen, die den Fhigsten unzulnglich machen, alle Wirkung zum 
Stocken bringen, freie Fortschritte lhmen. Dies gilt von weltlichen 
Dingen, besonders auch von Wissenschaften.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 806
%
Im Reich der Natur waltet Bewegung und Tat, im Reiche der 
Freiheit Anlage und Willen. Bewegung ist ewig und tritt bei jeder 
gnstigen Bedingung unwiderstehlich in die Erscheinung. Anlagen 
entwickeln sich zwar auch naturgem, mssen aber erst durch den 
Willen gebt und nach und nach gesteigert werden. Deswegen ist man 
des freiwilligen Willens so gewiss nicht als der selbstndigen Tat; 
diese tut sich selbst, er aber wird getan: Denn er muss, um 
vollkommen zu werden und zu wirken, sich im Sittlichen dem Gewissen, 
das nicht irrt, im Kunstreichen aber der Regel fgen, die nirgends 
ausgesprochen ist. Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist 
alles gegeben; es hat nur mit der innern eigenen Welt zu tun. Das 
Genie bedrfte auch keine Regel, wre sich selbst genug, gbe sich 
selbst die Regel; da es aber nach auen wirkt, so ist es vielfach 
bedingt durch Stoff und Zeit, und an beiden muss es notwendig irre 
werden; deswegen es mit allem, was eine Kunst ist, mit dem Regiment 
wie mit Gedicht, Statue und Gemlde, durchaus so wunderlich und 
unsicher aussieht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 807
%
Es ist eine schlimme Sache, die doch manchem Beobachter 
begegnet, mit einer Anschauung sogleich eine Folgerung zu verknpfen 
und beide fr gleich geltend zu achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 808
%
Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns bei allem, was fr 
dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, bald 
langsamer aufeinander folgen. Eine bedeutenden Ansicht, neu oder 
erneut, wird ausgesprochen; sie wird anerkannt, frher oder spter; 
es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schler ber; es 
wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider, dass es gar 
nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oder falsch sei; beides 
macht denselben Gang, beides wird zuletzt eine Phrase, beides prgt 
sich als totes Wort dem Gedchtnis ein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 809
%
Zur Verewigung des Irrtums tragen die Werke besonders bei, die 
enzyklopdisch das Wahre und Falsche des Tages berliefern. Hier kann 
die Wissenschaft nicht bearbeitet werden; sondern was man wei, 
glaubt, whnt, wird aufgenommen! Deswegen sehen solche Werke nach 
fnfzig Jahren gar wunderlich aus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 810
%
Zuerst belehre man sich selbst, dann wird man Belehrung von 
andern empfangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 811
%
Theorien sind gewhnlich bereilungen eines ungeduldigen 
Verstandes, der die Phnomene gern los sein mchte und an ihrer 
Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt. Man 
ahnet, man sieht auch wohl, dass es nur ein Behelf ist; leibt sich 
nicht aber Leidenschaft und Parteigeist jederzeit Behelfe? Und mit 
Recht, da sie ihrer so sehr bedrfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 812
%
Unsere Zustnde schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und 
fehlen ein- wie das andere Mal: In uns selbst liegt das Rtsel, die 
wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbe geht's ebenso; blad 
sucht man sie im Lichte, bald drauen im Weltall, und kann sie gerade 
da nicht finden, wo sie zu Hause ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 813
%
Es wird eine Zeit kommen, wo man eine pathologische 
Experimentalphysik vortrgt und alle jene Spiegelfechtereien ans 
Tageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen, sich eine 
berzeugung erschleichen und, was das schlimmste daran ist, durchaus 
jeden praktischen Fortschritt verhindern. Die Phnomene mssen ein 
fr allemal aus der dstern empirisch-mechanisch-dogmatischen 
Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 814
%
Dass Newton bei seinen prismatischen Versuchen die ffnung so 
klein als mglich nahm, um eine Linie zum Lichtstrahl bequem zu 
symbolisieren, hat eine unheilbare Verirrung ber die Welt gebracht, 
an der vielleicht noch Jahrhunderte leiden.
Durch dieses kleine Lchlein ward Malus zu einer abenteuerlichen 
Theorie getrieben, und wre Seebeck nicht so umsichtig, so musste er 
verhindert werden, den Urgrund dieser Erscheinungen, die entoptischen 
Figuren und Farben, zu entdecken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 815
%
Was aber das allersonderbarste ist: Der Mensch, wenn er auch den 
Grund des Irrtums aufdeckt, wird den Irrtum selbst deshalb doch nicht 
los. Mehrere Englnder, besonders Dr. Read, sprechen gegen Newton 
leidenschaftlich aus: "Das prismatische Bild sei keineswegs das 
Sonnenbild, sondern das Bild der ffnung unseres Fensterladens mit 
Farbensumen geschmckt; im prismatischen Bilde gebe es kein 
ursprnglich Grn, dieses entstehe durch das bereinandergreifen des 
Blauen und Gelben, so dass ein schwarzer Streif ebenso gut als ein 
weier in Farben aufgelst scheinen knnte, wenn man hier von 
Auflsen reden wolle." Genug, alles, was wir seit vielen Jahren 
dargetan haben, legt dieser gute Beobachter gleichfalls vor. Nun aber 
lsst ihn die fixe Idee einer diversen Refrangibilitt nicht los, 
doch kehrt er sie um und ist womglich noch befangener als sein 
groer Meister. Anstatt durch diese neue Ansicht begeistert aus jenem 
Chrysalidenzustande sich herauszureien, sucht er die schon 
erwachsenen und entfalteten Glieder aufs neue in die alten 
Puppenschalen unterzubringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 816
%
Das unmittelbare Gewahrwerden der Urphnomene versetzt uns in 
eine Art von Angst, wir fhlen unsere Unzulnglichkeit; nur durch das 
ewige Spiel der Empirie belebt erfreuen sie uns.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 817
%
Der Magnet ist ein Urphnomen, das man nur aussprechen darf, um 
es erklrt zu haben; dadurch wird es denn auch ein Symbol fr alles 
brige, wofr wir keine Worte noch Namen zu suchen brauchen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 818
%
Alles Lebendige bildet eine Atmosphre um sich her.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 819
%
Die auerordentlichen Mnner des sechzehnten und siebzehnten 
Jahrhunderts waren selbst Akademien wie Humboldt zu unserer Zeit. Als 
nun das Wissen so ungeheuer berhand nahm, taten sich Privatleute 
zusammen, um, was den einzelnen unmglich wird, vereinigt zu leisten. 
Von Ministern, Frsten und Knigen hielten sie sich fern. Wie suchte 
nicht das franzsische stille Konventikel die Herrschaft Richelieus 
abzulehnen! Wie verhinderte der englische Oxforder und Londner Verein 
den Einfluss der Lieblinge Karls des Zweiten!
Da es aber einmal geschehen war und die Wissenschaften sich als 
ein Staatsglied im Staatskrper fhlten, einen Rang bei Prozessionen 
und andern Feierlichkeiten erhielten, war blad der hhere Zweck aus 
den Augen verloren; man stellte seine Person vor, und die 
Wissenschaften hatten auch Mntelchen um und Kppchen auf. In meiner 
"Geschichte der Farbenlehre" habe ich dergleichen weitluftig 
angefhrt. Was aber geschrieben steht, es steht deswegen da, damit es 
immerfort erfllt werde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 820
%
Die Natur auffassen und sie unmittelbar benutzen, ist wenig 
Menschen gegeben; zwischen Erkenntnis und Gebrauch erfinden sie sich 
gern ein Luftgespinst, das sie sorgfltig ausbilden und darber den 
Gegenstand zugleich mit der Benutzung vergessen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 821
%
Ebenso begreift man nicht leicht, dass in der groen Natur das 
geschieht, was auch im kleinsten Zirkel vorgeht. Dringt es ihnen die 
Erfahrung auf, so lassen sie sich's zuletzt gefallen. Spreu, von 
geriebenem Bernstein angezogen, steht mit dem ungeheuersten 
Donnerwetter in Verwandtschaft, ja ist eine und eben dieselbe 
Erscheinung. Dieses Mikromegische gestehen wir auch in einigen andern 
Fllen zu, bald aber verlsst uns der reine Naturgeist, und der Dmon 
der Knstelei bemchtigt sich unser und wei sich berall geltend zu 
machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 822
%
Die Natur hat sich so viel Freiheit vorbehalten, dass wir mit 
Wissen und Wissenschaft ihr nicht durchgngig beikommen oder sie in 
die Enge treiben knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 823
%
Mit den Irrtmern der Zeit ist schwer sich abzufinden: 
Widerstrebt man ihnen, so steht man allein; lsst man sich davon 
befangen, so hat man auch weder Ehre noch Freude davon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 824
%
Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und 
kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurck.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 825
%
Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die 
uern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 826
%
Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern 
Welt, in der wissenschaftlichen, erregt; denn dass man auch die 
brige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der 
neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und bringt mehr Schaden als 
Nutzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 827
%
Nur durch eine erhhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die 
uere Welt wirken: Denn eigentlich sind sie alle esoterisch und 
knnen nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle 
brige Teilnahme fhrt zu nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 828
%
Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, 
werden mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein 
starker Ansto, besonders von etwas Neuem und Unerhrten oder 
wenigstens mchtig Gefrdertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die 
jahrelang dauern kann, und die besonders in den letzten Zeiten sehr 
fruchtbar geworden ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 829
%
Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperu beschftigt eine 
sehr groe Anzahl Menschen, erst nur, um es zu kennen, dann, um es zu 
erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzufhren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 830
%
Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, 
was sie nutze, und sie hat nicht Unrecht; denn sie kann blo durch 
den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 831
%
Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich 
selbst und zu andern Dingen, unbekmmert um den Nutzen, d.h. um die 
Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz 
andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch gebte und 
gewandte, schon finden werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 832
%
Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so 
geschwind als mglich fr sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie 
einen eitlen Ruhm bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, blad in 
Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch 
Prokkupation zu erwerben trachten und durch solche Unreifheiten die 
wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schnste 
Folge, die praktische Blte derselben, offenbar verkmmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 833
%
Das schndlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art 
Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden knne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 834
%
Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu 
einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der 
Vortrag vollstndig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er 
fasst hiernach seine berzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es 
sei nun, dass seine Meinung mit der des Referenten bereintreffe oder 
nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 835
%
Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majoritt 
beistimmt, als wenn er sich in der Minoritt befindet; denn er hat 
das Seinige getan, er hat seine berzeugung ausgesprochen, er ist 
nicht Herr ber die Geister noch ber die Gemter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 836
%
In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen 
niemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen 
angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbstndig sind, 
so zieht die Menge den einzelnen nach sich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 837
%
Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der 
Religion, alles zeigt, dass die Meinungen massenweis sich verbreiten, 
immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem 
menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gem und bequem ist. 
Ja derjenige, der sich in hherem Sinne ausgebildet, kann immer 
voraussetzen, dass er die Majoritt gegen sich habe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 838
%
Wre die Natur in ihren leblosen Anfngen nicht so grndlich 
stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und 
unermesslichen Leben gelangen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 839
%
Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gefunden 
Sinne bedient, ist der grte und genauste physikalische Apparat, den 
es geben kann; und das ist eben das grte Unheil der neuern Physik, 
dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und 
blo in dem, was knstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, 
ja was sie leisten kann, dadurch beschrnken und bewiesen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 840
%
Ebenso ist es mit dem Berechnen. - Es ist vieles wahr, was sich 
nicht berechnen lsst, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum 
entschiedenen Experiment bringen lsst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 841
%
Dafr steht ja aber der Mensch so hoch, dass sich das sonst 
Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle 
mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers; ja man kann 
sagen, was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen 
den Menschen, der sie alle erst bndigen und modifizieren muss, um 
sie sich einigermaen assimilieren zu knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 842
%
Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles 
leisten soll. Konnte man doch die Elektrizitt erst nur durch Reiben 
darstellen, deren hchste Erscheinung jetzt durch blo Berhrung 
hervorgebracht wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 843
%
Wie man der franzsischen Sprache niemals den Vorzug streitig 
machen wird, als ausgebildete Hof- und Weltsprache sind immer mehr 
aus- und fortbildend zu wirken, so wird es niemand einfallen, das 
Verdienst der Mathematiker gering zu schtzen, welches sie, in ihrer 
Sprache die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd, sich um die Welt 
erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem Ma im hchsten Sinne 
unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu entscheiden wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 844
%
Jeder Deutsche, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr 
blickt, wird sich erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn 
man sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewhren 
lsst, so werden sie erkennen, dass wir etwas gewahr werden, was weit 
darber hinausgeht, welches allen angehrt, und ohne welches sie 
selbst weder tun noch wirken knnten: Idee und Liebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 845
%
"Wer wei etwas von Elektrizitt," sagte ein heiterer 
Naturforscher, "als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder 
Blitz und Donner neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und 
wie wenig wei er alsdann davon?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 846
%
Lichtenbergs Schriften knnen wir uns als der wunderbarsten 
Wnschelrute bedienen; wo er einen Spa macht, liegt ein Problem 
verborgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 847
%
In den groen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er 
auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfltig bewiesen hatte, dass 
die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet 
htten, was nur in diesen Rumen zu finden gewesen von Materie, sagte 
jener scherzhaft nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch 
unsichtbare Welten geben? - Und hat er nicht vollkommen wahr 
gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt 
unsichtbar, auer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und 
Rechnung glauben mssen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 848
%
Einer neuen Wahrheit ist nichts schdlicher als ein alter Irrtum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 849
%
Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des 
Erscheinens dergestalt obruiert, dass sie das eine Urbedingende nicht 
gewahren knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 850
%
"Wenn Reisende ein sehr groes Ergtzen auf ihren 
Bergklettereien empfinden, so ist fr mich etwas Barbarisches, ja 
Gottloses in dieser Leidenschaft. Berge geben uns wohl den Begriff 
von Naturgewalt, nicht aber von Wohlttigkeit der Vorsehung. Zu 
welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu 
wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch 
sein Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der 
Giebach weg, seine Kornscheuern die Windstrme. Macht er sich auf 
den Weg, so ist jeder Aufstieg die Qual des Sisyphis, jeder 
Niederschlag der Sturz Vulkans; sein Pfad ist tglich von Steinen 
verschttet, der Giebach unwegsam fr Schifffahrt. Finden auch seine 
Zwergherden notdrftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen krglich: 
Entweder die Elemente entreien sie ihm oder wilde Bestien. Er fhrt 
ein einsam kmmerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem 
Grabstein, ohne Bequemlichkeit und ohne Gesellschaft. Und diese 
Zickzackkmme, diese widerwrtigen Felsenwnde, diese ungestalteten 
Granitpyramiden, welche die schnsten Weltbreiten mit den 
Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein 
wohlwollender Mann daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 851
%
Auf diese heitere Paradoxie eines wrdigen Mannes wre zu sagen, 
dass, wenn es Gott und der Natur gefallen htte, den Urgebirgsknoten 
von Nubien durchaus nach Westen bis an das Groe Meer zu entwickeln 
und fortzusetzen, ferner diese Gebirgsreihe einige Mal von Norden 
nach Sden zu durchschneiden, sodann Tler entstanden sein wrden, 
worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius 
eine Felsenburg wrde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen, 
leicht mit den Sternen rivalisierend, sich htten vermehren knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 852
%
Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und 
das Beste, was man von ihnen lernt, ist nicht mitzuteilen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 853
%
Was ich recht wei, wei ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes 
Wort frdert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und 
Stillstehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 854
%
Die Kristallographie, als Wissenschaft betrachtet, gibt zu ganz 
eignen Ansichten Anlass. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie 
selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche 
isomorphische Krper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach 
ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist, 
so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie 
gibt dem Geist eine gewisse beschrnkte Befriedigung und ist in ihren 
Einzelheiten so mannigfaltig, dass man sie unerschpflich nennen 
kann, deswegen sie auch vorzgliche Menschen so entschieden und lange 
an sich festhlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 855
%
Etwas Mnchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und 
ist daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie 
nicht: Denn die kstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die 
kristallinischen Edelsteine, mssen erst zugeschliffen werden, ehe 
wir unsere Frauen damit schmcken knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 856
%
Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche 
von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten 
Einfluss aufs Leben sich erweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 857
%
Der Begriff von Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher 
wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, dass es schon dagewesen 
sei. Deshalb das System der Einschachtelung uns begreiflich vorkommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 858
%
Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man 
betrachte die Werke der Baukunst; man sieht manches sich regel- und 
unregelmig anhufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und 
bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in 
organischen Fllen anzuwenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 859
%
Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des 
Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen wei, der ist als 
Naturforscher in einer blen Lage.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 860
%
Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die 
Stelle der Idee setzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 861
%
Man tut nicht wohl, sich allzu lange im Abstrakten aufzuhalten. 
Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. 
Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 862
%
Man kann in den Naturwissenschaften ber manche Probleme nicht 
gehrig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft; aber 
nicht jene Schul- und Wortweisheit: Es ist dasjenige, was vor, mit 
und nach der Physik war, ist und sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 863
%
Autoritt, dass nmlich etwas schon einmal geschehen, gesagt 
oder entschieden worden sei, hat groen Wert; aber nur der Pedant 
fordert berall Autoritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 864
%
Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben, 
irgendwo wieder einmal von vorn zu grnden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 865
%
Beharre, wo du stehst! - Maxime, notwendiger als je, indem 
einerseits die Menschen in groe Parteien gerissen werden, sodann 
aber auch jeder einzelne nach individueller Einsicht und Vermgen 
sich geltend machen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 866
%
Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man 
denkt, ohne viel beweisen zu wollen: Denn alle Beweise, die wir 
vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die 
Widriggesinnten hren weder auf das eine noch auf das andere.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 867
%
Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tag 
vorwrts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt 
sich mir gar manche Betrachtung auf ber die Vor- und Rckschritte, 
die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen: 
Dass wir sogar anerkannte Irrtmer aus der Wissenschaft nicht 
loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 868
%
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch 
ausgelegt, falsch angeknpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet 
sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung 
folgerecht angeknpft, richtig abgeleitet wird. Das lsst man sich 
wohl gefallen, legt aber keinen besondern Wert darauf und lsst den 
Irrtum ganz ruhig daneben liegen, und ich kenne ein kleines Magazin 
von Irrtmern, die man sorgfltig aufbewahrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 869
%
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine 
Meinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vortrgt, sich rechts 
und links nach Hilfsmitteln um, damit er sich und andere bestrken 
mge. Des Wahren bedient man sich, solange es brauchbar ist, aber 
leidenschaftlich rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es 
fr den Augenblick nutzen, damit, als einem Halbargumente, blenden, 
als mit einem Lckenber das Zerstckelte scheinbar vereinigen kann. 
Dieses zu erfahren, war mir erst ein rgernis, dann betrbte ich mich 
darber, und nun macht es mir Schadenfreude: Ich habe mir das Wort 
gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 870
%
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher 
erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und 
verknpft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fllt alles identisch 
zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In 
beiden Fllen stagniert die Betrachtung, einmal als berlebendig, das 
andere Mal als gettet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 871
%
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das 
Gewordene angewiesen; jene bekmmert sich nicht: Wozu? Dieser fragt 
nicht: Woher? - Sie erfreut sich am Entwickeln; er wnscht alles 
festzuhalten, damit er es nutzen knne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 872
%
Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner 
Natur innigst verwebt, dass ihm zur Erkenntnis das Nchste nicht 
gengt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im 
Augenblick das Nchste ist, und wir von ihr fordern knnen, dass sie 
sich selbst erklre, wenn wir krftig in sie dringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 873
%
Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre 
Natur ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen knnen, wenn 
sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur 
mit dem Nchsten, sondern auch mit dem Weistesten und Fernsten 
zusammenzuhngen, woraus dem Irrtum ber Irrtum entspringt. Das nahe 
Phnomen hngt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dass 
sich alles auf wenige groe Gesetze bezieht, die sich berall 
manifestieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 874
%
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Flle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 875
%
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu frchten: Einmal, sich dem 
Witz hinzugeben, wo sie in nichts zerfliet, die andere, sich mit 
Tropen und Gleichnissen zu umhllen, welches jedoch weniger schdlich 
ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 876
%
Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu 
dulden. Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie nu Nutz und 
Freude der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschrnke 
sich auf die nchste klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch 
gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht 
verwehrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 877
%
Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als 
unabhngig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann 
betrachte ich sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem 
entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzglich auf Natur; aber auch 
in Bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese 
Betrachtungsweise fruchtbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 878
%
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im hheren Sinne nennen, ist 
die bedeutende Ausbung, Bettigung eines originalen 
Wahrheitsgefhles, das, im stillen lngst ausgebildet, unversehens 
mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis fhrt. Es ist 
eine aus dem Innern am uern sich entwickelnde Offenbarung, die den 
Menschen seine Gotthnlichkeit vorahnen lsst. Es ist eine Synthese 
von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die 
seligste Versicherung gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 879
%
Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das 
Unbegreifliche begreiflich sei; er wrde sonst nicht forschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 880
%
Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise 
anwenden lsst. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche ntzlich 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 881
%
Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst 
identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese 
Steigerung des geistigen Vermgens aber gehrt einer hoch gebildeten 
Zeit an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 882
%
Am widerwrtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen 
Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre 
Hypothesen abstrus und wunderlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 883
%
Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die 
allerschlimmsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 884
%
Um zu begreifen, dass der Himmel berall blau ist, braucht man 
nicht um die Welt zu reisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 885
%
Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen: Das Besondere ist 
das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 886
%
Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; 
willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so 
denke, dass du es nun mit dreien zu tun hast: Mit dem Gegenstand und 
zwei Subjekten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 887
%
Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: Sich zu trennen, sich 
zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu 
verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren, und wie das 
Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten 
und zu verschwinden, zu solideszieren und zu verschmelzen, zu 
erstarren und zu flieen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehn. 
Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich 
vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. 
Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, 
Freund' und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und 
gleicher Mae; deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet, 
immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 888
%
Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt 
auch, dass die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch 
bald trennen, bald verbinden werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 889
%
Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene 
muss in einer entschiedenen Unabhngigkeit bestehen und mit allen 
liebenden, verehrenden, frommen Krften in die Natur und das heilige 
Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekmmert, was die 
Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muss sich dagegen 
unabhngig von allem uern erklren, ihren eigenen groen 
Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen 
kann, wenn sie, wie bisher, sich mit dem Vorhandenen abgibt und 
diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 890
%
In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs 
so gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am 
Ende, sondern erst am Anfang ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 891
%
Das Hchste wre, zu begreifen, dass alles Faktische schon 
Theorie ist. Die Blue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der 
Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phnomenen: Sie selbst 
sind die Lehre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 892
%
In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den 
Ausnahmen nicht irremachen lsst und die Probleme zu ehren wei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 893
%
Wenn ich mich beim Urphnomen zuletzt beruhige, so ist es doch 
auch nur Resignation; aber es bleibt ein groer Unterschied, ob ich 
mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer 
hypothetischen Beschrnktheit meines bornierten Individuums.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 894
%
Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man 
ber die Gabe des Bemerkens und fr was alles die Griechen Augen 
gehabt haben. Nur begehen sie den Fehler der bereilung, da sie von 
dem Phnomen unmittelbar zur Erklrung schreiten, wodurch denn ganz 
unzulngliche theoretische Aussprche zum Vorschein kommen. Dieses 
ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 895
%
Hypothesen sind Gerste, die man vor dem Gebude auffhrt, und 
die man abtrgt, wenn das Gebude fertig ist; sie sind dem Arbeiter 
unentbehrlich; nur muss er das Gerste nicht fr das Gebude ansehn.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 896
%
Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schler 
einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine 
Beschrnkung kennen; er sieht, je weiter sich das Wissen ausbreitet, 
desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 897
%
Wenn man den menschlichen Geist von einer Hypothese befreit, die 
ihn unntig einschrnkte, die ihn zwang, falsch zu sehen, falsch zu 
kombinieren, anstatt zu schauen zu grbeln, anstatt zu urteilen zu 
sophistisieren, so hat man ihm schon einen groen Dienst erzeigt. Er 
sieht die Phnomene freier, in andern Verhltnissen und Verbindungen 
an, er ordnet sie nach seiner Weise, und er erhlt wieder die 
Gelegenheit, die unschtzbar ist, wenn er in der Folge bald dazu 
gelangt, seinen Irrtum selbst wieder einzusehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 898
%
Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und 
das Ungewisse fixieren mchten. Meine Maxime bei der Naturforschung 
ist: Das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 899
%
Lssliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam 
schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu 
lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 900
%
Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er 
nichts Unntzes lehrte!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 901
%
Das Nrrischste ist, dass jeder glaubt, berliefern zu mssen, 
was man gewusst zu haben glaubt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 902
%
Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem 
der Schler nichts Unsicheres berliefert haben will, so darf der 
Lehrer kein Problem stehen lassen und sich etwa in einiger Entfernung 
da herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt sein (bepaalt sagt der 
Hollnder), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu 
besitzen, bis ein anderer die Pfhle wieder ausreit und sogleich 
enger oder weiter abermals wieder bepfhlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 903
%
Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und 
Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von groer, nicht 
zu entwickelnder Schdlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 904
%
Wenn mancher sich nicht verpflichtet fhlte, das Unwahre zu 
wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so wren es ganz andere 
Leute geworden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 905
%
Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darber schwtzen 
kann; das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 906
%
Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag 
gern daran mkeln und hkeln, damit er nur sein irriges, mhseliges 
Treiben einigermaen beschnigen knne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 907
%
Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die 
Wissenschaften unzugnglich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 908
%
Der Englnder ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis 
es wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat fhrt. Man frage nun, 
warum sie uns berall voraus sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 909
%
Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an 
die Stelle, wo das unaufgelste Problem liegt, gerne ein 
Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das 
Problem auch aufgelst und die Wahrheit am Tage ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 910
%
Es gehrt eine Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche 
in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu 
unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen 
Wirklichkeit lebhaft aufdringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 911
%
Bei Betrachtung der Natur im groen wie im kleinen hab' ich 
unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du 
es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich 
auch Vorgnger und Mitarbeiter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 912
%
Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete, 
vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine 
besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemht ist. Tchtige 
Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen 
will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar 
an ihrem Dasein.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fhlte, wrde 
mit niemanden streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern 
wie seine eigene als ein Phnomen betrachten. Denn wir erfahren fast 
tglich, dass der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern 
zu denken unmglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl 
und Wehe nur irgendeinen Einfluss htten, sondern in Dingen, die fr 
uns vllig gleichgltig sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 913
%
Man wei eigentlich das, was man wei, nur fr sich selbst. 
Spreche ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, 
unmittelbar glaubt er's besser zu wissen, und ich muss mit meinen 
Wissen immer wieder in mich selbst zurckkehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 914
%
Das Wahre frdert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er 
verwickelt uns nur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 915
%
Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich 
nicht enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen 
greift er nach der nchsten als der besten und beruhigt sich dabei; 
besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 916
%
Sieht man ein bel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man 
kuriert unmittelbar aufs Symptom los.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 917
%
Die Vernunft hat nur ber das Lebendige Herrschaft; die 
entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher 
kann es keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu 
tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 918
%
Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es 
zusammenlesen und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft 
durch ein Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier wre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 919
%
Was nicht mehr entsteht, knnen wir uns als entstehend nicht 
denken. Das Entstandene begreifen wir nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 920
%
Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein khner 
Versuch, die gegenwrtige unbegreifliche Welt an eine vergangene 
unbekannte zu knpfen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 921
%
Gleiche oder wenigstens hnliche Wirkungen werden auf 
verschiedene Weise durch Naturkrfte hervorgebracht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 922
%
Nichts ist widerwrtiger als die Majoritt: Denn sie besteht aus 
wenigen krftigen Vorgngern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, 
aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, 
ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 923
%
Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des innern 
hheren Sinnes; in der Ausbung ist sie eine Kunst wie die 
Beredsamkeit. Fr beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist 
ihnen gleichgltig. Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne, 
die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen 
gleich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 924
%
Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein 
solches Geschft betreibt, eine solche Kunst ausbt. Ein 
durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender 
Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich 
gotthnlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 925
%
Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, 
ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefhls?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 926
%
Die Mathematik vermag kein Vorurteil weg zu heben, sie kann den 
Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts 
von allem Sittlichen vermag sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 927
%
Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein 
vollkommener Mensch ist, als er das Schne des Wahren in sich 
empfindet; dann erst wird er grndlich, durchsichtig, umsichtig, 
rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehrt dazu, um La 
Grange hnlich zu werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 928
%
Nicht die Sprache an und fr sich ist richtig, tchtig, 
zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkrpert; und so 
kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden 
oder Gedichten die wnschenswerten Eigenschaften verleihen will: Es 
ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen 
Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: Das Vermgen der An- und 
Durchschauung; die sittlichen: Dass er die bsen Dmonen ablehne, die 
ihn hindern knnten, dem Wahren die Ehre zu geben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 929
%
Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das 
Schwierige erklren zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen 
Krper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl 
anerkannt, aber nicht berall eingestanden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 930
%
Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die 
Phnomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen 
Wert haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 931
%
Auf die primren, die Urversuche, kommt alles an, und das 
Kapitel, das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt 
auch sekundre, tertire usw. Gesteht man diesen das gleiche Recht 
zu, so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgeklrt war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 932
%
Ein groes bel in den Wissenschaften, ja berall, entsteht 
daher, dass Menschen, die kein Ideenvermgen haben, zu theoretisieren 
sich vermessen, weil sie nicht begreifen, dass noch so vieles Wissen 
hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem lblichen 
Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er 
sie berschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des 
Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des 
Tuns und Handelns. Ttig wird er sich selten verirren; das hhere 
Denken, Schlieen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 933
%
Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, 
weil die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lsst. Der 
Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 934
%
Man sagt: Zwischen zwei entgegen gesetzten Meinungen liege die 
Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das 
Unschaubare, das ewig ttige Leben in Ruhe gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 935
%
In Neuyork sind neunzig verschiedene christliche Konfessionen, 
von welchen jede auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter 
aneinander ire zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder 
Forschung, mssen wir es so weit bringen; denn was will das heien, 
dass jedermann von Liberalitt spricht und den andern hindern will, 
nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 936
%
Der eingeborenste Begriff, der notwendigste, von Ursach' und 
Wirkung wird in der Anwendung die Veranlassung zu unzhligen sich 
immer wiederholenden Irrtmern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 937
%
Ein groer Fehler, den wir begehen, ist, die Ursache der Wirkung 
immer nahe zu denken, wie die Sehne dem Pfeil, den sie fortschnellt; 
und doch knnen wir ihn nicht vermeiden, weil Ursache und Wirkung 
immer zusammengedacht und also im Geiste angenhert werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 938
%
Die nchsten fasslichen Ursachen sind greiflich und eben deshalb 
am begreiflichsten; weswegen wir uns gern als mechanisch denken, was 
hherer Art ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 939
%
Das Zurckfhren der Wirkung auf die Ursache ist blo ein 
historisches Verfahren, z.B. die Wirkung, dass ein Mensch gettet, 
auf die Ursache der los gefeuerten Bchse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 940
%
Der Granit verwittert auch sehr gern in Kugel- und Eiform; man 
hat daher keineswegs ntig, die in Norddeutschland hufig gefundenen 
Blcke solcher Gestalten wegen als im Wasser hin- und hergeschoben 
und durch Stoen und Wlzen enteckt und entkantet zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 941
%
Fall und Sto. Dadurch die Bewegung der Weltkrper erklren zu 
wollen, ist eigentlich ein versteckter Anthropomorphismus, es ist des 
Wanderers Gang ber Feld. Der aufgehobene Fu sinkt nieder, der 
zurckgebliebene strebt vorwrts und fllt; und immer so fort, vom 
Ausgehen bis zum Ankommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 942
%
Wie wre es, wenn man auf demselben Wege den Vergleich von dem 
Schrittschuhfahren hernhme? Wo das Vorwrtsdringen dem 
zurckbleibenden Fue zukommt, indem er zugleich die Obliegenheit 
bernimmt, noch eine solche Anregung zu geben, dass sein nunmehriger 
Hintermann auch wieder eine Zeitlang sich vorwrts zu bewegen die 
Bestimmung erhlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 943
%
Induktion habe ich mir nie selbst erlaubt, wollte sie ein 
anderer gegen mich gebrauchen, so wusst' ich solche sogleich 
abzulehnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 944
%
Mitteilung durch Analogien halt' ich fr so ntzlich als 
angenehm; der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts 
beweisen; er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zu 
verbinden. Mehrere analoge Flle vereinigen sich nicht zu 
geschlossenen Reihen, sie sind wie gute Gesellschaft, die immer mehr 
anregt als gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 945
%
Irren heit, sich in einem Zustande befinden, als wenn das Wahre 
gar nicht wre; den Irrtum sich und andern entdecken, heit rckwrts 
erfinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 946
%
Man sagt gar gehrig: Das Phnomen ist eine Folge ohne Grund, 
eine Wirkung ohne Ursache. Es fllt dem Menschen so schwer, Grund und 
Ursache zu finden, weil sie so einfach sind, dass sie sich dem Blick 
verbergen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 947
%
Was hat man sich nicht mit dem Granit beschftigt! Man hat ihn 
mit in die neueren Epochen herangezogen, und doch entsteht keiner 
mehr vor unsern Augen. Geschh' es im tiefsten Meeresgrunde, so 
htten wir keine Kenntnis davon.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 948
%
Kein Phnomen erklrt sich an und aus sich selbst; nur viele 
zusammen berschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas, was 
fr Theorie gelten knnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 949
%
Bei Erweitung des Wissens macht sich von Zeit zu Zeit eine 
Umordnung ntig; sie geschieht meistens nach neueren Maximen, bleibt 
aber immer provisorisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 950
%
Mnner vom Fach bleiben im Zusammenhange; dem Liebhaber dagegen 
wird es schwerer, wenn er die Notwendigkeit fhlt, nachzufolgen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 951
%
Deswegen sind Bcher willkommen, die uns sowohl das neu 
Empirisch-Aufgefundene als die neu beliebten Methoden darlegen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 952
%
In der Mineralogie ist dies hchst ntig, wo die 
Kristallographie so groe Forderungen machten und wo die Chemie das 
Einzelne nher zu bestimmen und das Ganze zu ordnen unternimmt. Zwei 
Willkommene: Leonhard und Cleaveland.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 953
%
Wenn wir das, was wir wissen, nach anderer Methode oder wohl gar 
in fremder Sprache dargelegt finden, so erhlt es einen sonderbaren 
Reiz der Neuheit und frischen Ansehens.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 954
%
Wenn zwei Meister derselben Kunst in ihrem Vortrag voneinander 
differieren, so liegt wahrscheinlicherweise das unauflsliche Problem 
in der Mitte zwischen beiden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 955
%
Die Geognosie des Herrn D'Aubussion de Voisins, bersetzt vom 
Herrn Wiemann, wie sie mir zuhanden kommt, frdert mich in diesem 
Augenblicke auf vielfache Weise, ob sie mich gleich im Hauptsinne 
betrbt; denn hier ist die Geognosie, welche doch eigentlich auf der 
lebendigen Ansicht der Weltoberflche ruhen sollte, aller Anschauung 
beraubt und nicht einmal in Begriffe verwandelt, sondern auf 
Nomenklatur zurckgefhrt, in welcher letzten Rcksicht sie freilich 
einem jeden und auch mir frderlich und ntzlich ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 956
%
Die Kreise des wahren berhren sich unmittelbar, aber in den 
Intermundien hat der Irrtum Raum genug, sich zu ergehen und zu walten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 957
%
Die Natur bekmmert sich nicht um irgendeinen Irrtum; sie selbst 
kann nicht anders, als ewig recht handeln, unbekmmert, was daraus 
erfolgen mge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 958
%
Natur hat zu nichts gesetzmige Freiheit, was sie nicht 
gelegentlich ausfhrte und zutage brchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 959
%
Nicht allein der freie Stoff, sondern auch das Derbe und Dichte 
drngt sich zur Gestalt; ganze Massen sind von Natur und Grund aus 
kristallinisch; in einer gleichgltigen, formlosen Masse entsteht 
durch stchiometrische Annherung und bereinandergreifen die 
porphyrartige Erscheinung, welche durch alle Formationen durchgeht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 960
%
Die Mineralienhndler beklagen sich, dass sich die Liebhaberei 
zu ihrer Ware in Deutschland vermindere, und geben der eindringlichen 
Kristallographie die Schuld. Es mag sein; jedoch in einiger Zeit wird 
gerade das Bestreben, die Gestalt genauer zu erkennen, auch den 
Handel wieder beleben, ja gewisse Exemplare kostbarer machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 961
%
Kristallographie sowie Stchiometrie vollendet auch den 
Oryktognosten; ich aber finde, dass man seit einiger Zeit in der 
Lehrmethode geirrt hat. Lehrbcher zu Vorlesungen und zugleich zum 
Selbstgebrauch, vielleicht gar als Teile zu einer wissenschaftlichen 
Enzyklopdie, sind nicht zu billigen; der Verleger kann sie 
bestellen, der Schler nicht wnschen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 962
%
Lehrbcher sollen anlockend sein; das werden sie nur, wenn sie 
die heiterste, zugnglichste Seite des Wissens und der Wissenschaft 
darbieten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 963
%
Alle Mnner vom Fach sind darin sehr bel dran, dass ihnen nicht 
erlaubt ist, das Unntze zu ignorieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 964
%
"Wir gestehn lieber unsre moralischen Irrtmer, Fehler und 
Gebrechen, als unsre wissenschaftlichen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 965
%
Das kommt daher, weil das Gewissen demtig ist und sich sogar in 
der Beschmung gefllt; der Verstand aber ist hochmtig, und ein 
abgentigter Widerruf bringt ihn in Verzweiflung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 966
%
Daher kommt, dass offenbarte Wahrheiten erst im stillen 
zugestanden werden, sich nach un nach verbreiten, bis dasjenige, was 
man hartnckig geleugnet hat, endlich als etwas ganz Natrliches 
erscheinen mag.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 967
%
Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden vor tausend 
Jahren schon beantwortet sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 968
%
Cartesius schrieb sein Buch "De Methodo" einige Male um, und wie 
es jetzt liegt, kann es uns doch nichts helfen. Jeder, der eine 
Zeitlang auf dem redlichen Forschen verharrt, muss seine Methode 
irgendeinmal umndern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 969
%
Das neunzehnte Jahrhundert hat alle Ursache, hierauf zu achten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 970
%
So ganz leere Worte wie die von der Dekomposition und 
Polarisation des Lichts mssen aus der Physik hinaus, wenn etwas aus 
ihr werden soll. Doch wre es mglich, ja es ist wahrscheinlich, dass 
diese Gespenster noch bis in die zweite Hlfte des Jahrhunderts 
hinberspuken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 971
%
Man nehme das nicht bel. Eben dasjenige, was niemand zugibt, 
niemand hren will, muss desto fter wiederholt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 972
%
Wir leben innerhalb der abgeleiteten Erscheinungen und wissen 
keineswegs, wie wir zur Urfrage kommen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 973
%
In Wissenschaften, sowie auch sonst, wenn man sich ber das 
Ganze verbreiten will, bleibt zur Vollstndigkeit am Ende nichts 
brig, als Wahrheit fr Irrtum, Irrtum fr Wahrheit geltend zu 
machen. Er kann nicht alles selbst untersuchen, muss sich an 
berlieferung halten und, wenn er ein Amt haben will, den Meinungen 
seiner Gnner frnen. Mgen sich die smtlichen akademischen Lehrer 
hiernach prfen!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 974
%
Wer ein Phnomen vor Augen hat, denkt schon oft drber hinaus; 
wer nur davon erzhlen hrt, denkt gar nichts.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 975
%
Man erkundige sich ums Phnomen, nehme es so genau damit als 
mglich und sehe, wie weit man in der Einsicht und in praktischer 
Anwendung damit kommen kann, und lasse das Problem ruhig liegen. 
Umgekehrt handeln die Physiker: Sie gehen gerade aufs Problem los und 
verwickeln sich unterwegs in so viel Schwierigkeiten, dass ihnen 
zuletzt jede Aussicht verschwindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 976
%
Deshalb hat die Petersburger Akademie auf ihre Preisfrage keine 
Antwort erhalten; auch der verlngerte Termin wird nichts helfen. Sie 
sollte jetzt den Preis verdoppeln und ihn demjenigen versprechen, der 
sehr klar und deutlich vor Augen legte: Warum keine Antwort 
eingegangen ist und warum sie nicht erfolgen konnte. Wer dies 
vermchte, htte jeden Preis wohl verdient.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 977
%
Da seit einiger Zeit meiner "Farbenlehre" mehr nachgefragt wird, 
machen sich frisch illuminierte Tafeln ntig. Indem ich nun dieses 
kleine Geschft besorge, muss ich lcheln, welche unsglich Mhe ich 
mir gegeben, das Vernnftige sowohl als das Absurde palpabel zu 
machen. Nach und nach wird man beides erfassen und anerkennen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 978
%
Der Newtonische Irrtum steht so nett im Konversationslexikon, 
dass man die Oktavseite nur auswendig lernen darf, um die Farbe frs 
ganze Leben los zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 979
%
Der Kampf mit Newton geht eigentlich in einer sehr niedern 
Region vor. Man bestreitet ein schlecht gesehenes, schlecht 
entwickeltes, schlecht angewendetes, schlecht theoretisiertes 
Phnomen. Man beschuldigt ihn in den frheren Versuchen einer 
Unvorsichtigkeit, in den folgenden einer Absichtlichkeit, beim 
Theoretisieren der bereilung, beim Verteidigen der Hartnckigkeit 
und im Ganzen einer halb bewusstlosen, halb bewussten Unredlichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 980
%
Autoritt. Ohne sie kann der Mensch nicht existieren, und doch 
bringt sie ebensoviel Irrtum als Wahrheit mit sich; sie verewigt im 
einzelnen, was einzeln vorbergehen sollte, und ist hauptschlich 
Ursache, dass die Menschheit nicht vom Flecke kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 981
%
Aus dem Grten wie aus dem Kleinsten - nur durch knstlichste 
Mittel dem Menschen zu vergegenwrtigen - geht die Metaphysik der 
Erscheinungen hervor; in der Mitte ligt das Besondere, unsern Sinnen 
Angemessene, worauf ich angewiesen bin, deshalb aber die Begabten von 
Herzen segne, die jene Regionen zu mir heranbringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 982
%
Da diejenigen, welche wissenschaftliche Versuche anstellen, 
selten wissen, was sie eigentlich wollen und was dabei herauskommen 
soll, so verfolgen sie ihren Weg meistenteils mit groem Eifer; bald 
aber, da eigentlich nichts Entschiedenes entstehen will, so lassen 
sie die Unternehmung fahren und suchen sie sogar andern verdchtig zu 
machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 983
%
Nachdem man in der zweiten Hlfte des siebzehnten Jahrhunderts 
dem Mikroskop so unendlich viel schuldig geworden war, so suchte man 
zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts dasselbe geringschtzig zu 
behandeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 984
%
Nachdem man in der neueren Zeit die meteorologischen 
Beobachtungen auf den hchsten Grad der Genauigkeit getrieben hatte, 
so will man sie nunmehr aus den nrdlichen Gegenden verbannen und 
will sie nur dem Beobachter unter den Tropen zugestehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 985
%
Ward man doch auch des Sexualsystems, das, im hhern Sinne 
genommen, so groen Wert hat, berdrssig und wollte es verbannt 
wissen! Geht es doch mit der alten Kunstgeschichte ebenso, in der man 
seit fnfzig Jahren sich gewissenhaft zu ben und die Unterschiede 
der aufeinander folgenden Zeiten einzusehen sich auf das genauste 
bestrebt hat. Das soll nun alles vergebens gewesen und alles 
aufeinander Folgende als identisch und ununterscheidbar anzusehen 
sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 986
%
Nach unserm Rat bleibe jeder auf dem eingeschlagenen Wege und 
lasse sich ja nicht durch Autoritt imponieren, durch allgemeine 
bereinstimmung bedrngen und durch Mode hinreien.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 987
%
Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit 
dieser ganz einfach einigermaen ber sich selbst aufgeklrt wrde, 
so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen 
vor die Natur: Der eine mit Geist und Gemt, sich ihr anzueignen, der 
andere mit Froscherblick und Methode, sie fr sich zu gewinnen. Und 
so ist denn auch jede Annherung, die sich uns im ganzen und 
einzelnen an diese dreie mglich macht, das Ereignis, was wir am 
freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befrdern sich 
jederzeit krftig erweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 988
%
Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstckelung und 
Verwicklung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, 
muss man sich immer die Frage vorlegen: Wie wrde sich Plato gegen 
die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer grern Mannigfaltigkeit, bei 
aller grndlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 989
%
Denn wir glauben berzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege 
bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen 
und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und 
nach aufbauen und befestigen knnen. Wie uns hiebei die Ttigkeit des 
Zeitalters frdert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die 
wir jeden Tag anstellen mssen, wenn wir nicht das Ntzliche abweisen 
und das Schdliche aufnehmen wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 990
%
Man rhmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptschlich 
mit Analyse abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe, die 
falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs 
Neue zu analysieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 991
%
Die Natur verstummt auf der Folter; ihre treue Antwort auf 
redliche Frage ist: Ja! Ja! Nein! Nein! Alles brige ist vom bel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 992
%
Man streiche zwei Stbchen, einen rot an, den andern blau; man 
bringe sie nebeneinander ins Wasser, und einer wird gebrochen 
erscheinen wie der andere. Jeder kann dieses einfache Experiment mit 
den Augen des Leibes erblicken; wer es mit Geistesaugen beschaut, 
wird von tausend und abertausend irrtmlichen Paragraphen befreit 
sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 993
%
Ein Phnomen, ein Versuch kann nichts beweisen; es ist das Glied 
einer groen Kette, das erst im Zusammenhange gilt. Wer eine 
Perlenschnur verdecken und nur die schnste einzeln vorzeigen wollte, 
verlangend, wir sollten ihm glauben, die brigen seien alle so, 
schwerlich wrde sich jemand auf den Handel einlassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 994
%
Abbildungen, Wortbeschreibung, Ma, Zahl und Zeichen stellen 
noch immer kein Phnomen dar. Darum blo konnte sich die Newtonische 
Lehre so lange halten, dass der Irrtum in dem Quartbande der 
lateinischen bersetzung fr ein paar Jahrhunderte einbalsamiert war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 995
%
Die Natur fllt mit ihrer grenzenlosen Produktivitt alle Rume. 
Betrachten wir nur blo unsre Erde, alles, was wir bs, unglcklich 
nennen, kommt daher, dass sie nicht allem Entstehenden Raum geben, 
noch weniger ihm Dauer verleihen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 996
%
Alles, was entsteht, sucht sich Raum und will Dauer; deswegen 
verdrngt es ein anderes vom Platz und verkrzt seine Dauer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 997
%
Das Lebendige hat die Gabe, sich nach den vielfltigsten 
Bedingungen uerer Einflsse zu bequemen und doch eine gewisse 
errungene entschiedene Selbstndigkeit nicht aufzugeben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 998
%
Man gedenke der leichten Erregbarkeit aller Wesen, wie der 
mindeste Wechsel einer Bedingung, jeder Hauch gleich in den Krpern 
Polaritt manifestiert, die eigentlich in ihnen allen schlummert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 999
%
Spannung ist der indifferent scheinende Zustand eines 
energischen Wesens, in vlliger Bereitschaft sich zu manifestieren, 
zu differenzieren, zu polarisieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1000
%
In der Phanerogamie ist noch so viel Kryptogamsiches, dass 
Jahrhunderte es nicht entziffern werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1001
%
Wenn in der Mathematik der menschliche Geist seine 
Selbstndigkeit und unabhngige Ttigkeit gewahr wird und dieser ohne 
weiter Rcksicht ins Unendliche zu folgen sich geneigt fhlt, so 
flt er zugleich der Erfahrungswelt ein solches Zutrauen ein, dass 
sie es an gelegentlichen Aufforderungen nicht fehlen lsst. 
Astronomie, Mechanik, Schiffsbau, Festungsbau, Artillerie, Spiel, 
Wasserleitung, Schnitt der Bausteine, Verbesserung der Fernrhre 
riefen in der zweiten Hlfte des siebzehnten Jahrhunderts die 
Mathematik wechselsweise zu Hilfe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1002
%
Die Mathematiker sind wunderliche Leute; durch das Groe, was 
sie leisteten, haben sie sich zur Universalgilde aufgeworfen und 
wollen nichts anerkennen, als was in ihren Kreis passt, was ihr Organ 
behandeln kann. Einer der ersten Mathematiker sagte bei Gelegenheit, 
da man ihm ein physisches Kapitel andringlich empfehlen wollte: "Aber 
lsst sich denn gar nichts auf den Kalkl reduzieren?"
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1003
%
Falsche Vorstellung, dass man ein Phnomen durch Kalkl oder 
durch Worte abtun und beseitigen knne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1004
%
Die Mathematiker sind eine Art Franzosen: Redet man zu ihnen, 
so bersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es alsobald ganz 
etwas anders.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1005
%
Es folgt eben gar nicht, dass der Jger, der das Wild erlegt, 
auch zugleich der Koch sein msse, der es zubereitet. Zuflligerweise 
kann ein Koch mit auf die Jagd gehen und gut schieen; er wrde aber 
einen bsen Fehlschuss tun, wenn er behauptete, um gut zu schieen, 
msse man Koch sein. So kommen mir die Mathematiker vor, die 
behaupten, dass man in physischen Dingen nichts sehen, nichts finden 
knne, ohne Mathematiker zu sein, da sie doch immer zufrieden sein 
knnten, wenn man ihnen in die Kche bringt, das sie mit Formeln 
spicken und nach Belieben zurichten knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1006
%
Wir mssen erkennen und bekennen, was Mathematik sei, wozu sie 
der Naturforschung wesentlich dienen knne, wohingegen sie nicht 
hingehre, und in welche klgliche Abirrung Wissenschaft und Kunst 
durch falsche Anwendung seit ihrer Regeneration geraten sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1007
%
Die groe Aufgabe wre, die mathematisch-philosophischen 
Theorien aus den Teilen der Physik zu verbannen, in welchen sie 
Erkenntnis, anstatt zu frdern, nur verhindern, und in welchen die 
mathematische Behandlung durch Einseitigkeit der Entwicklung der 
neuern wissenschaftlichen Bildung eine so verkehrte Anwendung 
gefunden hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1008
%
Darzutun wre, welches der wahre Weg der Naturforschung sei: 
Wie derselbe auf dem einfachsten Fortgange der Beobachtung beruhe, 
die Beobachtung zum Versuch zu steigern sei und wie dieser endlich 
zum Resultat fhre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1009
%
Tycho de Brahe, ein groer Mathematiker, vermochte sich nur 
halb von dem alten System loszulsen, das wenigstens den Sinnen gem 
war, das er aber aus Rechthaberei durch ein kompliziertes Uhrwerk 
ersetzen wollte, das weder den Sinnen zu schauen noch den Gedanken zu 
erreichen war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1010
%
Newton als Mathematiker steht in so hohem Ruf, das der 
ungeschickteste Irrtum, nmlich das klare, reine, ewig ungetrbte 
Licht sei aus dunklen Lichtern zusammengesetzt, bis auf den heutigen 
Tag sich erhalten hat, und sind es nicht Mathematiker, die dieses 
Absurde noch immer verteidigen und gleich dem gemeinsten Hrer in 
Worten wiederholen, bei denen man nichts denken kann?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1011
%
Der Mathematiker ist angewiesen aufs Quantitative, auf alles, 
was sich durch Zahl und Ma bestimmen lsst, und also gewissermaen 
auf das uerlich erkennbare Universum. Betrachten wir aber dieses, 
insofern uns Fhigkeit gegeben ist, mit vollem Geiste und aus allen 
Krften, so erkennen wir, dass Quantitt und Qualitt als die zwei 
Pole des erscheinenden Daseins gelten mssen; daher denn auch der 
Mathematiker seine Formelsprache so hoch steigert, um, insofern es 
mglich, in der messbaren und zhlbaren Welt die unmessbare 
mitzubegreifen. Nun erscheint ihm alles greifbar, fasslich und 
mechanisch, und er kommt in den Verdacht eines heimlichen Atheismus, 
indem er ja das Unmessbarste, welches wir Gott nennen, zugleich mit 
zu erfassen glaubt, und daher dessen besonderes oder vorzgliches 
Dasein aufzugeben scheint.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1012
%
Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfhigkeit 
des Menschen zum Grunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer 
bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen 
Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmig und willkrlich zu 
gebrauchen; man kann sie ebenso gut zu einer spitzfindig-verwirrenden 
Dialektik wie zu einer verworren-verdsternden Mystik verwenden, man 
missbraucht sie bequem zu hohlen und nichtigen prosaischen und 
poetischen Phrasen, ja man versucht, prosodisch untadelhafte und doch 
nonsensikalische Verse zu machen.
Unser Freund, der Ritter Ciccolini, sagt: "Ich wnschte wohl, dass 
alle Mathematiker in ihren Schriften des Genies und der Klarheit 
eines La Grange sich bedienten", das heit: Mchten doch alle den 
grndlich-klaren Sinn eines La Grange besitzen und mit solchem Wissen 
und Wissenschaft behandeln!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1013
%
Der Newtonische Versuch, auf dem die herkmmliche Farbenlehre 
beruht, ist von der vielfachsten Komplikation; er verknpft folgende 
Bedingungen:
Damit das Gespenst erscheine, ist ntig:
   1. ein glsern Prisma;
   2. dieses dreiseitig,
   3. klein;
   4. ein Fensterladen;
   5. eine ffnung darin;
   6. diese sehr klein;
   7. Sonnenbild, das hereinfllt;
   8. in einer gewissen Entfernung, in einer
   9. gewissen Richtung aufs Prisma fllt;
   10. sich auf einer Tafel abbildet,
   11. die in einer gewissen Entfernung hinter das Prisma gestellt 
ist.
Nehme man von diesen Bedingungen 3., 6. und 11. weg: Man mache die 
ffnung gro, man nehme ein groes Prisma, man stelle die Tafel nah 
heran, und das beliebte Spektrum kann und wird nicht zum Vorschein 
kommen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1014
%
Man spricht geheimnisvoll von einem wichtigen Experimente, 
womit man die Lehre erst recht befestigen will; ich kenn' es recht 
gut und kann es auch darstellen: Das ganze Kunststck ist, dass zu 
obigen Bedingungen noch ein paar hinzugefgt werden, wodurch das 
Hokuspokus sich noch mehr verwickelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1015
%
Der Fraunhoferische Versuch, wo Querlinien im Spektrum 
erscheinen, ist von derselben Art, sowie auch die Versuche, wodurch 
eine neue Eigenschaft des Lichts entdeckt werden soll. Sie sind 
doppelt und dreifach kompliziert; wenn sie was ntzen sollten, 
mssten sie in ihre Elemente zerlegt werden, welches dem Wissenden 
nicht schwer fllt, welches aber zu fassen und zu begreifen kein Laie 
weder Vorkenntnis noch Geduld, kein Gegner weder Intention noch 
Redlichkeit genug mitbringt: Man nimmt lieber berhaupt an, was man 
sieht, und zieht die alte Schlussfolge daraus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1016
%
Ich wei wohl, dass diese Worte vergebens dastehn; aber sie 
mgen als offenbares Geheimnis der Zukunft bewahrt bleiben. 
Vielleicht interessiert sich auch noch einmal ein La Grange fr diese 
Angelegenheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1017
%
Der Historiker kann und braucht nicht alles aufs Gewisse zu 
fhren; wissen doch die Mathematiker auch nicht zu erklren, warum 
der Komet von 1770, der in fnf oder elf Jahren wiederkommen sollte, 
sich zur bestimmten Zeit noch nicht wieder hat sehen lassen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1018
%
Hundert graue Pferde machen nicht einen einzigen Schimmel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1019
%
Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen 
herrschend, sind die hchsten denkbaren unteilbaren Energien.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1020
%
Ich habe nichts dagegen, wenn man die Farbe sogar zu fhlen 
glaubt; ihr eigenes Eigenschaftliche wrde nur dadurch noch mehr 
bettigt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1021
%
Auch zu schmecken ist sie. Blau wird alkalisch, Gelbrot sauer 
schmecken. Alle Manifestationen der Wesenheiten sind verwandt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1022
%
Und gehrt die Farbe nicht ganz eigentlich dem Gesicht an?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1023
%
Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich 
verschrnkter, als zu begreifen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1024
%
Diejenigen, die das einzige grundklare Licht aus farbigen 
Lichtern zusammensetzen, sind die eigentlichen Obskuranten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1025
%
Wer sich an eine falsche Vorstellung gewhnt, dem wird jeder 
Irrtum willkommen sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1026
%
Deswegen sagte man ganz richtig: "Wer die Menschen betrgen 
will, muss vor allen Dingen das Absurde plausibel machen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1027
%
Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache, leise 
aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer das 
Recht auf seiner Seite fhlt, muss derb auftreten; ein hfliches 
Recht will gar nichts heien.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1028
%
Schon jetzt erklren die Meister der Naturwissenschaften die 
Notwendigkeit monographischer Behandlung und also das Interesse an 
Einzelheiten. Dies ist aber nicht denkbar ohne eine Methode, die das 
Interesse an der Gesamtheit offenbart. Hat man das erlangt, so 
braucht man friedlich nicht in Millionen Einzelheiten umherzutasten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1029
%
Zur Methode wird nur der getrieben, dem die Empirie lstig wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1030
%
Nicht alles Wnschenswerte ist erreichbar, nicht alles 
Erkennenswerte erkennbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1031
%
Je weiter man in der Erfahrung fortrckt, desto nher kommt man 
dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen wei, desto 
mehr sieht man, dass das Unerforschliche keinen praktischen Nutzen 
hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1032
%
Das schnste Glck des denkenden Menschen ist, das 
Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu 
verehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1033
%
Derjenige, der sich mit Einsicht fr beschrnkt erklrt, ist 
der Vollkommenheit am nchsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1034
%
Die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelst, vielmehr in 
die Individualitt desselben verschlungen und verwickelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1035
%
Was die Wissenschaften am meisten retardiert, ist, dass 
diejenigen, die sich damit beschftigen, ungleiche Geister sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1036
%
Es ist ihnen wohl Ernst, aber sie wissen nicht, was sie mit dem 
Ernst machen sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1037
%
Von dem, was sie verstehen, wollen sie nichts wissen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1038
%
Vor zwei Dingen kann man sich nicht genug in Acht nehmen: 
Beschrnkt man sich in seinem Fach, vor Starrsinn, tritt man heraus, 
vor Unzulnglichkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1039
%
Das Unzulngliche widerstrebt mehr, als man denken sollte, dem 
Auslangenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1040
%
Die Menschen, da sie zum Notwendigen nicht hinreichen, bemhen 
sich ums Unntze.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1041
%
Im sechzehnten Jahrhundert gehren die Wissenschaften nicht 
diesem oder jenem Menschen, sondern der Welt. Diese hat sie, besitzt 
die pp., der Mensch ergreift nur den Reichtum.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1042
%
Das Jahrhundert ist vorgerckt; jeder einzelne aber fngt doch 
von vorne an.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1043
%
Alle Individuen und, wenn sie tchtig sind und auf andre 
wirken, ihre Schulen sehen das Problematische in den Wissenschaften 
als etwas an, wofr oder wogegen man streiten soll, eben als wenn es 
eine andere Lebenspartei wre, anstatt dass das Wissenschaftliche 
eine Auflsung, Ausgleichung oder eine Aufstellung unausgleichbarer 
Antinomien fordert.
In diesem Falle ist Aguilonius.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1044
%
Wenn jemand spricht, er habe mich widerlegt, so bedenkt er 
nicht, dass er nur eine Ansicht der meinigen entgegen aufstellt; 
dadurch ist ja noch nichts ausgemacht. Ein Dritter hat eben das 
Recht, und so ins Unendliche fort.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1045
%
Der Fehler schwacher Geister ist, dass sie im Reflektieren 
sogleich vom Einzelnen ins Allgemeine gehen, anstatt dass man nur in 
der Gesamtheit das Allgemeine suchen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1046
%
Urphnomen: Ideal-real-symbolisch-identisch.
   Ideal, als das letzte Erkennbare
   real, als erkannt;
   symbolisch, weil es alle Flle begreift;
   identisch, mit allen Fllen.
   Empirie: Unbegrenzte Vermehrung derselben. Verzweiflung an 
Vollstndigkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1047
%
Das Wissen beruht auf der Kenntnis des zu Unterscheidenden, die 
Wissenschaft auf der Anerkennung des nicht zu Unterscheidenden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1048
%
Das Wissen wird durch das Gewahrwerden seiner Lcken, durch das 
Gefhl seiner Mngel zur Wissenschaft gefhrt, welche vor, mit und 
nach allem Wissen besteht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1049
%
Im Wissen und Nachsinnen ist Falsches und Wahres. Wie das sich 
nun das Ansehen der Wissenschaft gibt, so wird's ein wahr-lgenhaftes 
Wesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1050
%
Bei wissenschaftlichen Streitigkeiten nehme man sich in Acht, 
die Probleme nicht zu vermehren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1051
%
Zum Ergreifen der Wahrheit braucht es eines hheren Organs als 
zur Verteidigung des Irrtums.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1052
%
Etwas Theoretisches populr zu machen, muss man es absurd 
darstellen. Man muss es erst selbst ins Praktische einfhren; dann 
gilt's fr alle Welt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1053
%
Indem wir der Einbildungskraft zumuten, das Entstehen statt des 
Entstandenen, der Vernunft die Ursache statt der Wirkung zu 
reproduzieren und auszusprechen, so haben wir zwar beinahe nichts 
getan, weil es nur ein Umsetzen der { Anschauung / Vorstellung } ist. 
Aber genug fr den Menschen, der vielleicht im Verhltnis { zur / 
gegen die } Auenwelt nicht mehr leisten kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1054
%
Alles, was im Subjekt ist, ist im Objekt und noch etwas mehr.
Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt und noch etwas mehr.
Wir sind auf doppelte Weise verloren oder geborgen: Gestehen wir 
dem Objekt sein Mehr zu, pochen wir auf unser Subjekt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1055
%
Poesie deutet auf die Geheimnisse der Natur und sucht sie 
durchs Bild zu lsen. Philosophie deutet auf die Geheimnisse der 
Vernunft und sucht sie durchs Wort zu lsen. (Naturphilosophie, 
Experimentalphilosophie.) Mystik deutet auf die Geheimnisse der Natur 
und Vernunft und sucht sie durch Wort und Bild zu lsen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1056
%
Wer die Natur als gttliches Organ leugnen will, der leugne nur 
gleich alle Offenbarung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1057
%
Die Natur verbirgt Gott; aber nicht jedem.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1058
%
Die Frage ber die Instinkte der Tiere lsst sich nur durch den 
Begriff von Monaden und Entelechien auflsen.
Jede Monas ist eine Entelechie, die unter gewissen Bedingungen zur 
Erscheinung kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1059
%
Aus der Natur, nach welcher Seite hin man schaue, entspringt 
Unendliches.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1060
%
Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen, 
wird Verstand, dieses zu erfassen, Vernunft erfordert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1061
%
Was man Idee nennt: Das, was immer zur Erscheinung kommt und 
daher als Gesetz aller Erscheinungen uns entgegentritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1062
%
Nur im Hchsten und im Gemeinsten trifft Idee und Erscheinung 
zusammen; auf allen mittlern Stufen des Betrachtens und Erfahrens 
trennen sie sich. Das Hchste ist das Anschauen des Verschiednen als 
identisch; das Gemeinste ist die Tat, das aktive Verbinden des 
Getrennten zur Identitt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1063
%
Was uns so sehr irre macht, wenn wir die Idee in der 
Erscheinung anerkennen sollen, ist, dass sie oft und gewhnlich den 
Sinnen widerspricht.
Das Kopernikanische System beruht auf einer Idee, die schwer zu 
fassen war und noch tglich unseren Sinnen widerspricht. Wir sagen 
nur nach, was wir nicht erkennen noch begreifen.
Die Metamorphose der Pflanzen widerspricht gleichfalls unsren 
Sinnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1064
%
Das Erhabene, durch Kenntnis nach und nach vereinzelt, tritt 
vor unserm Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir 
stufenweise um das Hchste gebracht, was uns gegnnt war, um die 
Einheit, die uns in vollem Ma zur Mitempfindung des Unendlichen 
erhebt, dagegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden. Da 
wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als 
Zwerge gegen die Teile.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1065
%
Es ist ein angenehmes Geschft, die Natur zugleich und sich 
selbst zu erforschen, weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzutun, 
sondern beide durch gelinden Wechseleinfluss miteinander ins 
Gleichgewicht zu setzen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1066
%
Sich den Objekten in der Breite gleichstellen, heit lernen; 
die Objekte in ihrer Tiefe auffassen, heit erfinden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1067
%
Was man erfindet, tut man mit Liebe, was man gelernt hat, mit 
Sicherheit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1068
%
Was ist denn das Erfinden? Es ist der Abschluss des Gesuchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1069
%
Was ist der Unterschied zwischen Axiom und Enthymem? Axiom: Was 
wir von Haus aus, ohne Beweis anerkennen; Enthymem: Was uns an viele 
Flle erinnert und das zusammenknpft, was wir schon einzeln 
erkannten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1070
%
Die Freude des ersten Gewahrwerdens, des so genannten 
Entdeckens, kann uns niemand nehmen, Verlangen wir aber auch ehre 
davon, die kann uns sehr verkmmert werden; denn wir sind meistens 
nicht die ersten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1071
%
Was heit auch erfinden und wer kann sagen, dass er dies oder 
jenes erfunden habe? Wie es denn berhaupt, auf Prioritt zu pochen, 
wahre Narrheit ist; denen s ist nur bewusstloser Dnkel, wenn man 
sich nicht redlich als Plagiarier bekennen will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1072
%
Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen 
oft die Gegenstnde selbst verloren. Kann man doch im hheren Sinne 
sagen, dass die Ansicht der Gegenstand sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1073
%
Es ist viel mehr schon entdeckt, als man glaubt.
Da die Gegenstnde durch die Ansichten der Menschen erst aus dem 
Nichts hervorgehoben werden, so kehren sie, wenn sich die Ansichten 
verlieren, auch wieder ins Nichts zurck: Rundung der Erde, Platos 
Blue.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1074
%
Es sind zwei Gefhle die schwersten zu berwinden: Gefunden zu 
haben, was schon gefunden ist, und nicht gefunden zu sehen, was man 
htte finden sollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1075
%
Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1076
%
Das Schrecklichste fr den Schler ist, dass er sich am Ende 
doch gegen den Meister wiederherstellen muss. Je krftiger das ist, 
was dieser gibt, in desto grerem Unmut, ja Verzweiflung ist der 
Empfangende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1077
%
Man datiert von Baco von Verulam eine Epoche der 
Erfahrungs-Naturwissenschaften. Ihr Weg ist jedoch durch theoretische 
Tendenzen oft durchschnitten und ungangbar gemacht worden. Genau 
besehen, kann und soll man von jedem Tag eine neue Epoche datieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1078
%
Jeden Tag hat man Ursache, die Erfahrung aufzuklren und den 
Geist zu reinigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1079
%
Der gemeine Wissenschaftler hlt alles fr berlieferbar und 
fhlt nicht, dass die Niedrigkeit seiner Ansichten ihn sogar das 
eigentlich berlieferbare nicht fassen lsst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1080
%
Wenn in Wissenschaften alte Leute retardieren, so 
retrogradieren junge. Alte leugnen die Vorschritte, wenn sie nicht 
mit ihren frheren Ideen zusammenhngen; junge, wenn sie der Idee 
nicht gewachsen sind und doch auch etwas Auerordentliches leisten 
mchten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1081
%
Das wre wohl der werteste Professor der Physik, der die 
Nichtigkeit seines Kompendiums und seiner Figuren, gegen die Natur 
und gegen die hh'ren Forderungen des Geists gehalten, durchaus zur 
Anschauung bringen knnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1082
%
Alle Hypothesen hindern den '???????????, das Wiederbeschauen, 
das Betrachten der Gegenstnde, der fraglichen Erscheinungen von 
allen Seiten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1083
%
Wer kann sagen, dass er eine Neigung zur reinen Erfahrung habe? 
Was Baco dringend empfohlen hatte, glaubte jeder zu tun, und wem 
gelang es?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1084
%
Die Konstanz der Phnomene ist allein bedeutend; was wir dabei 
denken, ist ganz einerlei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1085
%
Die Phnomene sind nichts wert, als wenn sie uns eine tiefere 
reichere Einsicht in die Natur gewhren oder wenn sie uns zum Nutzen 
anzuwenden sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1086
%
Die schnste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn 
beim Entstehen das Amorphe sich ins Gestaltete verwandelt. Jede Masse 
hat hiezu Trieb und Recht. Der Glimmerschiefer verwandelt sich in 
Granaten und bildet oft Gebirgsmassen, in denen der Glimmer beinahe 
ganz aufgehoben ist und nur als geringes Bindungsmittel sich zwischen 
jenen Kristallen befindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1087
%
Die Vgel sind ganz spte Erzeugnisse der Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1088
%
Das Groe, berkolossale der Natur eignet man so leicht sich 
nicht an; denn wir haben nicht reine Verkleinerungsglser, wie wir 
Linsen haben, um das unendlich Kleine zu gewahren. Und da muss man 
doch noch Augen haben wie Carus und Nees, wenn dem Geiste Vorteil 
entstehen soll.
Da jedoch die Natur im Grten wie im Kleinsten sich immer gleich 
ist und eine jede trbe Scheibe so gut die schne Blue darstellt wie 
die ganze weltberwlkende Atmosphre, so find' ich es geraten, auf 
Musterstcke aufmerksam zu sein und sie vor mir zusammenzulegen. Hier 
nun ist das Ungeheure nicht verkleinert, sondern im Kleinen, und 
ebenso unbegreiflich als im Unendlichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1089
%
"Nur die gegenwrtige Wissenschaft gehrt uns an, nicht die 
vergangne, noch die zuknftige."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1090
%
In der Geschichte der Naturforschung bemerkt man durchaus, dass 
die Beobachter von der Erscheinung zu schnell zur Theorie hineilen, 
und dadurch unzulnglich, hypothetisch werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1091
%
Wir wrden unser Wissen nicht fr Stckwerk erklren, wenn wir 
nicht einen Begriff von einem Ganzen htten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1092
%
Die Wissenschaften so gut als die Knste bestehen in einem 
berlieferbaren (realen), erlernbaren Teil und in einem 
unberlieferbaren (idealen), unlernbaren Teil.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1093
%
In der Geschichte der Wissenschaften hat der ideale Teil ein 
ander Verhltnis zum realen als in der brigen Weltgeschichte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1094
%
Geschichte der Wissenschaften: Der reale Teil sind die 
Phnomene, der ideale die Ansichten der Phnomene.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1095
%
Vier Epochen der Wissenschaften: Kindliche, poetische, 
aberglubische; empirische, forschende, neugierige; dogmatische, 
didaktische, pedantische; ideelle, methodische, mystische.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1096
%
Kant beschrnkt sich mit Vorsatz in einen gewissen Kreis und 
deutet ironisch immer darber hinaus.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1097
%
Es ist das Eigne zu bemerken, dass der Mensch sich mit dem 
einfachen Erkennbaren nicht begngt, sondern auf die verwickelteren 
Probleme losgeht, die er vielleicht nie erfassen wird. Jenes einfache 
Fassliche ist durchaus anwendbar und ntzlich und kann uns ein ganzes 
Leben durch beschftigen, wenn es uns gengt und belebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1098
%
Theorie und Erfahrung (Phnomen) stehen gegeneinander in 
bestndigem Konflikt. Alle Vereinigung in der Reflexion ist eine 
Tuschung; nur durch Handeln knnen sie vereinigt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1099
%
Es gibt jetzt eine bse Art, in den Wissenschaften abstrus zu 
sein: Man entfernt sich vom gemeinen Sinne, ohne einen hhern 
aufzuschlieen, transzendiert, phantasiert, frchtet lebendiges 
Anschauen, und wenn man zuletzt ins Praktische will und muss, wird 
man auf einmal atomistisch und mechanisch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1100
%
Die Wissenschaften zerstren sich auf doppelte Weise selbst: 
Durch die Breite, in die sie gehen, und durch die Tiefe, in die sie 
sich versenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1101
%
Alles, was man in Wissenschaften fordert, ist so ungeheuer, 
dass man recht gut begreift, dass gar nichts geleistet wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1102
%
Wir leben in einer Zeit, wo wir uns tglich mehr angeregt 
fhlen, die beiden Welten, denen wir angehren, die obere und die 
untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen 
anzuerkennen und unser jeweiliges Missbehagen mit dem Endlichen durch 
Erhebung ins Unendliche zu beschwichtigen. Die groen Vorteile, die 
dadurch zu gewinnen sind, wissen wir unter den mannigfaltigsten 
Umstnden zu schtzen und sie besonders auch den Wissenschaften und 
Knsten mit kluger Ttigkeit zuzuwenden.
Nachdem wir uns nun zu dieser Einsicht erhoben, so sind wir nicht 
mehr in dem Falle, bei Behandlung der Naturwissenschaften die 
Erfahrung der Idee entgegenzusetzen, wir gewhnen uns vielmehr, die 
Idee in der Erfahrung aufzusuchen, berzeugt, dass die Natur nach 
Ideen verfahre, ingleichen dass der Mensch in allem, was er beginnt, 
eine Idee verfolge. Wobei denn freilich zu bedenken ist, dass die 
Idee in ihrem Entspringen und ihrer Richtung vielfach erscheint und 
in diesem Sinne als von verschiedenem Werte geachtet werden knne.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1103
%
Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und aussprechen, 
dass wir mit Bewusstsein uns in der Region befinden, wo Metaphysik 
und Naturgeschichte bereinander greifen, also da, wo der ernste, 
treue Forscher am liebsten verweilt. Denn hier wird er durch den 
Zudrang grenzenloser Einzelheiten nicht mehr gengstigt, weil er den 
hohen Einfluss der einfachsten Idee schtzen lernt, welche auf die 
verschiedenste Weise Klarheit und Ordnung dem Vielfltigsten zu 
verleihen geeignet ist.
Indem nun der Naturforscher sich in dieser Denkweise bestrkt, im 
hheren Sinne die Gegenstnde betrachtet, so gewinnt er eine 
Zuversicht und kommt dadurch dem Erfahrenden entgegen, welcher nur 
mit gemessener Bescheidenheit ein Allgemeines anzuerkennen sich 
bequemt.
Er tut wohl, das Hypothese zu nennen, was schon gegrndet ist; mit 
desto mehr freudiger berzeugung findet auch er, dass hier ein wahres 
bereintreffen stattfindet. Er fhlt es, wie wir es auch seinerzeit 
empfunden haben.
Im Gefolg hievon wird sich nun keine Spur von Widerstreit 
hervortun, nur eine Ausgleichung geringer Differenzen wird sich hie 
und da ntig machen, und beide Teile werden sich eines gemeinsamen 
Erfolges zu erfreuen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1104
%
Bei allem nun hat der treue Forscher sich selbst zu beobachten 
und zu sorgen, dass, wie er die Organe bildsam sieht, er sich auch 
die Art zu sehen bildsam erhalte, damit er nicht berall schroff bei 
einerlei Erklrungsweise verharre, sondern in jedem Falle die 
bequemste, der Ansicht, dem Anschauen analogste zu whlen verstehe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1105
%
Es ist ein groer Unterschied, ob ich mich aus dem Hellen ins 
Dunkle oder aus dem Dunklen ins Helle bestrebe; ob ich, wenn die 
Klarheit mir nicht mehr zusagt, mich mit einer gewissen Dmmerung zu 
umhllen trachte, oder ob ich, in der berzeugung, dass das Klare auf 
einem tiefen, schwer erforschten Grund ruhe, auch von diesem immer 
schwer auszusprechen Grunde das Mgliche mit herauf zu nehmen bedacht 
bin. Ich halte daher immer fr vorteilhafter: Der Naturforscher 
bekenne sogleich, dass er in einzelnen Fllen es zugibt, wo das 
Verschweigen nur allzu deutlich hervortritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1106
%
Durch die Pendelschlge wird die Zeit, durch die 
Wechselbewegung von Idee und Erfahrung die sittliche und 
wissenschaftliche Welt regiert.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1107
%
Nicht allein die Erscheinungen, was man eigentlich so nennen 
kann, welche immer mehr oder weniger den Sinnen unterworfen, doch 
zuletzt aus einem hhern Begriff gedeutet werden mssen, sollen wir 
aufmerksam betrachten, aber auch die Symptome von irgendwelcher Art 
haben wir zu beachten. Ich machte hier auf das Ausdehnen und 
Zusammenziehen im Verlauf des Pflanzenlebens aufmerksam und erinnere 
wieder daran durch folgende Betrachtung.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1108
%
Bei einer noch so ausgearbeiteten Nomenklatur haben wir zu 
denken, dass es nur eine Nomenklatur ist, ein Wort, ein irgendeiner 
Erscheinung angepasstes, aufgeheftetes Silbenmerkmal sei und also die 
Natur keineswegs vollkommen ausspreche, und deshalb nur als Behelf zu 
unsrer Bequemlichkeit angesehen werden sollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1109
%
Die scharf unterscheidende, genau beschreibende Botanik ist in 
mehr als einem Sinne hchst ehrwrdig, indem sie die Gabe zu trennen, 
zu sondern, zu vergleichen, wie sie dem Menschengeiste gegeben ist, 
in ihrer hchsten Ausbung zu bettigen trachtet, sodann aber auch 
ein Beispiel gibt, wie weit man mit der Sprache, eben jenem ins 
Einzelnste dringenden Beobachtungstalent, das kaum zu 
Unterscheidende, sobald es entdeckt worden, zu benennen und zu 
bezeichnen vermge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1110
%
Eine zwar niedere, doch schon ideelle Unternehmung des Menschen 
ist das Zhlen, wodurch im gemeinen Leben so vieles verrichtet wird; 
die groe Bequemlichkeit jedoch, die allgemeine Fasslichkeit und 
Erreichbarkeit gibt dem Ordnen nach der Zahl auch in den 
Wissenschaften Eingang und Beifall. Das Linnsche System erlangte 
eben durch diese Gemeinheit seine Allgemeinheit, doch widerstrebt es 
einer hheren Einsicht mehr, als dass es solche frderte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1111
%
Wie wir Menschen in allem Praktischen auf ein gewisses Mittlere 
gewiesen sind, so ist es auch im Erkennen. Die Mitte, von da aus 
gerechnet, wo wir stehen, erlaubt wohl auf- und abwrts mit Blick und 
Handeln uns zu bewegen, nur Anfang und Ende erreichen wir nie, weder 
mit Gedanken noch Tun, daher es rtlich ist, sich zeitig davon 
loszusagen.
Ebendies gilt von der Geognosie: das mittlere Wirken der 
Weltgenese sehen wir leidlich klar und vertragen uns ziemlich 
darber; Anfang und Ende dagegen, jenen in den Granit, dieses in den 
Basalt gesetzt, werden uns ewig problematisch bleiben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1112
%
Wenn bei einem problematischen, verschiedene Ansichten 
zulassenden Gegenstand eine Vorstellungsrat didaktisch geworden, so 
fragt sich, was man gewinnt, indem man eine gegen die andere 
vertauscht. Wenn ich statt Granit-Gneis sage Gneis- Granit, so wird 
nur evident, dass beide Gebirgsarten, als nah verwandt, ineinander 
bergehend gefunden werden, so dass wir bald den einen, bald den 
andern Ausdruck zu gebrauchen und veranlasst glauben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1113
%
Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil 
sie immer Recht hat und der Irrtum blo auf meiner Seite sein kann. 
Verhandle ich hingegen mit Menschen, so irren sie, dann ich, auch sie 
wieder und immer so fort, da kommt nichts aufs reine: Wei ich mich 
aber in die Natur zu schicken, so ist alles getan.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1114
%
Alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der 
Erfahrung bemerken, hngen auf die stetigste Weise zusammen, gehen 
ineinander ber; sie undulieren von der ersten bis zur letzten. Dass 
man sie voneinander trennt, sie einander entgegensetzt, sie 
untereinander vermengt, ist unvermeidlich; doch musste daher in den 
Wissenschaften ein grenzenloser Widerstreit entstehen. Starre 
scheidende Pedanterie und verflender Mystizismus bringen beide 
gleiches Unheil. Aber jene Ttigkeiten, von der gemeinsten bis zur 
hchsten, vom Ziegelstein, der dem Dach entstrzt, bis zum 
leuchtenden Geistesblick, der dir aufgeht und den du mitteilst, 
reihen sie sich aneinander. Wir versuchen es auszusprechen:
Zufllig,
Mechanisch,
Physisch,
Chemisch,
Organisch,
Psychisch,
Ethisch,
Religios,
Genial.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1115
%
Das, was wir in der neueren Zeit Naturphilosophie nennen, ist 
ein groes Geschenk, das uns immer wrdiger und werter erscheinen 
muss, je mehr wir sie als ein Organ betrachten, das durch eine hohe 
Symbolik uns in den Stand setzt, uns dem Wichtigsten zu nhern. Die 
Formeln der Mathematik, Kosmologie, Geologie, Physik, Chemie, 
Naturgeschichte, Sittlichkeit, Religion und Mystik stehen uns zu 
Dienste, es bildet sich eine Sprache, der es mglich wird, in die 
Tiefen des Menschen und der Natur einzugreifen.
Aber Bescheidenheit ist ntig, dass wir bedenken, auch sie habe 
die Tugenden und die Fehler aller Sprachen, dass sie, indem sie von 
einer Seite gewissermaen schafft, von der andern den Gegenstand, den 
sie bezeichnen will, fters kaum erreicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1116
%
Wer gegenwrtig ber Kunst schreiben oder gar streiten will, 
der sollte einige Ahndung haben von dem, was die Philosophie in 
unsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfhrt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1117
%
Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein 
eigen Inners beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: In der 
Dmmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1118
%
Wer streiten will, muss sich hten, bei dieser Gelegenheit 
Sachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1119
%
Wer Maximen bestreiten will, sollte fhig sein, sie recht klar 
aufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kmpfen, damit er nicht 
in den Fall gerate, mit selbst geschaffenen Luftbildern zu fechten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1120
%
Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nicht alles 
ist dem Hrenden deutlich zu machen, was dem Ausbenden einleuchtet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1121
%
Ein Knstler, der schtzbare Arbeiten verfertiget, ist nicht 
immer imstande, von eignen oder fremden Werken Rechenschaft zu geben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1122
%
Natur und Idee lsst sich nicht trennen, ohne dass die Kunst 
sowie das Leben zerstrt werde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1123
%
Wenn Knstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer 
die Idee, ohne sich's deutlich bewusst zu sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1124
%
Ebenso geht's allen, die ausschlielich die Erfahrung 
anpreisen; sie bedenken nicht, dass die Erfahrung nur die Hlfte der 
Erfahrung ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1125
%
Erst hrt man von Natur und Nachahmung derselben, dann soll es 
eine schne Natur geben. Man soll whlen; doch wohl das Beste! Und 
woran soll man's erkennen? Nach welcher Norm soll man whlen? Und wo 
ist denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1126
%
Und gesetzt, der Gegenstand wre gegeben, der schnste Baum im 
Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Frster anerkannt 
wrde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, geh' ich um ihn 
herum und suche mir die schnste Seite. Ich trete weit genug weg, um 
ihn vllig zu bersehen, ich warte ein gnstiges Licht ab, und nun 
soll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier bergegangen sein!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1127
%
Der Laie mag das glauben; der Knstler hinter den Kulissen 
seines Handwerks sollte aufgeklrter sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1128
%
Gerade das, was ungebildeten Menschen am Kunstwerk der Natur 
auffllt, das ist nicht Natur (von auen), sondern der Mensch (Natur 
von innen).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1129
%
Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir 
wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1130
%
Wer zuerst im Bilde auf seinen Horizont die Zielpunkte des 
mannigfaltigen Spiels waagrechter Linien bannte, erfand das Prinzip 
der Perspektive.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1131
%
Wer zuerst aus der Systole und Diastole, zu der die Retina 
gebildet ist, aus dieser Synkrisis und Diakrisis, mit Plato zu 
sprechen, die Farbenharmonie entwickelte, der hat die Prinzipien des 
Kolorits entdeckt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1132
%
Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, 
wenn da drauen, wie ihr es immer heien mget, eine Natur liegt, die 
Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch gefunden habt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1133
%
Was hat ein Maler zu studieren, bis er eine Pfirsche sehen kann 
wie Huysum, und wir sollen nicht versuchen, ob es mglich sei, den 
Menschen zu sehen, wie ihn ein Grieche gesehen hat?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1134
%
Wer Proportion (das Messbare) von der Antike nehmen muss, 
sollte uns nicht gehssig sein, weil wir das Unmessbare von der 
Antike nehmen wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1135
%
Gar vieles kann lange erfunden, entdeckt sein, und es wirkt 
nicht auf die Welt; es kann wirken und doch nicht bemerkt werden, 
wirken und nicht ins Allgemeine greifen; deswegen jede Geschichte der 
Erfindung sich mit den wunderbarsten Rtseln herumschlgt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1136
%
Es ist so schwer, etwas von Mustern zu lernen, als von der 
Natur.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1137
%
Die Form will so gut verdaut sein als der Stoff; ja, sie 
verdaut sich viel schwerer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1138
%
Es ist schon genug, dass Kunstliebhaber das Vollkommene 
bereinstimmend anerkennen und schtzen; ber das Mittlere lsst sich 
der Streit nicht endigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1139
%
Alles Prgnante, was allein an einem Kunstwerke vortrefflich 
ist, wird nicht anerkannt; alles Fruchtbare und Frdernde wird 
beseitigt, eine tief umfassende Synthesis begreift nicht leicht 
jemand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1140
%
Ihr whlt euch ein Muster, und damit vermischt ihr eure 
Individualitt: Das ist alle eure Kunst. Da ist an keine Grundstze, 
an keine Schule, an keine Folge zu denken, alles willkrlich und wie 
es einem jeden einfllt.
Dass man sich von Gesetzen losmacht, die blo durch Tradition 
geheiligt sind, dagegen ist nichts zu sagen; aber dass man nicht 
denkt, es mssen doch Gesetze sein, die aus der Natur jeder Kunst 
entspringen, daran denkt niemand.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1141
%
Jedes gute und schlechte Kunstwerk, sobald es entstanden ist, 
gehrt zur Natur. Die Antike gehrt zur Natur, und zwar, wenn sie 
anspricht, zur natrlichsten Natur, und diese edle Natur sollen wir 
nicht studieren, aber die gemeine!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1142
%
Denn das Gemeine ist's eigentlich, was den Herren Natur heit! 
Aus sich schpfen mag wohl heien, mit dem eben fertig werden, was 
uns bequem wird!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1143
%
Kunst: Eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber 
verstndlicher; denn sie entspringt aus dem Verstande.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1144
%
Mancher hat nach der Antike studiert und sich ihr Wesen nicht 
ganz zugeeignet. Ist er darum scheltenswert?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1145
%
Warum schelten wir das Manierierte so sehr, als weil wir 
glauben, dass Umkehr daher auf den rechten Weg sei unmglich?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1146
%
Die hheren Forderungen sind an sich schon schtzbarer, auch 
unerfllt, als niedrige, ganz erfllte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1147
%
Das Trocken-Naive, das Steif-Wackere, das ngstlich-Rechtliche 
und womit man ltere deutsche Kunst charakterisieren mag, gehrt zu 
jeder frheren, einfacheren Kunstweise. Die alten Venezianer, 
Florentiner usw. haben das alles auch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1148
%
Und wir Deutsche sollen uns dann nur fr original halten, wenn 
wir uns nicht ber die Anfnge erheben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1149
%
Weil Albrecht Drer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie 
zur Idee des Ebenmaes der Schnheit, ja sogar nie zum Gedanken einer 
schicklichen Zweckmigkeit erheben konnte, sollen wir auch immer an 
der Erde kleben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1150
%
Albrecht Drern frderte ein hchst inniges realistisches 
Anschauen, ein liebenswrdiges menschliches Mitgefhl aller 
gegenwrtigen Zustnde. Ihm schadete eine trbe, form- und bodenlose 
Phantasie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1151
%
Wie Martin Schn neben ihm steht und wie das deutsche Verdienst 
sich dort beschrnkt, wre interessant zu zeigen und ntzlich zu 
zeigen, dass dort nicht aller Tage Abend war.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1152
%
Lste sich doch in jeder italienischen Schule der Schmetterling 
aus der Puppe los!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1153
%
Sollen wir ewig als Raupen herumkriechen, weil einige nordische 
Knstler ihre Rechnung dabei finden?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1154
%
Nachdem uns Klopstock vom Reim erlste und Vo uns prosodische 
Muster gab, sollen wir wohl wieder Knittelverse machen wie Hans Sachs?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1155
%
Lasst uns doch vielseitig sein! Mrkische Rbchen schmecken 
gut, am besten gemischt mit Kastanien. Und diese beiden edlen Frchte 
wachsen weit auseinander.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1156
%
Man ist nur vielseitig, wenn man zum Hchsten strebt, weil man 
muss (im Ernst), und zum Geringern herabsteigt, wenn man will (zum 
Spa).
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1157
%
Erlaubt uns in unsern vermischten Schriften doch neben den 
abend- und nordlndischen Formen auch die morgen- und sdlndischen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1158
%
Lasst doch den deutschen Dichtern den frommen Wunsch, auch als 
Homeriden zu gelten! Deutsche Bildhauer, es wird euch nicht schaden, 
zum Ruhm der letzten Praxiteliden zu streben!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1159
%
In allen Knsten gibt es einen gewissen Grad, den man mit den 
natrlichen Anlagen sozusagen allein erreichen kann. Zugleich aber 
ist es unmglich, denselben zu berschreiten, wenn nicht die Kunst zu 
Hilfe kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1160
%
Man sagt wohl zum Lobe des Knstlers: Er hat alles aus sich 
selbst. Wenn ich das nur nicht wieder hren msste! Genau besehen, 
sind die Produktionen eines solchen Originalgenies meistens 
Reminiszenzen; wer Erfahrung hat, wird sie meist einzeln nachweisen 
knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1161
%
Das so genannte Aus-sich-Schpfen macht gewhnlich falsche 
Originale und Manieristen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1162
%
Selbst das mige Talent hat immer Geist in Gegenwart der 
Natur; deswegen einigermaen sorgfltige Zeichnungen der Art immer 
Freude machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1163
%
Aus vielen Skizzen endlich ein Ganzes hervorzubringen, gelingt 
selbst den Besten nicht immer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1164
%
Was die letzte Hand tun kann, muss die erste schon entschieden 
aussprechen. Hier muss schon bestimmt sein, was getan werden soll.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1165
%
Das Schne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die 
uns ohne dessen Erscheinung ewig wren verborgen geblieben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1166
%
Man sagt: Studiere, Knstler, die Natur! Es ist aber keine 
Kleinigkeit, aus dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schne zu 
entwickeln.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1167
%
Wem die Natur ein offenbares Geheimnis zu enthllen anfngt, 
der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer wrdigsten 
Auslegerin, der Kunst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1168
%
Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum 
scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen. 
Doch indem wir und darin bemhen, findet sich fr den Verstand so 
mancher Gewinn, der dem ausbenden Vermgen auch wieder zugute kommt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1169
%
Es ist etwas unbekanntes Gesetzliches im Objekt, welches dem 
unbekannten Gesetzlichen im Subjekt entspricht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1170
%
Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der grten 
Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das objektiv 
Schne hervor, welches freilich wrdige Subjekte finden muss, von 
denen es aufgefasst wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1171
%
Allen andern Knsten muss man etwas vorgeben, der griechischen 
allein bleibt man ewig Schuldner.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1172
%
Die Natur wirkt nach Gesetzen, die sie sich in Eintracht mit 
dem Schpfer vorschrieb. Die Kunst nach Regeln, ber die sie mit dem 
Genie sich einverstanden hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1173
%
Die Kunst ist ein Geschft, am ernsthaftesten, wenn sie sich 
mit edlen, heiligen Gegenstnden beschftigt; der Knstler aber steht 
ber der Kunst und dem Gegenstande: ber jener, da er sie zu seinen 
Zwecken braucht, ber diesem, weil er ihn nach eigner Weise behandelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1174
%
Die bildende Kunst ist auf das Sichtbare angewiesen, auf die 
uere Erscheinung des Natrlichen. Das rein Natrliche, insofern es 
sittlich gefllig ist, nennen wir naiv. Naive Gegenstnde sind also 
das Gebiet der Kunst, die ein sittlicher Ausdruck des Natrlichen 
sein soll. Gegenstnde, die nach beiden Seiten hinweisen, sind die 
gnstigsten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1175
%
Das Naive als natrlich ist mit dem Wirklichen verschwistert. 
Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug nennen wir gemein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1176
%
Die Kunst an und fr sich selbst ist edel; deshalb frchtet 
sich der Knstler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt, 
ist es schon geadelt, und so sehen wir die grten Knstler mit 
Khnheit ihr Majesttsrecht ausben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1177
%
In jedem Knstler liegt ein Keim von Verwegenheit, ohne den 
kein Talent denkbar ist, und dieser wird besonders rege, wenn man den 
Fhigen einschrnken und zu einseitigen Zwecken dingen und brauchen 
will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1178
%
Raphael ist unter den neuern Knstlern auch hier wohl der 
reinste. Er ist durchaus naiv, das Wirkliche kommt bei ihm nicht zum 
Streit mit dem Sittlichen oder gar Heiligen. Der Teppich, worauf die 
Anbetung der Knige abgebildet ist, eine berschwnglich herrliche 
Komposition, zeigt, von dem ltesten anbetenden Frsten bis zu den 
Mohren und Affen, die sich auf den Kamelen mit pfeln ergtzen, eine 
ganze Welt. Hier durfte der heilige Joseph und ganz naiv 
charakterisiert werden als Pflegevater, der sich ber die 
eingekommenen Geschenke freut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1179
%
Auf den heiligen Joseph berhaupt haben es die Knstler 
abgesehen. Die Byzantiner, denen man nicht nachsagen kann, dass sie 
berflssigen Humor anbrchten, stellen doch bei der Geburt den 
Heiligen immer verdrielich vor. Das Kind liegt in der Krippe, die 
Tiere schauen hinein, verwundert, statt ihres trockenen Futters ein 
lebendiges, himmlisch- anmutiges Geschpft zu finden. Engel verehren 
den Ankmmling; die Mutter sitzt still dabei; St. Joseph aber sitzt 
abgewendet und kehrt unmutig den Kopf nach der sonderbaren Szene.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1180
%
Der Humor ist eins der Elemente des Genies, aber sobald er 
vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende 
Kunst, zerstrt, vernichtet sie zuletzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1181
%
Hierber kann eine Arbeit anmutig aufklren, die wir 
vorbereiten: Smtliche Knstler nmlich, die uns schon von so manchen 
Seiten bekannt sind, ausschlielich von der ethischen zu betrachten, 
aus den Gegenstnden und der Behandlung ihrer Werke zu entwickeln, 
was Zeit und Ort, Nation und Lehrmeister, was eigne unzerstrliche 
Individualitt beigetragen, sich zu dem zu bilden, was sie wurden, 
sie bei dem zu erhalten, was sie waren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1182
%
"Da wir berzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle 
Welt beschaut und des wahrhaften Intellekts Schnheit gewahr wird, 
auch wohl ihren Vater, der ber allen Sinn erhaben ist, bemerken 
knne, so versuchen wir denn, nach Krften einzusehen und fr uns 
selbst auszudrcken - insofern sich dergleichen deutlich machen lsst 
-, auf welche Weise wir die Schnheit des Geistes und der Welt 
anzuschauen vermgen."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1183
%
"Nehmet an daher, zwei steinerne Massen seien nebeneinander 
gestellt, deren eine roh und ohne knstliche Bearbeitung geblieben, 
die andere aber durch die Kunst zur Statue, einer menschlichen oder 
gttlichen, ausgebildet worden. Wre es eine gttliche, so mchte sie 
eine Grazie oder Muse vorstellen; wre es eine menschliche, so drfte 
es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr irgendeiner, den die 
Kunst aus allem Schnen versammelte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1184
%
"Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schnen 
Gestalt gebracht worden, alsobald schn erscheinen; doch nicht weil 
er Stein ist - denn sonst wrde die andere Masse gleichfalls fr 
schn gelten -, sondern daher, dass er eine Gestalt hat, welche die 
Kunst ihm erteilte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1185
%
"Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern 
diese war in dem Ersinnenden frher, als sie zum Stein gelangte. Sie 
war jedoch in dem Knstler nicht, weil er Augen und Hnde hatte, 
sondern weil er mit der Kunst begabt war."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1186
%
"Also war in der Kunst noch eine weit grere Schnheit; denn 
nicht die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, 
sondern dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine andere, 
geringere hervor, die nicht rein in sich selbst verharret, noch auch 
wie sie der Knstler wnschte, sondern insofern der Stoff der Kunst 
gehorchte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1187
%
"Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch 
hervorbringt, und das Schne nach der Vernunft hervorbringt, nach 
welcher sie immer handelt, so ist sie frwahr diejenige, die mehr 
oder wahrer eine grere und trefflichere Schnheit der Kunst 
besitzt, vollkommener als alles, was nach auen hervortritt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1188
%
"Denn indem die Form, in die Materie hervor schreitend, schon 
ausgedehnt wird, so wird sie schwcher als jene, welche in Einem 
verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet, tritt von sich 
selbst weg: Strke von Strke, Wrme von Wrme, Kraft von Kraft; so 
auch Schnheit von Schnheit. Daher muss das Wirkende trefflicher 
sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker, 
sondern die Musik, und die bersinnliche Musik bringt die Musik in 
sinnlichem Ton hervor."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1189
%
"Wollte aber jemand die Knste verachten, weil sie die Natur 
nachahmen, so lsst sich darauf antworten, dass die Naturen auch 
manches andere nachahmen; dass ferner die Knste nicht das geradezu 
nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf jenes Vernnftige 
zurckgehen, aus welchem die Natur besteht und wornach sie handelt."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1190
%
"Ferner bringen auch die Knste vieles aus sich selbst hervor 
und fgen anderseits manches hinzu, was der Natur na Vollkommenheit 
abgehet, indem sie die Schnheit in sich selbst haben. So konnte 
Phidias den Gott bilden, ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches 
nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn fasste, wie Zeus 
selbst erscheinen wrde, wenn er unsern Augen begegnen mchte."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1191
%
Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, 
wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des Einen dringen, woher alles 
entspringt und worauf alles wieder zurckzufhren wre. Denn freilich 
ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt 
bedrngt, dass es sich kaum zu retten wei. Allein wir verkrzen uns 
an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die hhere Form 
selbst in eine vor unserm uern und innern Sinn verschwindende 
Einheit zurckdrngen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1192
%
Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese 
beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle brigen 
Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird 
aber keineswegs verkrzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt, 
vorausgesetzt, dass ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre 
Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende; 
ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, dass das Gezeugte 
vortrefflicher sein kann als das Zeugende.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1193
%
Dieses weiter auszufhren und vollkommen anschaulich, ja, was 
mehr ist, durchaus praktisch zu machen, wrde von wichtigem Belang 
sein. Eine umstndliche folgerechte Ausfhrung aber mchte den Hrern 
bergroe Aufmerksamkeit zumuten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1194
%
Die Kunst ruht auf einer Art religisem Sinn, auf einem tiefen, 
unerschtterlichen Ernst; deswegen sie sich auch so gern mit der 
Religion vereinigt. Die Religion bedarf keines Kunstsinnes, sie ruht 
auf ihrem eigenen Ernst; sie verleiht aber auch keinen, so wenig sie 
Geschmack gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1195
%
Realitt in der hchsten Ntzlichkeit (Zweckmigkeit) wird 
auch schn sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1196
%
Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet 
wird, Schnheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1197
%
Vollkommenheit kann mit Disproportion bestehen, Schnheit 
allein mit Proportion.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1198
%
Jeder groe Knstler reit uns weg, steckt uns an. Alles, was 
in uns von eben der Fhigkeit ist, wird rege, und da wir eine 
Vorstellung vom Groen und einige Anlage dazu haben, so bilden wir 
uns gar leicht ein, der Keim davon stecke in uns.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1199
%
Raphaelin von Reggio malte mit solcher Leichtigkeit die 
Auenseiten der Huser in Fresko, dass alle Kinder Kalk auf Ziegeln 
strichen und das gleiche zu tun gedachten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1200
%
Es ist eine Tradition, Ddalus, der erste Plastiker, habe die 
Erfindung der Drehscheibe des Tpfers beneidet. Von Neid mchte wohl 
nichts vorgekommen sein; aber der groe Mann hat wahrscheinlich 
vorempfunden, dass die Technik zuletzt in der Kunst verderblich 
werden msse.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1201
%
Bei Gelegenheit der berlinischen Vorbilder fr Fabrikanten kam 
zur Sprache, ob so groer Aufwand auf die hchste Ausfhrung der 
Bltter wre ntig gewesen. Wobei sich ergab, dass gerade den 
talentvollen jungen Knstler und Handwerker die Ausfhrung am meisten 
reizt, und dass er durch Beachtung und Nachbildung derselben erst 
befhigt wird, das Ganze und den Wert der Formen zu begreifen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1202
%
Die Technik im Bndnis mit dem Abgeschmackten ist die 
frchterlichste Feindin der Kunst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1203
%
"An meinen Bildern msst ihr nicht schnuffeln, die Farben sind 
ungesund." Rembrandt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1204
%
In Rembrandts trefflicher Radierung, der Austreibung der Kufer 
und Verkufer aus den Tempelhallen, ist die Glorie, welche gewhnlich 
des Herrn Haupt umgibt, in die vorwrts wirkende Hand gleichsam 
gefahren, welche nun in gttlicher Tat Glanz umgeben derb zuschlgt. 
Um das Haupt ist's, wie auch das Gesicht, dunkel.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1205
%
Chodowiecky ist ein sehr respektabler und wir sagen idealer 
Knstler.
Seien guten Werke zeugen durchaus von Geist und Geschmack. Mehr 
Ideales war in dem Kreise, in dem er arbeitete, nicht zu fordern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1206
%
Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer 
erstarrten Musik und musste dagegen manches Kopfschtteln gewahr 
werden. Wir glauben diesen schnen Gedanken nicht besser nochmals 
einzufhren, als wenn wir die Architektur eine verstummte Tonkunst 
nennen.
Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein groer wster 
Bauplatz angepriesen war, sich weislich an den schicklichsten Ort 
niedersetzte und durch die belebenden Tne seiner Leier den 
gerumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von krftig 
gebietenden, freundlich lockenden Tnen schnell ergriffenen, aus 
ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mussten, indem sie 
sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksgem 
gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wnden 
gebhrend hinzuordnen. Und so mag sich Strae zu Strae anfgen! An 
wohl schtzenden Mauern wird's auch nicht fehlen.
Die Tne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Brger einer 
solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien; der Geist 
kann nicht sinken, die Ttigkeit nicht einschlafen, das Auge 
bernimmt Funktion, Gebhr und Pflicht des Ohres, und die Brger am 
gemeinsten Tage fhlen sich in einem ideellen Zustand: Ohne 
Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie das hchsten 
sittlichen und religisen Genusses teilhaftig. Man gewhne sich, in 
Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen 
empfinden, was wir auszusprechen gewagt.
Der Brger dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall 
mit leidigem Besen die Huser zusammenkehrte, lebt unbewusst in der 
Wste eines dsteren Zustandes; dem fremden Eintretenden jedoch ist 
es zumute, als wenn er Dudelsack, Pfeifen und Schellentrommeln hrte 
und sich bereiten msste, Brentnzen und Affensprngen beizuwohnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1207
%
Antike Tempel konzentrieren den Gott im Menschen; des 
Mittelalters Kirchen streben nach dem Gott in der Hhe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1208
%
Werke der Kunst werden zerstrt, sobald der Kunstsinn 
verschwindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1209
%
Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den 
Begriff in ein Bild, doch so, dass der Begriff im Bilde immer noch 
begrenzt und vollstndig zu halten und zu haben und an demselben 
auszusprechen sei.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1210
%
Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in 
ein Bild, und so, dass die Idee im Bild immer unendlich wirksam und 
unerreichbar bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch 
unaussprechlich bliebe.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1211
%
Die Kunst soll das Penible nicht vorstellen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1212
%
Ursache des Dilettantismus: Flucht vor der Manier, Unkenntnis 
der Methode, trichtes Unternehmen, gerade immer das Unmgliche 
leisten zu wollen, welches die hchste Kunst erforderte, wenn man 
sich ihm je nhern knnte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1213
%
Fehler der Dilettanten: Phantasie und Technik unmittelbar 
verbinden zu wollen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1214
%
Gemt hat jedermann, Naturell manche, Kunstbegriffe sind selten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1215
%
Die Alten vergleichen die Hand der Vernunft.
Die Vernunft ist die Kunst der Knste, die Hand die Technik alles 
Handwerks.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1216
%
Die Dilettanten, wenn sie das Mglichste getan haben, pflegen 
zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. 
Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen 
ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig 
dar; ausgefhrt oder nicht, schon ist es vollendet. Der geschickteste 
Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausfhrung wchst, kommt 
die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein. Ganz 
zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht auszugleichen 
ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1217
%
In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber 
Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten 
Schlers am Geschft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche 
Maler hervorgegangen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1218
%
Ein anderes ist die Nachffung, zu welcher die natrliche 
allgemeine Ttigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Knstler, 
der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufllig angeregt wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1219
%
Von der Notwendigkeit, dass der bildende Knstler Studien nach 
der Natur mache, und von dem Werte derselben berhaupt sind wir 
genugsam berzeugt; allein wir leugnen nicht, dass es uns fters 
betrbt, wenn wir den Missbrauch eines so lblichen Strebens gewahr 
werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1220
%
Nach unserer berzeugung sollte der junge Knstler wenig oder 
gar keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich 
dchte, wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese 
Einzelheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen 
eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefllig anbieten mge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1221
%
Es steht manches Schne isoliert in der Welt; doch der Geist 
ist es, der Verknpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke 
hervorzubringen hat. - Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das 
Insekt, das ihr anhngt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet, 
durch das Gef, woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht. 
Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines 
Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine mige einfache 
Ferne grern Reiz verleihen knnte. So ist es, mit menschlichen 
Figuren und so mit Tieren aller Art beschaffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1222
%
Der Vorteil, den sich der junge Knstler hiedurch verschafft, 
ist gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehrig 
zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert, 
wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem 
Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen 
knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1223
%
Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpdagogik wahrhaft 
Genge, so hat er noch nebenher den groen, nicht zu verachtenden 
Gewinn, dass er lernt, verkufliche, dem Liebhaber anmutige und 
liebliche Bltter hervorzubringen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1224
%
Eine solche Arbeit braucht nicht im hchsten Grade ausgefhrt 
und vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, 
so ist sie fr den Liebhaber oft reizender als ein greres 
ausgefhrtes Werk.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1225
%
Beschaue doch jeder junge Knstler seine Studien im Bchelchen 
und Portefeuille und berlege, wie viele Bltter er davon auf jene 
Weise geniebar und wnschenswert htte machen knnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1226
%
Es ist nicht die Rede vom Hheren, wovon man wohl auch sprechen 
knnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem 
Abwege zurckruft und aufs Hhere hindeutet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1227
%
Versuche es doch der Knstler nur ein halb Jahr praktisch und 
setze weder Kohle und Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden 
Naturgegenstand als Bild abzuschlieen. Hat er angebornes Talent, so 
wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen 
Andeutungen im Sinne hegten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1228
%
Wenn ich jngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine 
Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage, warum sie doch besonders in 
ihren Landschaften so widerwrtige grelle Tne dem Auge darstellen 
und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen, so geben sie wohl ganz 
dreist und getrost zur Re: Sie shen die Natur genau auf solche 
Weise.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1229
%
Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der 
Vernunft gebe, dass dieses hchste Vermgen, was der Mensch besitzt, 
Ursache habe, ber sich selbst zu wachen. Wie groen Vorteil uns 
diese Stimme gebracht, mge jeder an sich selbst geprft haben. Ich 
aber mchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik 
der Sinne ntig sei, wenn die Kunst berhaupt, besonders die 
deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen 
Lebensschritt vorwrts gehen solle.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1230
%
Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch groer Bildung, 
sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch 
friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach 
offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Knstler, aber nicht der 
vollendete geboren: Sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe 
glcklichen Blick fr Gestalt, Proportion, Bewegung; aber fr hhere 
Komposition, fr Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die 
natrliche Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1231
%
Ist er nun nicht geneigt, von hher ausgebildeten Knstlern der 
Vor- und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt, um eigentlicher 
Knstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter 
Originalitt hinter sich selbst zurckbleiben; denn nicht allein das, 
was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben knnen, 
gehrt uns an, und wir sind es.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1232
%
Das Verhltnis der Knste und Wissenschaften zum Leben ist nach 
Verhltnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der 
Zeiten und tausend andern Zuflligkeiten sehr verschieden; deswegen 
auch niemand darber im ganzen leicht klug werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1233
%
Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustnde, sie seien nun 
ganz roh, halb kultiviert, oder bei Abnderung einer Kultur, beim 
Gewahrwerden einer fremden Kultur, dass man also sagen kann, die 
Wirkung der Neuheit findet durchaus statt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1234
%
Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr, 
je lter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1235
%
Die Wrde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am 
eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden 
msste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhht und veredelt alles, 
was sie ausdrckt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1236
%
Die Musik ist heilig und profan. Das Heilige ist ihrer Wrde 
ganz gem, und hier hat sie die grte Wirkung aufs Leben, welche 
sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte 
durchaus heiter sein.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1237
%
Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, 
ist gottlos, und eine halbschrige, welche schwache, jammervolle, 
erbrmliche Empfindungen auszudrcken Belieben findet, ist 
abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und 
es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: Die Heiterkeit.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1238
%
Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische 
der Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik 
herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine 
unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht 
irre, die Verschwchung wird fade, und will die Musik sich an 
Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie 
kalt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1239
%
Die Sehnsucht, die nach auen, in die Ferne strebt, sich aber 
melodisch in sich selbst beschrnkt, erzeugt den Minor.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1240
%
Kantilene: Die Flle der Liebe und jedes leidenschaftlichen 
Glcks verewigend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1241
%
Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer hchsten Stufe; alles 
Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren; aber alle 
mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als dass sie 
erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher noch ein stoffartiges 
Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender 
Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen, 
wenn sie zugleich wahr und wrdig sein will.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1242
%
Die Malerei ist die lsslichste und bequemste von allen 
Knsten. Die lsslichste, weil man ihr um des Stoffes und des 
Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine 
Kunst ist, vieles zugute hlt und sich an ihr erfreut; teils weil 
eine technische, obgleich geistlose Ausfhrung den Ungebildeten wie 
den Gebildeten in Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur 
einigermaen zur Kunst zu steigern braucht, um in einem hheren Grade 
willkommen zu sein. Wahrheit in Farben, Oberflchen, in Beziehungen 
der sichtbaren Gegenstnde aufeinander, ist schon angenehm; und da 
das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine 
Missgestalt und also auch ein Missbild nicht so zuwider als dem Ohr 
ein Misston. Man lsst die schlechteste Abbildung gelten, weil man 
noch schlechtere Gegenstnde zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf 
also nur einigermaen Knstler sein, so findet er schon ein greres 
Publikum als der Musiker, der auf gleichem Grade stnde; wenigstens 
kann der geringere Maler immer fr sich operieren, anstatt dass der 
mindere Musiker sich mit andern soziieren muss, um durch gesellige 
Leistung einigen Effekt zu tun.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1243
%
Die Frage, ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen 
vergleichen solle oder nicht, mchten wir folgendermaen beantworten: 
Der ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee 
vor, er hat den Begriff gefasst, was geleistet werden knne und 
solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, frdert 
sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst 
einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefhl und Sinn fr das 
Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist 
eigentlich nur eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils 
berheben mchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1244
%
Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das 
Wie; jenes knnen sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht 
fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn 
man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalitt auch nicht ausbleibt, 
aber jedem unbewusst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1245
%
Die Frage: "Woher hat's der Dichter?", geht auch nur aufs Was; 
vom Wie erfhrt dabei niemand etwas.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1246
%
Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie 
geregelt. Es ist nichts frchterlicher als Einbildungskraft ohne 
Geschmack.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1247
%
Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes 
Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1248
%
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des geschrieben 
berlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in 
demselben wirkliche Lcken, Schreibfehler, die eine Lcke im Sinne 
machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag. 
Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte, die Vergleichung 
derselben bewirkt immer mehr, das Verstndige und Vernnftige der 
berlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt von 
seinem innern Sinn, dass derselbe ohne uere Hilfsmittel die 
Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen 
wisse. Weil nun hiezu ein besonderer Takt, eine besondere Vertiefung 
in seinen abgeschiedenen Autor ntig und ein gewisser Grad von 
Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nicht 
verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssagen zutraut, 
welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1249
%
Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Hchste 
derselben ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, das heit, 
wenn ihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, 
dass sie als gegenwrtig fr jedermann gelten knnen. Auf ihrem 
hchsten Gipfel scheint die Poesie ganz uerlich; je mehr sie sich 
ins Innere zurckzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. - Diejenige, 
die nur das Innere darstellt, ohne es durch ein ueres zu 
verkrpern, oder ohne das uere durch das Innere durchfhlen zu 
lassen, sind beides die letzten Stufen, von welchen aus sie ins 
gemeine Leben hinein tritt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1250
%
Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf 
alle ihre Rechte; sie bemchtigt sich derselben und missbraucht sie, 
um gewisse uere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche 
Vorteile im brgerlichen Leben zu erreichen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1251
%
In natrlicher Wahrheit und Groheit, obgleich wild und 
unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum 
ein anderes ihm vergleichbar.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1252
%
Eigentlichster Wert der so genannten Volkslieder ist der, dass 
ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils 
aber knnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es 
verstnde.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1253
%
Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass natrliche 
Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich 
Gebildete.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1254
%
Eine Romanze ist kein Prozess, wo ein Definitivurteil sein muss.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1255
%
Shakespeare ist fr aufkeimende Talente gefhrlich zu lesen; er 
ntigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich 
selbst zu produzieren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1256
%
ber Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst 
Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen 
knnen erst ber Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine 
Literatur haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1257
%
Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden 
Kunst nimmt, wo man von einer florentinischen, rmischen und 
venezianischen Schule spricht, wird sich knftighin nicht mehr auf 
das deutsche Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man 
sich vor dreiig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo 
unter beschrnkteren Umstnden sich eine natur- und kunstgeme 
Ausbildung noch denken lie; denn, genau besehen, gilt auch in der 
bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfngen: Denn sobald sie 
treffliche Mnner hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die 
Weite. Florenz beweist seinen Einfluss ber Frankreich und Spanien; 
Niederlnder und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich 
mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die Sdlnder von ihnen 
eine glcklichere Technik und die genauste Ausfhrung von Norden her 
gewinnen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1258
%
Das deutsche Theater befindet sich in der Schlussepoche, wo 
eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem 
einzelnen Orte mehr angehren, von keinem besondern Punkte mehr 
ausgehen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1259
%
Der Grund aller theatralischen Kunst wie einer jeden andern ist 
das Wahre, das Naturgeme. Je bedeutender dieses ist, auf je hherem 
Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto 
hheren Ranges wird sich die Bhne zu rhmen haben. Hiebei gereicht 
es Deutschland zu einem groen Gewinn, dass der Vortrag trefflicher 
Dichtung allgemeiner geworden ist und auch auerhalb des Theaters 
sich verbreitet hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1260
%
Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim 
Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu ben ist, so bleibt 
offenbar, dass Vorlesungen die Schule des Wahren und Natrlichen 
bleiben mssen, wenn Mnner, die ein solches Geschft bernehmen, von 
dem Wert, von der Wrde ihres Berufs durchdrungen sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1261
%
Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen 
glnzenden Eingang gewhrt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht 
hier grade das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte 
Talent der deutschen Ausbildung schdlich werden msse!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1262
%
Eigentmlichkeit des Ausdrucks ist Anfang und Ende aller Kunst. 
Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen 
Eigentmlichkeiten der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, 
die uns zwar anfnglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's 
uns gefallen lieen, wenn wir uns derselben hingben, unsere eigene 
charakteristische Natur zu berwltigen und zu erdrcken vermchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1263
%
Wie viel Falsches Shakespeare und besonders Calderon ber uns 
gebracht, wie diese zwei groen Lichter des Poetischen Himmels fr 
uns zu Irrlichtern geworden, mgen die Literatoren der Folgezeit 
historisch bemerken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1264
%
Eine vllige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich 
nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel 
Konventionelles, dass einem redlichen Beobachter schwer wird, das 
groe Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen. 
Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei 
demselben immer guten willen voraus, dass es geneigt sei, auch das 
Weltfremde zuzugeben, sich an auslndischem Sinn, Ton und Rhythmus zu 
ergtzen und aus dem, was ihm eigentlich gem ist, eine Zeitlang 
herauszugehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1265
%
Einen wundersamen Anblick geben des Aristoteles Fragmente des 
Traktats ber Dichtkunst. Wenn man das Theater in- und auswendig 
kennt wie unsereiner, der einen bedeutenden Teil des Lebens auf diese 
Kunst verwendet und selbst viel darin gearbeitet hat, so sieht man 
erst, dass man sich vor allen Dingen mit der philosophischen Denkart 
des Mannes bekannt machen msste, um zu begreifen, wie er diese 
Kunsterscheinung angesehen habe; auerdem verwirrt er unser Studium 
nur, wie denn die moderne Poetik das Alleruerlichste seiner Lehre 
nur zu ihrem Verderben anwendet und angewendet hat.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1266
%
Des tragischen Dichters Aufgabe und Tun ist nichts anderes als: 
Ein psychisch-sittliches Phnomen, in einem fasslichen Experiment 
dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1267
%
Was man Motive nennt, sind also eigentlich Phnomene des 
Menschengeistes, die sich wiederholt haben und wiederholen werden, 
und die der Dichter nur als historische nachweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1268
%
Ein dramatisches Werk zu verfassen, dazu gehrt Genie. Am Ende 
soll die Empfindung, in der Mitte die Vernunft, am Anfang der 
Verstand vorwalten und alles gleichmig durch eine lebhaft-klare 
Einbildungskraft vorgetragen werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1269
%
Es ist nichts theatralisch, was nicht fr die Augen symbolisch 
wre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1270
%
Die gewhnlichen Theaterkritiken sind unbarmherzige 
Sndenregister, die ein bser Geist vorwurfsweise den armen Schchern 
vorhlt ohne hilfreiche Hand zu einem bessern Wege.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1271
%
Schauspieler gewinnen die Herzen und geben die ihrigen nicht 
hin; sie hintergehen, aber mit Anmut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1272
%
Gar oft im Laufe des Lebens, mitten in der grten Sicherheit 
des Wandels, bemerken wir auf einmal, dass wir in einem Irrtum 
befangen sind, dass wir uns fr Personen, fr Gegenstnde einnehmen 
lieen, ein Verhltnis zu ihnen ertrumten, das dem erwachten Auge 
sogleich verschwindet; und doch knnen wir uns nicht losreien, eine 
Macht hlt uns fest, die uns unbegreiflich scheint. Manchmal jedoch 
kommen wir zum vlligen Bewusstsein und begreifen, dass ein Irrtum so 
gut als ein Wahres zur Ttigkeit bewegen und antreiben kann. Weil nun 
die Tat berall entscheidend ist, so kann aus einem ttigen Irrtum 
etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedes Getanen ins 
Unendliche reicht. So ist das Hervorbringen freilich immer das Beste, 
aber auch das Zerstren ist nicht ohne glckliche Folge.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1273
%
Der wunderbarste Irrtum aber ist derjenige, der sich auf uns 
selbst und unsere Krfte bezieht, dass wir uns einem wrdigen 
Geschft, einem ehrsamen Unternehmen widmen, dem wir nicht gewachsen 
sind, dass wir nach einem Ziel streben, das wir nie erreichen knnen. 
Die daraus entspringende tantalisch-sisyphische Qual empfindet jeder 
nur um desto bitterer, je redlicher er es meinte. Und doch sehr oft, 
wenn wir uns von dem Beabsichtigten fr ewig getrennt sehen, haben 
wir schon auf unserm Wege irgendein anderes Wnschenswerte gefunden, 
etwas uns Gemes, mit dem uns zu begngen wir eigentlich geboren 
sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1274
%
Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem 
Alten, sowie alles, was Produktivitt voraussetzt. Dass diese sich 
mit den Jahren erhlt, ist ein seltner Fall.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1275
%
Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt 
bekannt, dass sie msste trivial geworden sein, wenn sie sich nicht 
naturgem in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1276
%
Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher Die 
Passion ihn fesselt, ist noch von manchen notwendigen Verhltnissen 
der Liebe gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln 
will, der muss unglcklich werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1277
%
Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart 
angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des 
erneuerten Gegenwrtigseins immerfort erregt, bei Erfllung dieses 
Wunsches von einem lebhaften Entzcken, bei Fortsetzung dieses Glcks 
von einer immer gleichen Anmut begleitet wird, das eigentlich lieben 
wir, und hieraus folgt, dass wir alles lieben knnen, was zu unserer 
Gegenwart gelangen kann; ja um das Letzte auszusprechen: Die Liebe 
des Gttlichen strebt immer darnach, sich das Hchste zu 
vergegenwrtigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1278
%
Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe 
sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhltnis, das in 
allem der Liebe gleicht, nur nicht in der notwendigen Forderung einer 
fortgesetzten Gegenwart.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1279
%
Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf 
manche Personen und Gegenstnde beziehen, und sie ist es eigentlich, 
die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten wei, in einer schnen 
Folge glcklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung wert, dass die 
Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft 
setzen kann: Sie fordert nicht sowohl eine anmutige als bequeme 
Gegenwart; alsdann aber ist sie unberwindlich. Es gehrt viel dazu, 
ein gewohntes Verhltnis auszuheben; es besteht gegen alles 
Widerwrtige; Missvergngen, Unwillen, Zorn vermgen nichts gegen 
dasselbe; ja es berdauert die Verachtung, den hass. Ich wei nicht, 
ob es einem Romanschreiber geglckt ist, dergleichen vollkommen 
darzustellen, auch msste er es nur beilufig, episodisch 
unternehmen; denn er wrde immer bei einer genauen Entwicklung mit 
manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kmpfen haben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1280
%
In der Geschichte berhaupt, besonders aber der Philosophie, 
Wissenschaft, Religion, fllt es uns auf, dass die armen beschrnkten 
Menschen ihre dunkelsten subjektiven Gefhle, die Apprehensionen 
eingeenger Zustnde in das Beschauen des Weltalls und dessen hoher 
Erscheinungen berzutragen nicht unwrdig finden.
Zugegeben, dass der Tag, von dem Urquell des Lichts ausgehend, 
weil er uns erquickt, belebt, erfreut, alle Verehrung verdiene, so 
folgt noch nicht, dass die Finsternis, weil sie uns unheimlich macht, 
abkhlt, einschlfert, sogleich als bses Prinzip angesprochen und 
verabscheut werden msse; wir sehen vielmehr in einem solchen 
Verfahren die Kennzeichen dster-sinnlicher, von den Erscheinungen 
beherrschter Geschpfe.
Wie es damit in der alten Symbolik ausgesehen, davon gibt uns 
Nachstehendes genugsames Zeugnis.
"Bedeutend wird endlich, dass der finstere Thaumas zugleich mit 
den Harpyien die Gttin des Regenbogens, die siebenfarbige Iris, 
gezeugt hat. Es sind aus der Finsternis mit der weien Farbe der 
Klte alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst 
der bse Ahriman, die ewige geistige Finsternis, soll die Farben 
ausgestrmt haben."
Kanne, "Pantheum", S. 339.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1281
%
Die Biographie sollte sich einen groen Vorrang vor der 
Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und 
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses Lebendig darstellt und 
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses lebendig auf jenes 
einwirkt. Die Lebensbeschreibung soll das Leben darstellen, wie es an 
und fr sich und um sein selbst willen da ist. Dem 
Geschichtsschreiber ist nicht zu verargen, dass er sich nach 
Resultaten umsieht; aber darber geht die einzelne Tat sowie der 
einzelne Mensch verloren. Wollte man die Herrlichkeit des Frhlings 
und seiner Blten nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch 
von den Bumen genommen wird, so wrde man eine sehr unvollkommene 
Vorstellung jener lieblichen Jahreszeit haben. Und doch hat der 
Grtner das Recht, sein Jahr blo nach dem zu beurteilen, was ihm 
Keller und Kammern fllt. Alles wahrhaft Biographische, wohin die 
zurckgebliebenen Briefe, die Tagebcher, die Memoiren und so manches 
andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor, 
mehr oder weniger wirklich oder im ausfhrlichen Bilde. Man wird 
nicht mde, Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen: 
Denn man lebt mit Lebendigen. Die Geschichte, selbst die beste, hat 
immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft. Ja man kann 
sagen, sie wird immer verdrielicher zu lesen, je lnger die Welt 
steht: Denn jeder Nachfolgende ist gentigt, ein schrferes, ein 
feineres Resultat aus den Weltbegebenheiten heraus zu sublimieren, da 
denn zuletzt, was nicht als caput mortuum liegen
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1282
%
         Religion: Alte;
            Poesie: Religion der Jugend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1283
%
Die Natur ist immer Jehova.
Was sie ist, was sie war und was sie sein wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1284
%
Dass Christus auf eine Hamletische Weise zugrunde ging, und 
schlimmer, weil er Menschen um sich berief, die er fallen lie, da 
Hamlet blo als Individuum perierte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1285
%
         Anthropomorphism,
            Erotomorphism.
Dass er alles was auch vorgeht, in sittlich-sinnlich Gefhl 
auflst und verwandelt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1286
%
Reine Naturgesinnung in fremdem Zustande.
Je reiner die Gesinnung, desto weniger Bedrfnis des Zustandes.
Je komplizierter, interessanter fr sich selbst der Zustand ist, 
so gibt er unsern Gesinnungen das Gesetz.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1287
%
Der grenzenlose Verstand, dem jeder Verstand zusagt, dem die 
Vernunft nichts anhaben kann, wenn auch das Gefhl nicht immer 
beistimmt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1288
%
Es ist nicht wahr, dass das Leben ein Traum sei; nur dem 
scheint es so, der
            auf eine alberne Weise ruhet,
            auf die ungeschickteste Weise verletzt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1289
%
Man hat den Epikur, der ein armer Hund war wie ich, sehr 
missverstanden, wenn er das Hchste in die Schmerzlosigkeit legte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1290
%
Besonderes Vergngen, sich mit Personen, die man liebt, ber 
Dinge zu erklren und weitlufig zu sein, Empfinden rege zu machen, 
wenn man gleich wei, dass, was man sagt, nicht wahr ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1291
%
Die Menschen wundern sich, dass ich es besser wei wie sie, und 
es ist kein Wunder, sie halten sehr oft fr falsch, was ich denke.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1292
%
Man muss nicht frchten, berstimmt zu werden, wenn uns 
widersprochen wird.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1293
%
Das Falsche (der Irrtum) ist meistens der Schwche bequemer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1294
%
Wenn sie wssten, wo das liegt, was sie suchen, so suchten sie 
ja nicht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1295
%
Die Gte des Herzens nimmt einen weiteren Raum ein als der 
Gerechtigkeit gerumiges Feld.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1296
%
Je uneigenntziger der Mensch ist, desto mehr ist der ... 
unterworfen den Eigenntzigen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1297
%
Das, was man fr sie tut, ist nicht genug, das, was man fr sie 
getan hat, ist nichts: Die ganze Existenz, die man ihnen geschaffen 
hat, nehmen sie von Gottes Gnaden, und so ist man, als wenn man nicht 
wre, nicht gewesen wre.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1298
%
In weltlichen Dingen sind nur zu betrachten die Mittel und der 
Gebrauch.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1299
%
Rasches Vorschreiten zum Zweck, ohne die Mittel zu bedenken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1300
%
Als wenn man, um dem Sohn, der in der Wiege liegt, beizeiten 
Vorteil zu bringen, den Vater totschlagen wollte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1301
%
Gedankenlosigkeit, die uns den Wert des Augenblicks verkennen 
lsst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1302
%
Charakter, der, dargestellt, kein Bild, pragmatisiert, kein 
Resultat gibt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1303
%
Drei Dinge werden nicht eher erkannt als zu gewisser Zeit:
            ein Held im Kriege,
            ein weiser Mann im Zorn,
            ein Freund in der Not.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1304
%
Drei Klassen von Narren:
            die Mnner aus Hochmut,
            die Mdchen aus Liebe,
            die Frauen aus Eifersucht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1305
%
Toll ist:
            wer Toren belehrt,
            Weisen widerredet,
            von hohlen Reden bewegt wird,
            Huren glaubt,
            Geheimnisse Unsichern vertraut.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1306
%
Wer muss Langmut ben?
            Der groe Tat vorhat,
            bergan steigt,
            Fische speist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1307
%
Ein Deutscher war schon absurd, solang' er hoffte; da er nun 
berwunden war, so war gar nicht mehr mit ihm zu leben.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1308
%
Vorschlag zu einem polemischen Purism in Schulen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1309
%
Stoffartige Hilfe, die sich die Poesie der letzten Zeit gibt 
durch bedeutende Motive, Religion und Ritterwesen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1310
%
Beispiele, wie sich die Menschen ber das Unerwartete, ja 
Unertrgliche durch poetische Formen begtigen:
            empirisch erscheinende absolute Gewalt
                  Oberon, Blaubart.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1311
%
Identitt rasenden Enthusiasmus' und unbarmherziger Kritik 
schwer ins ich zu erzielen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1312
%
Wirkung namhafter, grndlich arbeitender Autoren. Gegenwirkung 
journalistisch anonymer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1313
%
Ein geistreicher Humorist als quasi Poet, der, der Flle seines 
Wissens und Empfindens gedenkend, sich in Tropen auszusprechen 
gentigt fhlt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1314
%
Trbe Stellen, wo die Intention des Dichters uns nicht klar 
entgegentritt, die man sich, weil man ihn liebt, erst auslegt, und 
auf die man, zurckkehrend, immer eine gewisse Unbehaglichkeit 
empfindet.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1315
%
Es kommt mir wunderbar vor, eine so tragische Schuld zu sehen, 
dass eine Tragdie gar nicht darauf zu folgen brauchte.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1316
%
Abstumpfen des Geistes durchs Geistreiche.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1317
%
               Englische Stcke:
            Das Verruchte des Stoffs,
            das Absurde der Form,
            verwerfliche Handlungen.
            Vermaledeites englisches Theater!
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1318
%
Hersilie sagte von der Pilgernden Trin: "Wenn ich nrrisch 
werden mchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so wre es auf 
diese Weise."
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1319
%
Das Erhabene, fr uns bererhabene, hchst Verehrungswerte, 
doch, genau besehen, mit einem absurden, ja infamen Empirischen 
Verbundene macht uns stutzig, und man entschliet sich schwer.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1320
%
Wie das Unbedingte sich selbst bedingen und so das Bedingte zu 
seinesgleichen machen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1321
%
Dass das Bedingte zugleich unbedingt sei. Welches unbegreiflich 
ist, ob wir es gleich alle Tage erfahren.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1322
%
Der Empirismus, zur Unbedingtheit { erhht, / erweitert, } ist 
ja Naturphilosophie. (Schelling.)
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1323
%
Dass es dem Menschen selten gegeben ist, in dem einzelnen Falle 
das Gesetz zu erkennen. Und doch, wenn er es immer [?] in Tausenden 
erkennt, muss er es ja wieder in jedem Einzelnen finden. Die groen 
Umwegen [?] erspart sich der Geist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1324
%
Alle Verhltnisse der Dinge wahr. Irrtum allein in dem 
Menschen. An ihm nichts wahr, als dass er irrt, sein Verhltnis zu 
sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1325
%
Wissen: Das Bedeutende der Erfahrung, das immer ins Allgemeine 
hinweist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1326
%
         Geschichte der Wissenschaft:
Was muss zu allen Zeiten den Menschen von Haus aus interessieren?
Wie hat man nach und nach gesucht, sich davon Rechenschaft zu 
geben oder sich zu beruhigen?
            Geschichte des Wissens:
Was ist dem Menschen nach und nach bekannt geworden?
Wie hat er sich dabei und damit benommen?
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1327
%
Niedertrchtigkeit der mittlern Zeit bis ins sechzehnte 
Jahrhundert, treffliche Menschen wie Aristoteles, Hippokrates durch 
dumme Mrchen lcherlich zu machen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1328
%
Unglcklich ist immer derjenige, der sich in Korporationen 
einlsst. V. Humboldt darf von allem nichts melden, als was in Paris 
gilt. Was soll denn da aus dem werden, was wir Wissen und 
Wissenschaft nennen? In hundert Jahren wird es ganz anders aussehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1329
%
Bei den Kontroversen darauf zu sehen, wer das punctum saliens 
getroffen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1330
%
Voltaire kommt mir immer vor wie ein Zauberer, der einen 
Hexenkessel abschumt; es ist nur Schaum, was sein Lffel schpft; 
aber ein verteufelter Schaum, aus einem Kessel voll unendlicher 
Ingredienzien aufsiedend.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1331
%
Dass die Natur, die uns zu schaffen macht, gar keine Natur mehr 
ist, sondern ein ganz anderes Wesen als dasjenige, womit sich die 
Griechen beschftigten.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1332
%
Die Griechen nannten Entelecheia ein Wesen, das immer in 
Funktion ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1333
%
Die Griechen, wenn sie beschrieben oder erzhlen, sprachen 
weder von Ursache noch von Resultat, sondern trugen die uere 
Erscheinung vor.
Auch in der Naturwissenschaft machten sie keine Versuche wie wir, 
sondern hielten sich an den einzelnen Erfahrungsfllen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1334
%
Die Funktion ist das Dasein, in Ttigkeit gedacht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1335
%
Alle Wirksamkeit ist strker am Mittelpunkt als gegen die 
Peripherie zu. Raum zwischen Mars und Jupiter.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1336
%
Ersparnis der Erfahrung
   Sndflut der Erfahrung,
   Dinge, wovon man nicht reden wrde, wenn man
   wsste, wovon die Rede ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1337
%
Bei Naturforschung auf Anordnung, auf System auszugehen, 
hinderlich und frderlich.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1338
%
Mathematik, die auf Konviktion, berfhrung ausgeht, weshalb 
gute Kpfe sich an ihr rgern.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1339
%
Man hrt, nur die Mathematik sei gewiss; sie ist es nicht mehr 
als jedes andere Wissen und Tun. Sie ist gewiss, wenn sie sich 
klglich nur mit Dingen abgibt, ber die man gewiss werden und 
insofern man darber gewiss werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1340
%
Das ist eben das Hohe der Mathematik, dass ihre Methode gleich 
zeigt, wo ein Ansto ist. Fanden sie doch dem Gang der himmlischen 
Krper nicht ihre Rechnungen gem und wendeten sich daher auf die 
Annahme [?] der Strungen und diese Strungen noch immer zu viel oder 
zu wenig.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1341
%
In diesem Sinne kann man die Mathematik als die hchste und 
sicherste der Wissenschaft ansprechen.
Aber wahr kann sie nichts machen, als was wahr ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1342
%
Was hat denn der Mathematiker fr ein Verhltnis zum Gewissen, 
was doch das hchste, das wrdigste Erbteil der Menschen ist, eine 
inkommensurable, bis ins Feinste wirkende, sich selber spaltende und 
wieder verbindende Ttigkeit? Und Gewissen ist's vom Hchsten bis ins 
Geringste. Gewissen ist's, was das kleinste Gedicht gut und 
vortrefflich macht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1343
%
Wenn diese Hoffnungen sich verwirklichen, dass die Menschen 
sich mit allen ihren Krften, mit Herz und Geist, mit Verstand und 
Liebe vereinigen und voneinander Kenntnis nehmen, so wird sich 
ereignen, woran jetzt noch kein Mensch denken kann. Die Mathematiker 
werden sich gefallen lassen, in diesen allgemeinen sittlichen 
Weltbund als Brger eines bedeutenden Staates aufgenommen zu werden, 
und nach und nach sich des Dnkels entuern, als Universalmonarchen 
ber alles zu herrschen; sie werden sich nicht mehr beigehen lassen, 
alles fr nichtig, fr inexakt, fr unzulnglich zu erklren, was 
sich nicht dem Kalkl unterwerfen lsst.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1344
%
Alle Kristallisationen sind ein realisiertes Kaleidoskop.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1345
%
... Es ist daher das Beste, wenn wir bei Beobachtungen soviel 
als mglich uns der Gegenstnde und beim Denken darber soviel als 
mglich uns unsrer selbst bewusst sind.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1346
%
Zum Schnen wird erforderte in Gesetz, das in die Erscheinung 
tritt.
                  Beispiel von der Rose.
In den Blten tritt das vegetabilische Gesetz in seine hchste 
Erscheinung, und die Rose wre nun wieder der Gipfel dieser 
Erscheinung.
Perikarpien knnen noch schn sein.
Die Frucht kann nie schn sein: Denn da tritt das vegetabilische 
Gesetz in sich (ins bloe Gesetz) zurck.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1347
%
Die Unmglichkeit, Rechenschaft zu geben von dem Natur- und 
Kunstschnen: Denn
ad 1. mssten wir die Gesetze kennen, nach welchen die allgemeine 
Natur handeln will und handelt, wenn sie kann; und
ad 2. Die Gesetze kennen, nach denen die allgemeine Natur unter 
der besondern Form der menschlichen Natur produktiv handeln will und 
handelt, wenn sie kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1348
%
Schnheit der Jugend aus Obigem abzuleiten. Alter stufenweises 
Zurcktreten aus der Erscheinung. Inwiefern das Alternde schn 
genannt werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1349
%
Beharren eines jeden im Charakter, bis zum Gipfel des 
menschlichen Daseins, ohne an die Rckkehr zu denken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1350
%
Die Schnheit zeigt milde, hohe bereinstimmung alles dessen, 
was unmittelbar, ohne berlegen und Nachdenken zu erfordern, gefllt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1351
%
Vollkommene Knstler haben mehr dem Unterricht als der Natur zu 
danken.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1352
%
Die hchste Absicht der Kunst ist, menschliche Formen zeigen, 
so sinnlich bedeutend und so schn, als es mglich ist.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1353
%
Friedrich der Zweite zu Pferd nach Chodowiecky ist in Zinn 
gemalt in Nrnberg zu haben; gewhnlich fhrt er die Soldaten der 
Kinder an und ist auch da noch ehrwrdig.
Ich mchte ihn aber doch auf hnliche Art weder in Lebensgre 
noch weniger kolossal mit Augen sehen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1354
%
Zeichnet doch eure patriotischen Gegenstnde! Ein Knig, der 
auf einer Brunnenrhre sitzt und denkt. Ja, wenn ihr seine Gedanken 
zeichnen knntet!
Ein solcher Knig hat mit eurer bildenden Kunst [nichts] zu tun; 
er soll nur im Geist und in der Wahrheit verehrt werden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1355
%
Zeichnet, stecht in Kupfer, bezahlt, verkauft, belohnt immer in 
offenbarer Stille, und wenn euch ein tadelnd Wort trifft, so lasst's 
ja hingehn; aber reizt nur niemanden, diese Armseligkeiten immer 
lauter und lauter vor den Ohren der Welt auszulachen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1356
%
Wenn ihr sagt: "Wir machen so", da hat kein Mensch was dagegen; 
sagt ihr aber: "Ihr sollt's auch so machen, euch nach unserer 
Beschrnkung beschrnken", da kommt ihr um vieles zu spt.
Ein Bildhauer, der aus Marmor Patrioten - Husarenpelze hauen muss, 
sollte dies mit Zerknirschen, als einer traurigen Notwendigkeit 
gehorchend, verrichten und sich freuen, wenn sich eine fremde Stimme 
erhebt, die das nun eben nicht als das Heil ...
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1357
%
Paris ist offen; Italien wird's auch werden; solang' uns der 
Atem bleibt, werden wir den Knstler in das Weite der Welt und Kunst 
und in die Beschrnktheit seiner selbst weisen.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1358
%
Sich in seiner Beschrnktheit gefallen, ist ein elender 
Zustand; in Gegenwart des Besten seine Beschrnktheit fhlen, ist 
freilich kein Glck, aber es kann zum Glck fhren - - ngstlich, 
aber diese Angst erhebt.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1359
%
Indem das Heil. rmische Reich dem verdienten Helden eine 
Statue setzen will, setzt es in corpore in eine Lotterie. Es ist zu 
frchten, dass es eine Kunstniete zieht.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1360
%
Das Menschlich-Liebenswrdige, Zarte unter der Form einer 
imaginierten bildenden Kunst. Klosterbruder, Sternbald.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1361
%
Bei Betrachtung von Kunstwerken, sowohl dichterischen als 
bildnerischen, des 3. und 4. Jahrhunderts lsst sich bemerken, wie 
lange die Knstler noch am alten guten Sinne festgehalten haben, da 
schon alles um sie her dafr erstorben war. Erklrungsart der 
Kunstwerke auf diesem Wege. Sie sind keineswegs abstrus, sondern 
plastisch zu nennen. S. das Kapitolinische Basrelief mit dem 
Prometheus pp.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1362
%
Organische Natur: Ins Kleinste lebendig; Kunst: Ins Kleinste 
empfunden.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1363
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Konflikte. Sprnge der Natur und Kunst. Eintretender Genius zur 
rechten Zeit. Element genugsam vorbereitet. Nicht roh und starr. Auch 
nicht schon verbraucht. Ebenso mit der Organisation. Hier springt die 
Natur auch nur, insofern alles vorbereitet ist, als ein Hheres, in 
die Wirklichkeit Tretendes zur eminenten Erscheinung gelangen kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1364
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Perspektivische Gesetze: Die mit so groem Sinn als Richtigkeit 
die Welt auf das Auge des Menschen und seinen Standpunkt beziehen und 
dadurch mglich machen, dass jedes sonderbare, verworrene Gedrng' 
von Gegenstnden in ein reines, ruhige Bild verwandelt werden kann.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1365
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         Poetische Metamorphosen.
Phantasie ist der Natur viel nher als die Sinnlichkeit, diese ist 
in der Natur, jene schwebt ber ihr. Phantasie ist der Natur 
gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht.
Frhste, lebhafte, tchtige Sinnlichkeit finden wir immer sich zur 
Phantasie erhebend. Sogleich wird sie produktiv, anthropomorphisch. 
Felsen und Strme sind von Halbgttern belebt, Untergtter endigen 
unterwrts in Tiere: Pan, Faune, Tritone. Gtter nehmen Tiergestalt 
an, ihre Absichten zu erfllen. Welche Fabeln sind die ltesten 
dieser Art?
Bei Ovid ist die Analogie der tierischen und menschlichen Glieder 
im bergang trefflich ausgedrckt. Dante hat eine hchst merkwrdige 
Stelle dieser Art.
		-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1366
%
